Klassengrösse ist das Hauptproblem

Weder die Integration, noch die Bürokratie oder die angeblich tiefen Löhne treiben die Zürcher Lehrer am meisten um. Sie haben andere Sorgen, sagt eine neue umfassende Umfrage.

Die durchschnittliche Schülerzahl in der Primarschule liegt im Kanton Zürich bei 20,8 Kindern – ein hoher Wert im nationalen Vergleich.

Die durchschnittliche Schülerzahl in der Primarschule liegt im Kanton Zürich bei 20,8 Kindern – ein hoher Wert im nationalen Vergleich. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Die moderne Schule bringt die Lehrerinnen und Lehrer an ihre Belastungsgrenzen. Als Ursachen der Überlastung nannten die Lehrerverbände bis anhin stets die wuchernde Bürokratie, die vielen Sitzungen, die Integration von schwierigen Kindern, die vielen Pflichtlektionen – bei tiefen Löhnen. Jetzt wollte es der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband (ZLV) genau wissen und startete eine grosse Umfrage. Etwa tausend Lehrpersonen haben sich daran beteiligt, was knapp einem Drittel der ZLV-Mitglieder entspricht.

Die Lehrer mussten elf Probleme nach Wichtigkeit ordnen. Dabei zeigte sich: Die angeblichen Ursachen der Belastung rangieren unter ferner liefen. Als Hauptproblem sehen die Lehrerinnen und Lehrer die grossen Klassen – und zwar über alle Stufen hinweg. Nur die Sek-Lehrpersonen setzten das Problem der grossen Klassen auf Rang zwei.

Von diesem eindeutigen Resultat ist ZLV-Präsidentin Lilo Lätzsch überrascht. Auf einen Aufruf an Lehrpersonen mit grossen Klassen haben sich laut Lätzsch vor einem Jahr nur Vereinzelte gemeldet. Sie kann das Resultat aber nachvollziehen. «Trotz Sitzungen und Administration prägt die Arbeit mit den Schülern den Alltag der Lehrpersonen am meisten.» Zudem seien die Klassen heterogener geworden, und es werde erwartet, dass die Lehrer nicht mehr immer mit allen das Gleiche tun.

Lätzsch glaubt trotz des Resultats nicht, dass der ZLV an den Bedürfnissen der Basis vorbeipolitisiert, wenn er höhere Löhne oder weniger Bürokratie fordert. Ein Drittel der Befragten wünsche sich sogar noch ein entschiedeneres Auftreten gegenüber den Arbeitgebern, wie die Umfrage ebenfalls zeige.

Mehrheitlich unter 20 Kindern

Die Klassengrössen sind im Kanton Zürich seit Jahren stabil. Im Schuljahr 2011/12 lag die durchschnittliche Klassengrösse im Kanton Zürich bei 19 Kindern im Kindergarten, bei 20,8 in der Primarschule und bei 18,7 in der Sekundarschule. Diese Grössen sind im nationalen Vergleich eher hoch – insbesondere in der Primarschule. In den europäischen Ländern liegt der Durchschnitt bei knapp 22 Schülern pro Klasse.

2011/2012 gab es im Kanton Zürich total 6600 Kindergarten- und Volksschulklassen, 3600 hatten 20 oder weniger Schülerinnen und Schüler. In 132 Klassen sassen 26 oder mehr Schülerinnen und Schüler. Diese Klassen sind nach Zürcher Recht zu gross. Die Verordnung schreibt in der Primarschule und in der Sekundarschule A eine maximale Klassengrösse von 25 Schülerinnen und Schülern vor, in der Sek B liegt sie bei 23, in der Sek C bei 18 und im Kindergarten bei 21 Kindern. Wenn eine Klasse über die maximale Grösse anwächst, muss die Lehrerin oder der Lehrer entlastet werden, wenn der Zustand länger anhält, muss die Schule die Klasse teilen.

Mit den grossen Klassen ist insbesondere die EVP nicht zufrieden. Sie will mit einer Volksinitiative die maximale Klassengrösse für alle Stufen auf 20 Schülerinnen und Schüler beschränken. Erstaunlich dabei ist, dass die EVP grösste Mühe hatte, die nötigen 6000 Unterschriften zusammenzubringen, obwohl in der Volksschule rund 15'000 Lehrpersonen arbeiten. Darum beschwerte sich EVP-Präsident Johannes Zollinger auch über mangelndes Engagement der Lehrerschaft. «Wahrscheinlich sind die Lehrerinnen und Lehrer etwas ermüdet», sagte er. ZLV-Präsidentin Lilo Lätzsch wehrt sich gegen den Vorwurf, ihr Verband habe die EVP nur halbherzig unterstützt: «Wir haben entscheidende Stimmen für die Initiative beigesteuert.»

Starre Grösse nicht sinnvoll

Mit der Umfrage gerät Lätzsch nun unter Druck, mehr für die Klassengrösseninitiative zu tun. Sie betonte gestern denn auch: «Der ZLV steht hinter der Initiative.» Sie räumt dem Vorhaben aber nur kleine Chancen ein. Denn es müssten im Kanton Zürich 1300 neue Schulklassen eröffnet werden. Das würde nicht nur massiv mehr Lehrpersonen nötig machen, sondern die Schule auch um 120 Millionen Franken pro Jahr verteuern. Aus diesem Grund hat der Regierungsrat bereits seine Ablehnung bekannt gegeben. Voraussichtlich im Herbst wird das Anliegen auch im Kantonsrat verhandelt.

Lätzsch ist auch persönlich nicht ganz glücklich. Sie erachtet eine starre Maximalgrösse nicht als sinnvoll. Denn eine 20er-Klasse sei nicht à priori zu gross: «Wenn es 20 pflegeleichte Kinder sind, kann der Stress kleiner sein, als wenn in einer Klasse mit 10 Schülerinnen und Schülern 3 sehr schwierige Kinder sitzen.» Trotzdem will die ZLV-Präsidentin nach dieser Umfrage die Schwerpunkte im Verband neu festlegen. Oberste Priorität werde jetzt die Forderung nach mehr Ressourcen in den Schulzimmern haben. Der ZLV verlangt 150 Stellenprozent pro Klasse, heute sind es rund 125 Prozent. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2013, 20:35 Uhr

Reduktion der Schülerzahl reicht nicht

Kinder in kleinen Klassen werden nicht automatisch klüger. Der Unterricht muss erst anders werden.


Die Wissenschaft ist sich einig: Kleine Klassen haben einen positiven Einfluss auf Leistung und Wohlbefinden der Schüler, weil sich die Lehrer intensiver um die einzelnen Kinder kümmern können, weil sich die Kinder aktiver beteiligen und weil es im Unterricht weniger Störungen gibt. Eine Zusammenfassung der Forschungsergebnisse durch die unabhängige American Educational Research Association zeigt: In kleinen Klassen erbringen die Kinder bessere Leistungen im Lesen und in der Mathematik. Die Kluft zwischen schwachen und starken Schülern ist kleiner. Es gibt weniger Kinder, die sitzen bleiben. Der positive Einfluss der Klassengrösse ist bei Kindern im Kindergarten und in den ersten beiden Schuljahren gross, danach nimmt er ab. In den oberen Klassen ist er umstritten. Die Klassengrösse sollte idealerweise deutlich unter 20 Kindern liegen. Die Rede ist von Lerngruppen zwischen 7 und 13 Kindern. Zudem sollte der Unterricht nicht nur in einzelnen Stunden in kleinen Gruppen stattfinden, sondern möglichst den ganzen Tag.

Eine wichtige Einschränkung macht auch der Zürcher Bildungsforscher Urs Moser. Um die günstigen Voraussetzungen von kleinen Klassen zu nutzen, müssen die Lehrerinnen und Lehrer ihren Unterricht umstellen und mehr individualisieren. Die Forschergruppe um Urs Moser warnt aber auch vor Klassen mit mehr als 24 Kindern. Sie fürchtet dort eine signifikante Verschlechterung des Leistungsniveaus.

(Bild: TA-Grafik mt/ Quelle: ZLV (939 Befragte))

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