Knallharter Briten-Boulevard an der Zürcher Goldküste

Opfer, Täter, Familie – alle unverpixelt und mit vollem Namen: Im Küsnachter Drogenrausch-Prozess gehen die Briten an die Grenzen. Jetzt wird Anwalt Andreas Meili aktiv.

Die Tat des blonden Galeristen ist auch in England ein grosses Thema: dort berichten die Medien viel rücksichtsloser.

Die Tat des blonden Galeristen ist auch in England ein grosses Thema: dort berichten die Medien viel rücksichtsloser. Bild: Robert Honegger

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Die grausame Geschichte des Galeristen, der in Küsnacht einen Freund getötet hat, ist auch in England ein grosses Thema. Der Grund: Das 23-jährige Opfer war ein schweizerisch-britischer Doppelbürger. Auch die britischen Medien berichten nun über den Fall, jetzt wo der Täter vor Gericht steht. Einige Medien haben Reporter nach Meilen geschickt, die über den Gerichtsprozess schreiben, mit Angehörigen des Opfers und Nachbarn des Täters sprechen.

Das Opfer und seine Mutter mit vollem Namen in der Online-Version von «The Sun» . Foto: PD (Verpixelung: TA)

In der Schweiz und in England gehen die Reporter völlig unterschiedlich mit den Menschen um, die in diesen Fall verwickelt sind. Die Schweizer Medienschaffenden anonymisieren den Täter, schreiben höchstens seinen Vornamen, streichen den Nachnamen. Sie verwenden Initiale oder umschreiben den Mann, ohne ihm einen Namen zu geben, als Galerist oder Kunsthändler.

Auch Bilder verwenden die Medien hier äusserst zurückhaltend. Im Gerichtssaal ist es verboten, zu fotografieren oder zu filmen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat einen Gerichtszeichner beauftragt. Dieses Vorgehen ist in der Schweiz üblich. Es ist im Sinn des hiesigen Verständnisses von Persönlichkeitsschutz und Unschuldsvermutung.

Volle Namen, unverpixelte Bilder

Die britischen Reporter halten sich nicht an diese Regeln – für sie gelten andere: Sie nennen den vollen Namen des Täters, des Opfers, der Mutter des Opfers. Sie veröffentlichen Bilder aller Beteiligten, schonungslos unverpixelt – zum Beispiel wie sich die Mutter des Opfers an die Schulter ihres Sohnes schmiegt oder wie dieser in einem Swimmingpool steht, winkt und lacht.

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Vom Täter zeigen sie ein Bild vom Onlinenetzwerk «LinkedIn». Er ist braungebrannt, lächelt freundlich, trägt den Hemdkragen locker geöffnet. Das Internet bringt diese Artikel nun in die hiesigen Büros und Wohnzimmer, wo weder der Namen des Täters noch des Opfers öffentlich sind, geschweige denn jene der Eltern. So ist plötzlich niemand mehr anonym.

Medienanwalt zeigt den Mahnfinger

Andreas Meili wacht sorgfältig darüber, wie die Medien über diesen Gerichtsprozess informieren und welche Geschichten sie dazu erzählen. Meili ist der Anwalt Nummer drei des angeklagten Galeristen, zuständig, um dessen Persönlichkeitsschutz und die Unschuldsvermutung in der Öffentlichkeit zu gewährleisten – und die Medien in Schach zu halten.

Abstransport der Leiche nach dem Tötungsdelikt in der Küsnachter Galeristenvilla (15.1.2015). Bild: Stefan Hohler

Die Anwälte sind diesbezüglich bereits vor dem Prozess aktiv geworden. Sie versuchten, die Öffentlichkeit mittels Gerichtsbeschluss von der Verhandlung auszuschliessen. Das Bezirksgericht Meilen beantwortete den Antrag abschlägig.

Nachdem der Gerichtsprozess nun bereits eine halbe Woche gedauert hat, sagt Andreas Meili: «In der Schweiz berichten die Medien hart, aber grundsätzlich fair über den Fall.» Über die Artikel der Briten denkt er anders: «Sie sind extrem aggressiv. Das ist bekannt.»

Artikel gelöscht oder blockiert

In den letzten Tagen hat Medienanwalt Meili Richtung Inselstaat Abmahnungen verschickt – zum Beispiel an das Boulevardmedium «The Sun». Dieses brachte einen Artikel über die Eltern des beschuldigten Galeristen. «Das geht gar nicht», befand Meili. The Sun löschte den Text ohne Murren vom Internet.

Andere abgemahnte Medien arbeiten nun mit Geo-Blocking, nachdem sie Meili kontaktiert hat. Das heisst, man kann einige Artikel zu diesem Fall in der Schweiz online nicht mehr lesen, in Grossbritannien aber schon. Meili sagt, gerade Boulevard-Medien würden in England bereitwilliger ein Risiko eingehen. Ungeachtet davon, dass sie eigentlich wüssten, dass ihr Vorgehen hierzulande nicht goutiert wird. In der Schweiz hat er sich wegen der Berichterstattung bisher beim «Blick» gemeldet, weil sich dieser mit dem Wort «Galeristen-Killer» zu weit aus dem Fenster gelehnt hat.

Kompromiss gegen Kampf

Für den emeritierten Medienprofessor Roger Blum steckt die Ursache für die unterschiedlichen Berichte tief in den beiden Gesellschaften. Die Schweiz sei ein Land des Kompromisses, eines, in dem eher hinter verschlossener Tür ein Vergleich ausgehandelt, als in der Öffentlichkeit ein Kampf ausgefochten wird. Dementsprechend zurückhaltend seien hier auch die Medien.

In England funktioniere die Gesellschaft aber anders als in der Schweiz, sagt Medienexperte Blum: «Dort geht es stets um Sieg und Niederlage, nicht darum, alle irgendwie ein bisschen zufrieden zu machen.» Entweder man gewinne oder verliere. So kämpfe man in der Debatte offen, und so würden auch die Medien ticken: «Sie kämpfen viel härter um die Aufmerksamkeit der Leserschaft.»

Dabei seien sie rücksichtsloser, brutaler und würden an Grenzen gehen. Aber, so sagt Blum, falle in einem britischen Medium ein Bericht über ein Tötungsdelikt mit Bildern des lachenden Opfers und Täters auch viel weniger auf. Er meint: «Hier ginge das den Leserinnen und Lesern wohl zu weit. Wir sind uns das von unserer Kultur her nicht gewöhnt.»

Erstellt: 30.03.2017, 16:30 Uhr

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