Kindergärtnerinnen erhalten mehr Lohn – aber nicht alle

Bildungsdirektorin Silvia Steiner will den Beruf aufwerten. Ältere Betreuerinnen sprechen von einer «Zweiklassenlösung».

Der Grund für die Missstimmung bei den Kindergärtnerinnen ist die Bedingung, an die der Kanton die Lohnerhöhung knüpfen will. Symbolbild: Keystone

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Sophie Blaser hat gute Aussichten auf eine Lohnerhöhung. Die 27-Jährige ist Kindergärtnerin in der Stadt Zürich, studierte dafür an der Pädagogischen Hochschule und dürfte künftig einige Hundert Franken im Monat mehr verdienen als heute.

Doch ihre Freude über die gute Nachricht ist getrübt. Blaser sagt: «Viele meiner Arbeitskolleginnen werden nicht von dieser Lohnerhöhung profitieren. Das wird sie tief treffen.»

Grund für die Missstimmung ist die Bedingung, an die der Kanton die Lohnerhöhung knüpfen will. Diese hat Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) am Donnerstag an einer Medienkonferenz erläutert. Sie will den Beruf lohnmässig aufwerten und damit seine Bedeutung unterstreichen. Profitieren sollen davon aber nur jene Kindergärtnerinnen und Kindergärtner, die ihre Ausbildung an der Fachhochschule abgeschlossen haben, und zwar jenen Studiengang, der die Ausbildung zur Kindergärtnerin und Primarlehrerin kombiniert.

Es sei rechtlich unmöglich, ohne Hochschulabschluss in eine höhere Lohnstufe aufzusteigen, sagt Silvia Steiner (Mitte). Foto: Andrea Zahler

Das bedeutet für rund 60 Prozent der heutigen Kindergärtnerinnen, dass sich für sie nichts ändert – ausser sie besuchen an der Pädagogischen Hochschule eine Weiterbildung und holen den benötigten Abschluss nach. Grob gerechnet, handelt es sich dabei um rund 1000 Lehrpersonen, die für die angepeilte Lohnstufe nicht genügend qualifiziert sind. Betroffen sind mehrheitlich Kindergärtnerinnen ab 35 Jahren. Ein Grossteil der jüngeren hat bereits die nötige Fachhochschulausbildung.

Weiterbildung unklar

Zur geplanten Weiterbildung sind viele Fragen offen – wie lange sie dauern, wie akademisch sie ausgerichtet sein soll und wie die Berufserfahrung angerechnet würde. Heinz Rhyn, Rektor der Pädagogischen Hochschule, sagt: «Sie wäre kurz, berufsbegleitend, aber fachlich angemessen.» Er versichert, die Berufserfahrung solle in irgendeiner Form angerechnet werden.

Für Yvonne Tremp (54) ist es «sehr stossend», dass sie eine zusätzliche Weiterbildung brauchen würde. Sie ist seit 30 Jahren Kindergärtnerin in Zürich. Als sie ihre Ausbildung machte, gab es die Möglichkeit der Fachhochschule noch nicht. Sie lernte ihren Beruf am Seminar, wie damals üblich, besuchte Weiterbildungen, zum Beispiel auch jene zur Grundstufenlehrerin. Nie hätte sie mit dieser Zweiklassenlösung gerechnet, sagt Tremp. Sie tönt ebenso enttäuscht wie Ursina Zindel, Präsidentin des Kindergartenverbandes Zürich. Für Zindel geht der Vorschlag zwar in die richtige Richtung und ist dennoch ein «Affront», vor allem für ältere Kindergärtnerinnen. Viele von ihnen führen heute die Studienabgängerinnen in den Beruf ein und teilen ihre Erfahrungen.

Gemeinsam mit der Gewerkschaft VPOD kämpft der Kindergarten-Verband weiterhin dafür, dass alle Lehrkräfte dereinst denselben Lohnsprung machen können. Im kantonalen Reglement sind sie heute in der Lohnstufe 18 eingeordnet. Der Verband will jedoch die Lohnstufe 19 für alle, nicht nur für jene mit einem Hochschulstudium.

Die Gewerkschaft VPOD will eine Klage prüfen, falls der Kanton seine Bedingung nicht anpasst.

Bildungsdirektorin Silvia Steiner kontert, es sei rechtlich unmöglich, ohne entsprechende Weiterbildung die Lohnstufe zu erhöhen. Jede Stufe habe ihre Bestimmungen und Anforderungen.

Die Kindergärtnerinnen führen bereits einen langen Kampf um die Anerkennung ihres Berufs. Sie fordern den gleichen Lohn wie Primarlehrer, die Erst- bis Drittklässler unterrichten. Seit über zehn Jahren gehört der Kindergarten zur Schule, Kindergärtnerinnen richten sich nach dem Lehrplan 21, führen Elterngespräche und sind Teil von Primarstufenteams. Trotzdem verdienen sie weniger. Für einen ebenbürtigen Lohn zogen sie vor einigen Jahren bis vor Bundesgericht und beschwerten sich wegen Lohndiskriminierung. Doch das Bundesgericht stützte 2017 die Praxis des Kantons.

Silvia Steiner hätte sich auf diesem Sieg ausruhen und nichts tun können, um die Löhne anzupassen. Sie sagt aber: «Es ist mir ein persönliches Anliegen, die Arbeitsbedingungen der Kindergärtnerinnen zu verbessern.» Nach wie vor geniesse die Betreuung von Kleinkindern in der Gesellschaft zu wenig Anerkennung. Das sei nicht richtig. Gerade der Kindergarten sei ein wichtiger Ort, zum Beispiel für die ­Integration.

Kindergärtnerinnen gesucht

An der Medienkonferenz betonten alle Rednerinnen, wie wichtig der Beruf und wie gross das Anliegen sei, die Rahmenbedingungen künftig attraktiver zu gestalten. Das ist auch bitter nötig: Seit einigen Jahren gibt es einen Mangel an Kindergärtnerinnen. So erzählen verschiedene Frauen aus der Praxis, wie leicht es für sie sei, eine Stelle zu erhalten. Dass sie sich aussuchen könnten, wo sie arbeiten wollten, und fast schon angefleht würden, ihre Prozente zu erhöhen. Sei eine Stelle frei, gehe es lange, jemanden zu finden. Die Schulen würden sogar Frauen bis 70 beschäftigen und Pensionierte zurückholen, um alle Kindergartenklassen zu besetzen.

An der Pädagogischen Hochschule gibt es zurzeit noch zwei Ausbildungswege für Kindergärtnerinnen. Jenen, der kombiniert ist mit den Primarlehrerinnen, und jenen, der sich auf den Kindergarten konzentriert. Dieser verzeichnet seit Jahren sinkende Zahlen. Deshalb will ihn die Fachhochschule abschaffen.

Wann das so weit sein wird, bleibt vorerst offen – genauso wie der Zeitpunkt der Lohnerhöhung. Steiner hofft, diese auf das Schuljahr 2021/22 einführen zu können. Vorerst läuft die Vernehmlassung, später wird der Kantonsrat darüber entscheiden.

Drohgebärde des VPOD

Der VPOD kündigt bereits an, eine Klage zu prüfen, falls die Bildungsdirektion ihre Bedingung für die Lohnerhöhung nicht ändert. Die Gewerkschaft sieht sich gestützt vom Fall Schaffhausen. Dort wehrten sich die älteren Kindergärtnerinnen, weil sie nicht in derselben Lohnklasse eingestuft wurden wie ihre jüngeren Kolleginnen. Nun erhalten sie ab 2020 alle mehr Lohn.

Erstellt: 26.09.2019, 22:25 Uhr

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