König, Dame, Kind

Kinderschachkurse boomen, in Zürich und um den Zürichsee gibt es gleich mehrere Anbieter. Dabei spielt der Ehrgeiz von Eltern mit, die ihre Sprösslinge intellektuell fördern wollen.

Spiel in Lebensgrösse: Die «Damen» räumen im Horgner Ferienlager die «Bauern» ab. Foto: Dominique Meienberg

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Horgen am Morgen, ein Haus im Ortsteil Käpfnach, ein paar Kinder trudeln früher ein, Janka, Emilios, Max, Maria und andere. Jedes Kind darf selber wählen, wie es den Tag beginnen will. Das eine setzt sich an den Computer, das andere auf den Boden, manche spielen allein, andere zu zweit. Die meisten sind so zwischen fünf und sieben Jahre alt. Was sie verbindet, ist Schach. Janka schaut sich am Bildschirm eine Art Schachmärchen an, sie wirkt noch ein wenig müde. Max duelliert sich mit Maria am Brett, wobei beide bloss über Bauern gebieten, die anderen Figuren sind weggeräumt. Emilios beugt sich über ein Übungsbuch, in dem er Aufgabe um Aufgabe zu lösen versucht; er ist der Knobler.

Einige Zeit später ruft Kursleiter Roberto Schenker alle zusammen. Er stellt sich vor ein Demonstrationsbrett, auf dem ein Springer alleine hockt. Wohin kann der Springer von seiner Position springen? Ein holländisches Mädchen rennt nach vorn, klettert auf einen Stuhl, zeigt die möglichen Züge. Alles richtig, das Mädchen strahlt.

Schachfiguren aus Schoggi

«Chess4Kids» heisst der Veranstalter des Feriencamps in den Sportferien. Die Schachschule mit festen Standorten in Horgen, Küsnacht, Zürich-Oerlikon, Zürich-Wollishofen sowie Zug hat einen Trend der letzten Zeit mitgeprägt: Kinderschachkurse. Das Angebot wächst kontinuierlich. Die «Basler Zeitung» spricht von einem Boom, «20 Minuten» ebenso. Beim Schweizerischen Schachbund stieg die Zahl der registrierten U-16-Spielerinnen und Spieler innert eines Jahres um mehr als zehn Prozent.

Besonders viel passiert um den Zürichsee; gleich mehrere Anbieter gibt es hier. Chess4Kids, 2010 gegründet, beschäftigt drei Trainer in Vollzeit. Zielgruppe sind Kinder zwischen 4 und 15 Jahren. Manchmal kommen auch ältere, manchmal sehr kleine. «Wir versuchen, möglichst alle Sinne einzubeziehen», sagt Roberto Schenker. Hat der Trainer es mit Dreieinhalbjährigen zu tun, versteckt er auch mal farbige Schachfiguren im Raum. Oder man giesst Schachfiguren aus Schoggi.

Gut 300 Kinder besuchen unter dem Jahr regelmässig den Unterricht von Chess4Kids. Die Eltern zahlen – das Feriencamp ist eine andere Sache – 660 Franken pro Semester. Die Gegenleistung: einmal pro Woche eine Lektion Schach, alters- und levelabgestimmt in der Kleingruppe plus Spezialtraining für Anfänger und Fortgeschrittene. Dazu dreimal im Monat offene Spielstunden am Samstag. Sowie Lehrmittel und Turnierbegleitung.

Schenker, 29-jährig, ein Oltner, ist ein wirklich guter Schweizer Clubspieler und hat für den Schachklub Solothurn in der Nationalliga B gespielt. Sein Geld verdient er als Kindertrainer. Seit 2010 ist er «Fide-Instructor», seit letztem Jahr auch «Fide-Trainer» (die Fide ist der Welt-Schachverband). Als Filialleiter in Horgen gibt Schenker derzeit gut 27 Lektionen in der Woche. Toll findet er es, wenn die Schülerinnen und Schüler mehrmals pro Woche ins Training kommen wie im Schachland par excellence: «In Russland gehen die Schüler nach der normalen Schule oft noch in den Schachclub.»

«Der Zuwachs aus den Kinderschachkursen freut uns», sagt Maurice Gisler, Geschäftsführer des Schweizerischen Schachbundes. Ziel des Schachbundes in den nächsten ein, zwei Jahren ist die Anerkennung durch Jugend+Sport (J+S), das Förderprogramm des Bundes. Mit den staatlichen Geldern könnte man den Trainingsbetrieb ausbauen und so den Boom weiter stärken. Das Beitrittsgesuch sei abgeschickt. Auf Mai hin schafft der Schachbund im Hinblick auf die J+S-Kandidatur eine Teilzeitstelle für Nachwuchsförderung. Der erste Stelleninhaber ist bestimmt: Roberto Schenker.

Was im Feriencamp in Horgen auffällt: Die Kleinen sind zu einem guten Teil Expat-Kinder; ihre Eltern sind also gut gebildete Ausländer, die für eine bestimmte Zeit in der Schweiz weilen und dann weiterziehen. An diesem Tag sprechen ein paar Kinder Hochdeutsch, andere Englisch, dazu hört man Holländisch, Thai und Slowakisch. Das Fide-Motto lautet ja auch: «Gens una sumus», wir sind eine Familie.

«Einfach total cool»

Frage an das eine Kind: Warum spielst du gern Schach? Das Mädchen, gut sechs, studiert lange. Es ist schüchtern, starrt auf den Tisch: «Weiss nicht.» Der Bub daneben sagt: «Schach ist einfach total cool.» Viel mehr erfährt man nicht. Die Kinder sind erst dabei, das Spiel kennen zu lernen. Bisweilen haben auch die Eltern gesagt: Probier doch mal, vielleicht ist das etwas für dich!

«Die Schulschachprofis» heisst ein anderer Anbieter. Treffen im Zürcher HB mit Peter Hug. Der 27-Jährige Baselbieter ist unterwegs nach Thalwil. «Die Schulschachprofis» gibt es seit letztem Jahr, es handelt sich um einen Verein, Hug ist die treibende Kraft. Sein Ziel: «Am liebsten sähe ich es, wenn es in ­jedem Dorf einen Kinderschachclub gäbe.» Der Verein ist nicht schlecht ge­startet, bereits kommen 300 Kinder in die Kurse. In fünf Jahren sollen es 1000 sein. «Das ist pessimistisch gerechnet», sagt Hug. Er spricht schweizweit Gemeinden und Schulen an. «Wenn sich in einem Ort 18 bis 24 Kinder finden, gründen wir einen Kinderschachclub und schicken einen Trainer.» Anders als Chess4Kids mieten Die Schulschachprofis die Räume nur für einen Tag pro Woche und setzen bisweilen auch ehrenamtliche Spieler ein, die gratis arbeiten.

Die Trainer, die entlöhnt werden, bekommen je nach Standort 70 bis 100 Franken. Die Eltern bezahlen 18 bis 25 Franken pro Lektion, der Preis hängt auch davon ab, ob die Gemeinde mitzahlt. Einige Standorte liegen im Kanton Zürich, es gibt Kinderschachclubs in Thalwil, Wallisellen, Witikon, Zollikerberg und demnächst auch in Meilen.

Bei «Die Schulschachprofis» werden die Kinder zielstrebig an das Spiel herangeführt in einer Art Dreistufenplan: Schupperlektionen (gratis), Kurse, dann Turnierreife und Turnierpraxis. «Schach bringt enorm viel fürs Leben», sagt Hug. Er selber sei dafür das beste Beispiel. Er habe die Einführungsklasse gemacht, also die erste Primarschulklasse zweimal absolviert. Später folgte eine Schreinerlehre. Dann studierte er und ist heute Architekt. Das Schachspielen als Kind habe ihm geholfen, sich intellektuell weiterzuentwickeln, sagt Hug.

Markus Regez betreibt seit drei Jahren in Küsnacht eine eigene Schachschule. Viele seiner Kunden sind Kinder; um die 60 seien es momentan, die wöchentlich in den Kurs kämen – 580 Franken kostet das pro Semester. Er arbeite eigentlich 120 Prozent, sagt Regez, der unter anderem auch Schweizer Junioren-Nationalcoach ist und neben Kindern Erwachsene, Senioren und Turnierspieler trainiert. Die Goldküste sei ein gutes Pflaster für Kinderschachkurse; «viele Eltern haben hier ein Interesse daran, ihre Kinder zu fördern».

Sie lernen, sich zu konzentrieren

Die Vorteile des Schachs seien klar, sagt Regez. Die Kinder lernten, sich zu konzentrieren und räumlich zu denken. Sie entwickelten eine Hartnäckigkeit, «auch in schwierigen oder faktisch verlorenen Stellungen weiterzukämpfen». Ebenso wichtig sei, dass sie verlieren lernten; das schule die Persönlichkeit.

Dass es bisweilen elterlicher Ehrgeiz ist, der Kinder in einen Schachkurs führt, bestreitet Regez nicht. Aber bestehen könnten solche Kurse nur, weil Schach eben ein Spiel sei: «Kinder spielen gern.» Schach habe Tiefe, die Zahl der möglichen Züge pro Partie sei faktisch unendlich, das Spiel langweile deswegen auch auf Dauer nicht. Kinder fühlten sich speziell angesprochen, weil die Figuren eine Art Urtypen seien: Springer, Turm, Läufer hätten etwas von Märchengestalten oder Sagenfiguren. Bisweilen laufe gar ein Bauer zu grosser Form auf und entscheide das Spiel. Und, sagt Regez: «Welches Kind möchte nicht einmal König oder Königin sein?»

Erstellt: 25.02.2016, 23:09 Uhr

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