Klassengrösse: 70 Schüler

In einer Baracke beim Güterbahnhof dürfen jene in den Unterricht, für die es sonst keine Angebote gibt. Nun ist das Projekt in Gefahr, weil die Autonome Schule aus ihren Räumlichkeiten ausziehen muss.

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Es ist kurz nach 14 Uhr an einem Freitagnachmittag. Die Räume der Baracke beim Güterbahnhof, in der die Autonome Schule seit April 2010 untergebracht ist, füllen sich mehr und mehr. Man kennt sich: Hände werden geschüttelt, man nennt sich beim Vornamen. Ein munteres Gewirr aus vornehmlich afrikanischen und nahöstlichen Sprachen und gebrochenem Deutsch erfüllt den engen Gang zwischen den Klassenzimmern. Diesen zieren linkspolitische Aufrufe und Statements wie «I don't believe in charity, i believe in solidarity».

«Wir platzen langsam aus allen Nähten», erklärt Michael* vom Verein Bildung für alle, welcher die Autonome Schule durch Freiwilligenarbeit betreibt. Rund 200 Menschen würden mittlerweile die Gratiskurse besuchen. «An manchen Tagen haben wir in der grössten Klasse bis zu 70 Teilnehmer.»

Gemeinden schicken Flüchtlinge

Die meisten, die hier einen Kurs besuchen, dürfen in der Schweiz nicht oder nur kurzfristig arbeiten. Entweder sind sie noch im Asylverfahren (Ausweis N) oder vorläufig aufgenommen (Ausweis F). Ihr Status kann sich jederzeit ändern – und das selten zu ihren Gunsten. Viele sind gar illegal in der Schweiz. Und das seit Jahren. Die Gemeinden im Kanton – mit Ausnahme der Stadt Zürich – nehmen für die Flüchtlinge so wenig Geld wie möglich in die Hand. Deutschkurse oder Ähnliches wird kaum mehr angeboten.

«Oft schicken die Gemeinden die Asylsuchenden nun zu uns», erklärt Michael. Roman Della Rossa, Sprecher der ORS Service AG, welche für verschiedene kantonale Gemeinden das Asylwesen koordiniert, bestätigt dies: «Die Autonome Schule ist eines von verschiedenen Gratisangeboten, welche wir Asylsuchenden empfehlen.» Vier bis fünf neue Kursteilnehmer verzeichnet die Schule so pro Woche.

Abed ist einer von ihnen. Der 29-Jährige flüchtete 2006 aus dem Iran. Als Mitglied einer dort verbotenen kurdischen Partei habe ihm Folter und Verfolgung gedroht. Seine Flucht führte ihn über Syrien, Griechenland, die Türkei und Deutschland. Seit 2008 lebt er in der Schweiz. Abed fühlt sich schuldig. Vor kurzem starb seine Mutter, erst 59-jährig. «Ich glaube, das hatte auch mit meiner Flucht zu tun.» Immer wieder sei sie deswegen von den iranischen Behörden drangsaliert worden, machte sich Sorgen um ihren Sohn und ihre eigene Situation.

Vom Schüler zum Lehrer

Hier in der Schweiz lebt er in einer Containersiedlung in Fehraltorf. Zwischenzeitlich durfte er bei einer Gärtnerei arbeiten, sein aktueller Asylstatus lässt dies aber nicht mehr zu. Nun sitzt er zusammen mit anderen Flüchtlingen in der Küche der Autonomen Schule und erzählt von seinen Erlebnissen in der Schweiz. Alle gehen darin einig, dass sie sich hier meist als Menschen zweiter Klasse fühlen. Ständige Polizeikontrollen, Rayonverbote, weil sie sich weigerten, sich in aller Öffentlichkeit bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Der stets spürbare Verdacht, dass sie etwas Illegales gemacht hätten. «Wenn in der Nähe eines Asylbewerberheims eine Katze verschwindet, heisst es gleich, wir hätten diese geklaut und gegessen», meint Abed. In der Runde bricht Gelächter aus. «Weshalb sollten wir so etwas tun?»

Von der Autonomen Schule hat Abed über Freunde gehört und anfangs einen Deutschkurs besucht. Nun arbeitet er dort selbst als Freiwilliger, übernimmt administrative Aufgaben und informiert Neulinge über das Angebot und die Abläufe. Zwar bilden Deutschkurse das Herzstück des Bildungsangebotes, das von rund 40 Freiwilligen fast täglich zur Verfügung gestellt wird. Viele, die hier Deutsch gelernt haben, geben nun aber selber Kurse. So kann man von Türkisch und Mathematik über Karikaturenzeichnen bis hin zum Möbelbau vieles Lernen. Auch Essen wird in der hauseigenen Küche regelmässig angeboten. «Jeder darf und soll bei uns mitarbeiten. Dabei ist es egal, ob jemand Schüler oder Lehrer oder beides ist, oder welche Aufenthaltspapiere er hat», gibt Michael an.

Zehnmal umgezogen

Die Autonome Schule entstand Anfang 2009 in der Zürcher Besetzerszene. Zu Beginn gaben ein paar Freiwillige Kurse für rund 30 Personen. Innerhalb eines Jahres zog die Schule rund zehnmal um. Wiederholt musste sie legale Zwischenlösungen wieder verlassen, oder die Polizei verlangte die Räumung besetzter Räumlichkeiten. Im Sommer hatte man deshalb manchmal auch Kurse unter freiem Himmel am See durchgeführt. Seit April 2010 nun nutzt man die Baracke beim Güterbahnhof. Erst ebenfalls besetzt, konnten die Betreiber mittlerweile einen Gebrauchsleihevertrag aushandeln. Doch auch dieser läuft aus – im kommenden März. «Wir brauchen dringend einen neuen Ort», erklärt Michael. «Am besten ein Haus mit viel Platz, das wir autonom nutzen können.»

Im kleinen Raum der Klasse von Claudia sitzen etwa 15 Männer. Ausser der Politologiestudentin, die an diesem Nachmittag sämtliche Vergangenheitsformen der deutschen Sprache erklärt, ist keine Frau zu sehen. «Wir haben viel mehr Männer als Frauen», gibt Claudia an. Weshalb dies so ist, kann sie nur vermuten: «Für Frauen ist eine Flucht wohl viel gefährlicher.»

Grammatik büffeln, Weihnachten erklären

Claudia sagt, sie habe mit der Besetzerszene eigentlich nichts am Hut. «Wir sind uns aber darin einig, dass man mit der Schule eine Lücke stopft, die eigentlich der Staat stopfen sollte», erklärt sie ihr Engagement. Seit wenigen Monaten erst gibt sie einmal wöchentlich einen Kurs. Unterrichtsmaterialien müsse man selbst zusammenstellen. Meist werden Übungen und Gramatikregeln auf Blättern verteilt. Für Bücher fehlt das Geld.

Nichtsdestotrotz: «Die Teilnehmer sind immer sehr motiviert.» Claudia sagt das mit einer Freude, die wirkt, als sei sie darüber manchmal selber überrascht. Und Deutsch ist nur ein Teil dessen, was sie der Klasse mit auf den Weg gibt. «Vor kurzem nahmen wir das Thema Weihnachten durch. Alle waren brennend interessiert und wollten wissen, weshalb wir hier überall Bäume aufstellen.»

Mit Herzblut an der Arbeit

Laut Michael will die Autonome Schule nicht nur Kurse anbieten, sondern sich politisch engagieren. Als eine Gratis-Abendzeitung kürzlich fehlerhaft titelte: «60 Prozent der Asylbewerber sind HIV-positiv», führte man eine Protestaktion durch. «Unsere Medienmitteilung dazu haben wir ebenfalls im Unterricht entworfen. Da flossen die Gefühle und Eindrücke der Flüchtlinge direkt mit ein.» Diese selbst schätzen, dass man stets viel diskutiert, ihre Anliegen und Ängste thematisiert. «Ich habe hier so viel gelernt, alleine schon, weil man ständig mit allen im Austausch ist», meint Abed. «Man merkt einfach, dass die Leute hier mit Herzblut an der Arbeit sind.»

Zurück in der Küche wird es langsam eng. Ein halbes Dutzend Leute wartet ungeduldig, nippt am Kaffee. Eine Frau fragt: «Braucht ihr noch lange oder können wir hier heute noch in unseren Deutschkurs?»

*Auf Wunsch der Betreiber der Autonomen Schule werden im Artikel nur die Vornamen sämtlicher Protagonisten verwendet (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.01.2013, 14:44 Uhr

Deal mit Polizei

Im Jahr 2010 hatte die Polizei im Umfeld der Autonomen Schule mehrere Kontrollen durchgeführt. Dies wohl, weil bekannt war, dass sich dort regelmässig viele illegal in der Schweiz lebende Personen befinden. Laut Reto Casanova, Sprecher des städtischen Polizeidepartementes, hätten sich darauf Vertreter der Schule mit Verantwortlichen der Stadt und Polizei getroffen. Das Resultat: Die Polizei führt keine gezielten Kontrollen im Umfeld der Schule mehr durch. Casanova stellt aber klar: «Das heisst nicht, dass dort ein rechtsfreier Raum besteht.»

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