«Klinikdirektoren lassen sich nun mal nicht gern führen»

Rita Ziegler, die Direktorin des Zürcher Uni-Spitals, reagiert auf Kritik der Kaderärzte ihres Spitals. Diesen fehlt es an Vertrauen in die Führung, wie eine Befragung ergeben hat.

Spitaldirektorin Rita Ziegler: «Das sind happige Vorwürfe.»

Spitaldirektorin Rita Ziegler: «Das sind happige Vorwürfe.» Bild: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Ziegler, herrscht Ihrer Meinung nach zwischen den Kaderärzten des Uni-Spitals und der Spitaldirektion eine Vertrauenskrise?
Von einer Vertrauenskrise würde ich nicht reden. Wir wissen, dass es unzufriedene Klinikdirektoren gibt. Sie haben den Eindruck, sie würden von der Spitaldirektion zu wenig gehört. An einer Retraite im Januar sind solche Punkte auch angesprochen worden.

Die von der ETH im Auftrag der Chefärztegesellschaft durchgeführte Befragung hat ergeben, dass sich die Mehrzahl der USZ-Kaderärzte von der Spitaldirektion unfair behandelt fühlt. Auch wird eine ungerechte Verteilung von Verantwortlichkeiten und Ressourcen bemängelt. Ist diese Kritik für Sie nachvollziehbar?
In gewisser Weise schon: Am Uni-Spital hat sich gewaltig viel verändert. Seit der Verselbstständigung gibt es eine neue Führungsstruktur mit einem Spitalrat und einer Spitaldirektion. Das hat dazu geführt, dass viele Aufgaben und Kompetenzen anders verteilt sind als früher. Mit dieser Neuordnung tun sich manche Kaderärzte noch immer schwer. Sie fühlen sich zurückgesetzt.

Die Neuverteilung von Kompetenzen muss aber nicht zwangsläufig zu unfairem Verhalten führen.
Diesen Vorwurf müssen wir mit Professor Michael Fried, dem Präsidenten der Chefärztegesellschaft, thematisieren. Ich kann nur vermuten, dass viele Kaderärzte den Wunsch haben, sich mehr in die Gesamtführung des Spitals einzubringen, und dass es für sie eine Frage der Fairness ist, ob man ihnen das erlaubt oder verwehrt. Als Spitaldirektorin bin ich der Meinung, dass die Verantwortung klar verteilt sein muss: Die Klinikdirektoren haben die Aufgabe, ihre Kliniken zu führen, während die Spitaldirektion unter der Aufsicht des Spitalrats das Spital führt, was aber nicht heissen soll, dass ein Dialog ausgeschlossen ist.

Fast die Hälfte der Kaderärzte kritisiert, die Spitaldirektion verhalte sich nicht loyal und stehe nicht zu ihrem Wort. Diese Vorwürfe wiegen für eine Firmenleitung besonders schwer, finden Sie nicht?
Ja, das sind happige Vorwürfe. Zur Wortbrüchigkeit: Ich kann mich nicht entsinnen, dass wir uns jemals nicht an unsere Aussagen oder Versprechen gehalten hätten. Was die Illoyalität betrifft, so kritisieren uns einige Chefärzte dafür, dass wir uns nicht oder zu wenig schützend vor sie stellen, wenn sie in den Medien frontal angegriffen werden. Anlässlich der Retraite haben sie uns in aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben, dass sie das als illoyales Verhalten empfinden.

Das ist nachvollziehbar. Wie reagieren Sie darauf?
Wir müssen im Einzelfall abwägen, ob und wann eine Intervention nötig ist. Das wird immer situativ sein.

80 Prozent der Kaderärzte halten den Administrations- und Verwaltungsaufwand am USZ für überrissen. Er sei deutlich grösser als an anderen Spitälern, die sie kennen. Hat das USZ Fett angesetzt?
Das glaube ich nicht. Das USZ ist eine «Chaosorganisation» in dem Sinne, dass sie in vielen Jahren starken Wachstums Doppelspurigkeiten produziert hat, sowohl in den medizinischen Abläufen wie auch in der Administration. Wir sind dabei, schlankere Prozesse einzuführen. Es braucht aber Zeit, bis die neuen Strukturen da sind und greifen.

Reden wir von einem Jahr, von zwei Jahren oder von zehn?
Das ist eine Frage von zwei bis drei Jahren. Wir müssen in die Informationstechnologie investieren und zuerst das Neue schaffen, ehe wir das Alte ablösen können. Dieses Vorgehen wird von den Betroffenen als Wuchern der Administration wahrgenommen. Im Endeffekt soll sie sich aber verschlanken. Unsere Zahlen belegen, dass 75 Prozent der zusätzlichen Stellen der letzten drei Jahre ins medizinische Kerngeschäft geflossen sind und nur 20 Prozent in die Administration und den Betrieb.

Die Kaderärzte sagen, die Spitaldirektion sei die wahre Gewinnerin der USZ-Restrukturierung; die Klinikdirektoren seien die Verlierer. Das müsste Sie eigentlich freuen.
Freuen ist sicherlich das falsche Wort. Aber wenn man uns damit bescheinigt, dass die Aufgaben zwischen den Klinikdirektoren und der Spitaldirektion tatsächlich anders verteilt sind als früher, so ist das auch ein Zeichen, dass wir unserem Ziel näherkommen. Dabei geht es nicht um Gewinner und Verlierer, sondern um bessere Strukturen. Dass es wehtut, Kompetenzen abzugeben, versteht sich von selber. Anderseits bestätigen die Kaderärzte in der Umfrage ja auch, dass ihr Handlungsspielraum breit und ihre Gesamtzufriedenheit mit der Arbeit hoch ist. Klinikdirektoren lassen sich nun mal nicht gern führen, da muss man sich nichts vormachen.

Alarmierend ist indessen, dass nach Meinung der befragten Kaderärzte auch die Patienten zu den Verlierern der Restrukturierungen zählen; sie würden zu wenig gut versorgt.
Das stimmt meiner Meinung nach nicht. Unsere Umfragen bei den Patienten zeigen eine hohe Zufriedenheit mit den ärztlichen Leistungen und der Pflege. Ich interpretiere die Aussage eher als Angst vor möglichen künftigen Entwicklungen. Die immer neuen Sparrunden wirken auf die Ärzte demotivierend.

Die Kaderärzte beklagen auch die verminderte Konkurrenzfähigkeit des USZ im nationalen und internationalen Vergleich. Stimmen Sie dieser Diagnose zu?
Tatsächlich hat die Universität dem USZ in den letzten Jahren Geld entzogen. Momentan kostet uns die Forschung ca. 20 Millionen Franken mehr, als wir zur Verfügung haben; die Spitaldirektion musste deshalb auf die Bremse stehen. Das weckt bei den Kaderärzten natürlich Bedenken, was die Konkurrenzfähigkeit des USZ angeht. Umso wichtiger ist es, dass wir mit einer gescheiten Reorganisation weitere Mittel freibekommen.

Man könnte die Ankündigung der Kaderärzte, die Umfrage in 12 bis 18 Monaten zu wiederholen, als Kriegserklärung an die Spitaldirektion auffassen. Kommt die Botschaft bei Ihnen so an?
Keineswegs. Beide Seiten sind daran interessiert, miteinander im Gespräch zu bleiben. Bei gewissen Fragen bieten wir gern Hand zu neuen Lösungen. Bei andern werden wir sagen: Die Spitaldirektion vertritt eine andere Auffassung und steht auch dazu.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.02.2011, 23:35 Uhr

Artikel zum Thema

Notfallpatient Unispital: 150 Stellen weg

Das kantonale Sparprogramm trifft das Universitätsspital Zürich: Um den erwarteten Verlust von 48 Millionen Franken im Jahr 2011 auszugleichen, sollen bis zu 150 Vollzeitstellen gestrichen werden. Mehr...

Hanfbauer Rappaz ins Unispital Genf verlegt

Der Hungerstreik setzt dem Walliser Hanfbauern Bernard Rappaz zu. Wegen seines kritischen Gesundheitszustands ist er in die Gefängnisabteilung des Unispitals Genf überführt worden. Mehr...

Rita Ziegler

Seit 15 Jahren in der Spitaldirektion

Rita Ziegler (57) war von 1996 bis 2002 Verwaltungsdirektorin des Spitals Limmattal. Danach leitete sie das Universitätsspital Basel. Im Februar 2008 trat sie die Stelle als Direktorin des Zürcher Uni-Spitals (USZ) an.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Jederzeit unkompliziert Sexpartner finden

Immer mehr Schweizer Frauen wollen sich Konventionen und Erwartungen nicht länger hingeben und setzen ihre Freiheiten in sexueller Hinsicht selbstbestimmt um.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Der Charme der Bescheidenheit
Tingler Alles auf Zeit
History Reloaded Der Zwingli des Islam

Paid Post

Frauen wetteifern um Sex-Dates!

Casual-Dating ist ein Spiel. Zumindest für Simone und ihre Freundinnen, die gegenseitig um Sex-Dates wetteifern. Ihre Spielwiese: die grösste Erotik-Plattform der Schweiz.

Die Welt in Bildern

Wiederspiegelt die Gesellschaft: Ein Fahrradfahrer fährt im Lodhi Art District von Neu Dehli an einem Wandbild vorbei. (24. März 2019)
(Bild: Sajjad HUSSAIN) Mehr...