Köppel unter Druck

Die SVP entscheidet, ob Roger Köppel ins Ständeratsrennen geschickt wird. Ein TA-Gedankenspiel für seinen Sieg.

Sein Antritt zum zweiten Wahlgang ist vom Entscheid des SVP-Parteivorstandes abhängig: Roger Köppel. Foto: Michele Limina

Sein Antritt zum zweiten Wahlgang ist vom Entscheid des SVP-Parteivorstandes abhängig: Roger Köppel. Foto: Michele Limina

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Eine grosse Frage treibt die Zürcher SVP um: Soll Roger Köppel erneut für den Ständerat antreten? Am Wahlsonntag schien die Antwort fast zweifellos Ja. Der kantonale SVP-Präsident Patrick Walder sagte, «alles andere wäre eine Riesenüberraschung».

Doch inzwischen haben verschiedene SVP-Politiker Bedenken geäussert. Christoph Blocher sagte im Interview mit dieser Zeitung: «Es bleibt gut zu überlegen. Hat man eine Chance mit dem besten Kandidaten Köppel, oder muss man sich mit dem kleineren Übel begnügen, Noser oder die Grünen? Und welches ist das?» Deutlicher sagt es der abgewählte Nationalrat Claudio Zanetti in der NZZ: «Es bringt nichts, nochmals viel Geld zu verbrennen, nur um zu zeigen, dass wir noch da sind.» Köppels Resultat im ersten Wahlgang sei nicht gut genug gewesen, als dass Erfolgsaussichten in einem zweiten bestünden. Zanetti bevorzugt Ruedi Noser (FDP) vor der Grünen Marionna Schlatter: Ein Freisinniger sei besser als eine Linke, «trotz allem».

Wählerinnen und Wähler stehen gern auf der ­Siegerseite. Der ­Favoritenstatus von Noser ist ein Vorteil.

Ob Köppel nochmals antritt, entscheidet der Parteivorstand am Donnerstagabend. Am Dienstag in der darauffolgenden Woche muss die Delegiertenversammlung den Vorschlag dann schliesslich absegnen. Der Vorstand ist ein mächtiges Gremium von rund 70 SVP-Vertretern, unter ihnen Nationalräte und die Spitze des Bauernverbands.

Fraktionschef Martin Hübscher, Mitglied der Parteileitung, erwartet für die Sitzung am Donnerstag hitzige Diskussionen. Diese werden sich auch darum drehen, wie sehr Ruedi Noser die Unterstützung der SVP verdient hat. Sein proeuropäischer Kurs verärgert die Partei.

Noser und Schlatter haben bereits angekündigt, weiterzukämpfen. Der Bisherige Noser will seinen Sitz verteidigen, Schlatter die ökologische Stimme im Ständerat stärken.

In drei Gedankenspielen hat der TA durchgerechnet, wie die drei Kandidierenden zum Handkuss kommen könnten.

So wird Noser gewählt

Ruedi Noser gilt im zweiten Wahlgang als Favorit. Das ist ein Vorteil; auch Wählerinnen und Wähler stehen gern auf der Siegerseite. Noser wird am 17. November also von jenen gewählt, die ihn schon am 20. Oktober wählten. Damit hat er bereits 142'000 Stimmen auf sicher. Wie die Nachwahlbefragung zeigt, ist Noser von den drei Kandidierenden politisch am breitesten aufgestellt. Er erhält Stimmen aus allen Lagern:

  • Vom SVP-Wähler, der die Grüne Schlatter verhindern will und die Chancen seines Kandidaten Roger Köppel für zu klein hält.
  • Von den Anhängern von CVP und EVP, die Noser ohnehin nahestehen, im ersten Wahlgang aber nur ihre Favoriten Nicole Barandun oder Nik Gugger aufgeschrieben haben. Beide verzichten im zweiten Wahlgang.
  • Von jenen Grünliberalen, denen das Liberale im Parteinamen wichtiger ist als das Grüne.
  • Von der SP-Wählerin, die verärgert ist, dass die Grünen ihrer Partei das Wasser abgraben. Ausserdem hofft sie auf eine Wiederauferstehung der «Koalition der Vernunft» mit der FDP.

Resultat: Köppel verliert Stimmen, Schlatter gewinnt nur 15'000 hinzu, Noser aber weitere 40'000 Stimmen und schwingt mit 182'000 Stimmen obenaus. Falls sich Köppel gar zurückzieht und sich allein Noser und Schlatter duellieren, erhält Noser noch mehr Stimmen.

So wird Köppel gewählt

Roger Köppel kann auf die grösste Basis zurückgreifen. Zu seinen 108'000 Stimmen im ersten Wahlgang, die fast alle von SVP-Anhängern stammen, die wiederum nur seinen Namen auf den Wahlzettel geschrieben haben, kommen einige hinzu. Auch gehen Noser Stimmen verloren:

  • 10'000 SVP-Wähler, die den Urnengang vom 20. Oktober geschwänzt haben, werden nun mobilisiert. Sie wollen die Grüne Schlatter verhindern. Noser ist für sie keine Option, weil er zu EU-freundlich ist. Köppel verliert allerdings 3000 Stimmen aus freisinnigen Kreisen, die nun nur Noser wählen.
  • Von den 57'000 GLP-Sympathisanten wählen viel weniger, weil Tiana Moser nicht mehr kandidiert. Damit gehen Noser 10'000 Stimmen verloren.
  • Jene SP-Wähler, die im ersten Wahlgang beide Teile von «Nositsch» gewählt haben, bleiben der Wahlurne ebenfalls fern, weil sie nach der Wahl von Daniel Jositsch zufrieden sind. Noser verliert weitere 10000 Stimmen.
  • Noser verliert jene 5000 SVP-Stimmen des ersten Wahlgangs.
  • Die 39'000 CVP-, EVP- und BDP-Wähler, die neben Barandun oder Gugger im ersten Wahlgang zahlreich Noser gewählt haben, sind weniger motiviert. Schon wieder gehen Noser 5000 Stimmen verloren.

Resultat: Köppel kommt auf etwa 115'000 Stimmen. Das reicht, weil Noser nur 112'000 Stimmen erhält und auch Schlatter bloss 5000 GLP-Stimmen zusätzlich erhält und auf 100'000 kommt.

So wird Schlatter gewählt

Marionna Schlatter wird wieder von jenen 95'000 auf den Wahlzettel geschrieben, die sie im ­ersten Wahlgang gewählt haben:

  • Hinzu kommen 10'000 linke Stimmen, da im rot-grünen Lager eine beispiellose Mobilisierung für eine linke Doppelvertretung im Stöckli stattfindet.
  • Dieser grüne Optimismus steckt auch einige aus der GLP an, die Schlatter im ersten Wahlgang ignoriert haben: macht 5000 zusätzliche Stimmen.
  • Einige der 14'000 EVP-Wähler erinnern sich, dass ihre Partei im Kantonsrat mit den Grünen gut zusammenarbeitet – Stichwort Öko-Allianz –, und wählen nun Schlatter: plus 3000 Stimmen.

Resultat: Schlatter erzielt 113'000 Stimmen, Noser 112'000, Köppel 105'000. Duellieren sich nur Schlatter und Noser, beschliesst die ganze SVP-Basis, der Urne fernzubleiben.

Erstellt: 22.10.2019, 22:18 Uhr

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