Kirche, bleib bei den Menschen

Dass die Kirche ihr Überleben langfristig sichern will, ist legitim. Doch das soll sie nicht als Immobilienspekulantin tun, sondern als Institution, die den Menschen ein Zuhause gibt.

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Die Zürcher Reformierten sind keine fleissigen Kirchgänger. Nur wenige zieht es Sonntag für Sonntag in die städtischen Gottesdienste. Dennoch bezahlen die über 85'000 Reformierten Jahr für Jahr Kirchensteuern. Viele von ihnen tun dies nicht aus religiöser Überzeugung. Sie wollen das soziale Engagement der Kirche unterstützen. Seelsorger geben Menschen in Lebenskrisen Rückhalt, Pfarrer besuchen Seniorenheime, Jugendarbeiter helfen Kindern und Jugend­lichen. Damit nimmt die Kirche eine wichtige soziale Aufgabe in unserer Gesellschaft wahr.

Doch die Mittel, mit denen die Kirche ihr gemeinnütziges Engagement finanziert, gehen zurück. Zwar müssen auch Firmen Kirchensteuern bezahlen, was den Kirchen viel Geld in die Kasse spült. Die Zahl der zahlenden Gemeindemitglieder nimmt jedoch jedes Jahr ab. Die Kirche sucht also nach neuen Möglichkeiten, sich zu finanzieren. Sie will alte Pfarrhäuser abreissen und neue Häuser bauen, um Wohnungen zu Marktpreisen zu vermieten. Wer im Kirchgemeindehaus ein Treffen plant, wird zur Kasse gebeten.

Dass die Kirche nach Wegen sucht, ihr Überleben langfristig zu sichern, ist legitim. Doch die Kirche soll nicht als Immobilienspekulantin überleben, sondern als Institution, die den Menschen ein Zuhause gibt. Heute profitieren viele gemeinnützige Organisationen, die nicht direkt zur Kirche gehören, von den günstigen Räumen. Da sprechen Alkoholiker über ihre Sucht, einsame Witwer lesen im Kirchgemeindehaus gemeinsam Bücher, und Babys alleinerziehender Mütter krabbeln zusammen um die Wette. Ob sie dies in Zukunft tun können, ist fraglich. Die Kirche will auch Selbsthilfegruppen, Lesegemeinschaften oder Familientreffs künftig keine günstigen Mieten mehr ermöglichen. Zwar wird erwogen, einzelne Organisationen mit Subventionen zu unterstützen, aber marktübliche Mieten müssen sie alle zahlen. Und das Geld fliesst nicht etwa zurück an die Menschen, sondern in neue Immobilien.

Wie steht im Lukasevangelium: «Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2017, 22:10 Uhr

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