Kinderspital Zürich hebt Beschneidungsstopp auf

Das Kinderspital Zürich führt wieder religiös begründete Knabenbeschneidungen durch. Das umstrittene Moratorium ist ab sofort aufgehoben.

Will vor den Eingriffen mehr Abklärungen machen: Kinderspital Zürich.

Will vor den Eingriffen mehr Abklärungen machen: Kinderspital Zürich. Bild: Keystone

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Das Kinderspital gibt in einer Mitteilung von heute Freitag bekannt, dass es wieder Beschneidungen an Knaben, die selbst dazu keine Stellung nehmen können, durchführen werde. Allerdings würden die Eingriffe erst nach «einer Einzelabwägung mit sorgfältiger Prüfung des Kindswohls» sowie nach «Aufklärung und Zustimmung beider Elternteile» durchgeführt.

Das Kinderspital gibt an, dass es nach seinem Entschluss vom 5. Juli, ein Moratorium für medizinisch nicht notwendige Beschneidungen einzuführen, die Situation genau analysiert habe. Es habe Vorgaben erarbeiten wollen, welche dem Kindeswohl maximal Rechnung tragen. Das Problem sei aber folgendes: Einerseits verletze der Eingriff zwar die körperliche Unversehrtheit eines Kindes, weil er nicht rückgängig gemacht werden kann. Andererseits stünden dieser «die möglichen negativen sozialen, soziokulturellen und religiösen Konsequenzen einer Eingriffsverweigerung» gegenüber.

Staatsanwaltschaft angehört

Das Spital schreibt, es sei sich bewusst, dass die Knabenbeschneidung auf alte Traditionen zurückgeht und aus dem Glauben oder sozial begründet wird. Grund für den Stopp war ein Gerichtsurteil aus Deutschland, das Beschneidung als Körperverletzung einstufte. Das Kinderspital schreibt, die Leitende Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich gehe davon aus, dass die nicht medizinisch verordnete Beschneidung auch in der Schweiz den Tatbestand der einfachen Körperverletzung erfülle.

Doch laut dem Leitenden Oberstaatsanwalt Andreas Brunner habe die Gesellschaft, Kultur und Politik diese Beschneidungspraxis akzeptiert. Deshalb müsse zum heutigen Zeitpunkt nicht davon ausgegangen werden, dass gegen einen ausführenden Arzt Anklage erhoben wird.

(jcu/pu/sda)

Erstellt: 10.08.2012, 11:11 Uhr

Juden und Muslime sind zufrieden mit Kispi-Entscheid

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund ist zufrieden mit dem Entscheid des Zürcher Kinderspitals (Kispi), religiös begründete Knabenbeschneidungen wieder durchzuführen.

Wie SIG-Präsident Herbert Winter am Freitag auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA sagte, ist es «gut und richtig», dass das Kispi für den Eingriff die Zustimmung beider Elternteile verlangt. Und dass das Kindeswohl im Zentrum stehe, sei auch für Juden unabdingbar: «Das Kindeswohl ist ein sehr hohes Gut», so Winter.

Den Moratoriumsentscheid habe er als «total überstürzt» empfunden, erklärte der SIG-Präsident weiter. Noch dazu, weil er sich auf ein Urteil im Ausland gestützt hatte. Offenbar habe sich das Kispi jetzt «eines Besseren besonnen» und verstanden, dass nach geltendem Schweizer Recht die Knabenbeschneidung keine strafbare Handlung ist.

Auch der Sprecher der Vereinigung Islamischer Organisationen in Zürich (VIOZ), Muhammad M. Hanel, erklärte, man erachte den Entscheid als vernünftig. Die Bedingung, dass beide Elternteile einverstanden sein müssten, sei zu begrüssen - eventuelle Bedenken des Vaters wie auch der Mutter müssten berücksichtigt werden.

Der Nationalrat hatte vor anderthalb Jahren zwar die Genitalverstümmelung von Mädchen ins Strafgesetzbuch aufgenommen. Er weitete den entsprechenden Artikel aber ausdrücklich nicht auf die Knabenbeschneidung aus. (SDA)



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