Kindergarten oder Grundstufe? Das spielt keine Rolle

Der Schlussbericht zum Schulversuch zeigt: Die Grundstufe hat sich auf der ganzen Linie bewährt. Aber die dort eingeschulten Kinder werden später nicht zu besseren Schülern als normale Kindergärtler.

Grundstufe funktioniert: Das Modell erhält gute Noten.

Grundstufe funktioniert: Das Modell erhält gute Noten. Bild: Keystone

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Der Streit um die beste Form der Einschulung tobt seit mehr als zehn Jahren. Seit heute ist klar: Es ist ein Streit um des Kaisers Bart. Ob Vierjährige in die Grundstufe gehen oder in den Kindergarten, ist nämlich einerlei. Dies hat die wissenschaftliche Evaluation der breit angelegten Schulversuche in zehn Deutschschweizer Kantonen und im Fürstentum Liechtenstein ergeben.

Der Schlussbericht, der heute von der Erziehungsdirektorenkonferenz Ostschweiz (EDK-Ost) vorgestellt wird und dem TA bereits vorliegt, erteilt aber dem neuen Schulmodell gute Noten. Die Ziele würden grundsätzlich erreicht: «Aus pädagogischen Überlegungen ist die Einführung der Grundstufe oder der Basisstufe bedenkenlos möglich», heisst es.

Am Anfang grössere Fortschritte

In der Evaluation wurden die Leistungen der Grundstufenkinder und jene von Kindergartenkindern miteinander verglichen. Dabei zeigte sich: Sie sind identisch. Grundstufenkinder machen zwar in den ersten beiden Jahren grössere Fortschritte im Lesen und Rechnen, doch die Kindergartenkinder haben ihren Rückstand bis zum Ende der zweiten Primarklasse wieder aufgeholt. Die Untersuchungen durchgeführt hat das Institut für Bildungsevaluation der Uni Zürich gemeinsam mit dem Institut für Lehr- und Lernforschung der Pädagogischen Hochschule St. Gallen.

Das sind die weiteren Befunde der Wissenschaftler zum Schulversuch:

  • Nicht nur der Kindergarten und die Grundstufe sind gleichwertig, sondern auch die beiden neuen Einschulungsmodelle Grund- und Basisstufe.
  • Mit dem Teamteaching (zwei Lehrpersonen unterrichten teilweise gleichzeitig) gelingt in der Grundstufe die Integration von Kindern mit speziellen Bedürfnissen. Die üblichen Einschulungsklassen sind nicht mehr nötig. Dafür entsteht eine neue Schnittstelle beim Übertritt von der Grundstufe in die 2. Klasse der Primarschule. Dieser gelingt unterschiedlich gut. Entscheidend ist der Einsatz der Lehrpersonen.
  • Leistungsstärkere Kinder werden durch die Integration schwacher Kinder nicht benachteiligt oder gebremst.
  • Das Teamteaching und die altersdurchmischten Klassen regen dazu an, individualisierende Lernformen anzuwenden. Sie fördern die Unterrichtsentwicklung.
  • Die Kinder werden in der Grundstufe nicht verschult. Im Gegenteil: Gegen Ende der Grundstufenzeit bekommen die Kinder mehr Gelegenheit zum Spielen als die Gleichaltrigen im herkömmlichen Schulmodell. Grundstufenkinder sind genauso glücklich wie die Kindergärtler.
  • Lehrpersonen und Eltern beurteilen die Grundstufe mehrheitlich positiv. Die Lehrpersonen sind nicht überfordert.
  • Die neuen Schulmodelle sind teurer als der heutige Kindergarten. Um wie viel, hängt damit zusammen, wie gross die Klassen sind und wie häufig eine zweite Lehrperson anwesend ist. In kleinen Gemeinden kann die Grundstufe aber sogar günstiger kommen, da mehrere Jahrgänge in der gleichen Klasse unterrichtet werden können.
  • Die Möglichkeit der unterschiedlichen Verweildauer in der Grundstufe wird häufig genutzt.
  • Kinder aus «bildungsfernen Schichten» können auch in der Grundstufe nicht genügend unterstützt werden. Die Ungleichheiten etwa beim Wortschatz können weder in der Grundstufe noch im Kindergarten verringert werden.

Im Kanton Zürich laufen die Grundstufenschulversuche seit sechs Jahren in 27 Gemeinden oder Stadtkreisen. 2012 laufen diese allerdings aus. Die vor kurzem eingereichte Prima-Volksinitiative verlangt nun die flächendeckende Einführung der Grundstufe im ganzen Kanton. Im Kantonsrat ist inzwischen ein Gegenvorschlag der FDP dazu eingegangen. Er verlangt, dass im Kanton Zürich sowohl Grundstufe als auch Kindergarten geführt werden dürfen.

Experte wirbt für Kindergarten

Studienleiter Urs Moser vom Institut für Bildungsevaluation an der Uni Zürich betonte gestern auf Anfrage, er erachte eine flächendeckende Einführung der Grundstufe im Kanton Zürich gegenwärtig weder als sinnvoll noch als machbar: «Im Kindergarten wird heute ein guter Job gemacht.» Moser bezeichnete die Grundstufe zudem als «Strukturreform ohne Anschluss», weil in der Primarschule weiterhin traditionell in Jahrgangsklassen unterrichtet werde. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.06.2010, 10:58 Uhr

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