Können sich Schulen dreiköpfige Latein-Klassen überhaupt leisten?

Zürcher Gymnasien bieten weiterhin antike Sprachen an, obwohl das Interesse daran sehr gering ist. Das Angebot sollte überdacht werden, fordert ein Pädagoge.

Sollen die Kantonsschulen ihr Profilangebot anpassen? Lateinunterricht am Gymnasium in Solothurn. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Sollen die Kantonsschulen ihr Profilangebot anpassen? Lateinunterricht am Gymnasium in Solothurn. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Wenn sich die Klasse 3a der Kantonsschule Uster zum Lateinunterricht trifft, sind die Schülerinnen und Schüler zu dritt – falls niemand krankheitshalber ausfällt. Hier wird Latein also in fast schon familiärem Rahmen vermittelt. Auch in der vierten, fünften und sechsten Klasse sind die Schülerzahlen nur wenig grösser. Im Schnitt entscheiden sich in Uster jährlich 4 Gymnasiasten dafür, nach dem obligatorischen Unterricht in den ersten beiden Jahren weiterhin Latein zu lernen.

Nicht viel besser sieht es an der Kantonsschule Limmattal in Urdorf aus. Dort lernen in der fünften Klasse ebenfalls nur 3 Schülerinnen und Schüler Latein. Es können aber auch mal 18 sein wie gegenwärtig in der dritten Klasse.

Kein Thema ist für die beiden Kantonsschulen, das altsprachliche Profil aufzugeben und die wenigen Interessenten an ein Gymnasium in Zürich zu verweisen. Auch für die kantonale Bildungsdirektion kommt dies nicht infrage. «Die sogenannten Landschulen führen sämtliche Profile, um den Gymnasiastinnen und Gymnasiasten in ihren Einzugsgebieten die Wahl des Wunschprofils zu ermöglichen», hält Niklaus Schatzmann fest, Chef des Zürcher Mittelschul- und Berufsbildungsamts.

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In den Städten Zürich und Winterthur ist es dagegen erwünscht, dass sich die Kantonsschulen ein klares Profil geben und sich spezialisieren. Wer aber glaubt, in Zürich biete nur noch ein Gymnasium das wenig gefragte Altgriechisch an, täuscht sich. Vielmehr wird auch dieses Fach weiterhin parallel unterrichtet.

Keine Mindestgrössen

Während an der Kantonsschule Hohe Promenade nur drei Sechstklässler dem Griechischunterricht lauschen, sind es im Rämibühl – wenige Hundert Meter entfernt –ebenfalls nur drei. Weitere je fünf Schüler sind es in Wiedikon und im Gymi Freudenberg in der Enge – wobei an diesen zwei Kantonsschulen die fünfte und die sechste Klasse zusammengelegt wurden, sonst wären die Schülerzahlen noch tiefer.

Zum Vergleich: Im Schnitt unterrichten Gymnasiallehrer 22 Schülerinnen und Schüler. Da drängt sich die Frage auf, ob sich die Kantonsschulen angesichts des Spardrucks 3er-Klassen noch leisten können. Die Antwort der Bildungsdirektion lautet: Wenn sie wollen, dürfen sie das. Im Gegensatz zu anderen Kantonen gibt es in Zürich keine Mindestzahlen. «Es gehört zur pädagogischen Freiheit der Schulen, im Rahmen ihres Budgets solche Gruppengrössen zu führen», sagt Schatzmann.

Etliche Schulen sehen den Griechischunterricht als eine Form von Begabtenförderung. Denn es seien meist überdurchschnittlich begabte Schüler, die sich dafür interessierten. «Wir gehen davon aus, dass die nicht exorbitanten Kosten sich rechtfertigen, weil wir auf diese Weise junge Talente möglichst breit ­fördern», argumentiert Konrad Zollinger, Rektor der Kantonsschule Hohe Promenade. Auch könne es für ein Lehrerkollegium wichtig sein, möglichst viele – auch etwas exotischere – Fächer anzubieten. «Das belebt den Geist einer Schule», so Zollinger.

Die Rektorinnen und Rektoren anderer Schulen sind ebenfalls überzeugt: Würden sie Griechisch nicht mehr anbieten, würden die Jugendlichen nicht das Gymnasium wechseln, sondern aufs Griechische verzichten. Und das sei schade. Zumal die Griechischschüler in anderen Fächern ja gemeinsam mit anderen Schülern unterrichtet würden.

Franz Eberle, Professor für ­Gymnasialpädagogik an der Uni Zürich, rät dennoch zu genauem Hinsehen: «Wenn das Angebot nicht nur vorübergehend, sondern über lange Zeit hinweg zu wenig ausgeschöpft wird und die Nachfrage nicht durch überzeugende Information gesteigert werden kann, sollte das Profilangebot überdacht und allenfalls angepasst werden.»

Daran scheinen die Schulen aber kein Interesse zu haben, obwohl ihre Griechischklassen bei einem Schnitt von fünf Schülern verharren. Auch die Bildungsdirektion sieht keinen Handlungsbedarf. Die Grösse der Griechischklassen erfasst sie gar nicht erst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2018, 09:02 Uhr

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