Komplexer Mann, einfache Frau

Bizarrer Wahlkampf in Zürich: Die SVP will mit einem Heiligen in den Ständerat, die CVP mit einer Comicfigur.

Wären ihre Zürcher Stimme im Ständerat geeint? In die kleine Kammer wollen jedenfalls beide: Hans-Ueli Vogt mit Heiligenschein (SVP), Barbara Schmid-Federer mit übergrossem Kopf (CVP).

Wären ihre Zürcher Stimme im Ständerat geeint? In die kleine Kammer wollen jedenfalls beide: Hans-Ueli Vogt mit Heiligenschein (SVP), Barbara Schmid-Federer mit übergrossem Kopf (CVP). Bild: pd

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Rennen um die beiden Zürcher Sitze im Ständerat startet mit einer Überraschung. Es beginnt amüsant. Üblicherweise geht es so: Die Kandidaten der grossen Parteien beten die Slogans der Partei herunter und glauben, das stärke ihre Glaubwürdigkeit. Für die Stimmbürger ist das so spannend wie das Urbi et Orbi an Ostern.

Im Kontrast dazu lassen die ersten beiden Kampagnen hoffen, dass der Wahlkampf nicht zum Wahlkrampf wird.

Den Anfang machte die SVP, die in Zürich zwar ein Drittel der Wähler hinter sich schart, aber ein Problem hat. Trotz unzähligen Anläufen schaffte sie den Einzug in den Ständerat nicht. Diese Not macht offensichtlich so erfinderisch, dass sie sich für etwas fast Undenkbares entschieden hat. Die Volkspartei findet es plötzlich wichtig, weltoffen zu sein. Und intellektuell. Und der öffentliche Verkehr muss gefördert und Zürich als Partydestination gefeiert werden, weil Urbanität jetzt auch ein Anliegen der hippen SVP ist.

Durch die Parteibrille betrachtet, sind das Absurditäten, die es nie in das rechtskonservative Programm schaffen würden. Aber die Ständeratswahlen sind ja zum Glück Persönlichkeitswahlen. Also hat die SVP Hans-Ueli Vogt aufgestellt, einen homosexuellen und rechtsbürgerlichen Professor, weit gereist und trotzdem der Schweiz verbunden, Städter und Naturliebhaber, Autofahrer und ÖV-Befürworter, der beste Widerspruch, nein, Kandidat also, um die Stammwähler zu befriedigen und Wechselwähler anzulocken.

Für dieses Engagement im Kampf um Parteistimmen macht die Volkspartei Vogt nicht zum Helden, sondern quasi zum Heiligen. Mit einer jesusähnlichen Aura tritt er in Inseraten auf, vor Bildern, die belegen, wie facettenreich seine Welt ist. Darunter Texte mit mehr Worten als auf den SVP-Plakaten der letzten zehn Jahre zusammen.

Als ob sie die neue Differenziertheit des grossen Gegners antizipiert hätte, schlägt die CVP einen ganz anderen Kurs ein. Sie erklärt den Wählern nicht, weshalb der Weg irgendwo durch die Mitte führt und wie die Christdemokraten liberal und gleich noch sozial verträglich die Welt retten. Das braucht die CVP nicht. Sie hat Barbara Schmid-Federer. Die sitzt bereits im Nationalrat. Jetzt will sie einfach rüberwechseln in die kleine Kammer. Und weil die Welt so komplex ist, dass es selbst der SVP auffällt, muss eine radikale Kampagne her. Ohne Schnörkel, ohne viel Worte oder gar ganzen Sätzen. Auch der weltbekannte Nachname stört nur. Also lässt sie den einfach weg. Denn die Wähler sollen keine Federer wollen. Sondern: «Einfach Barbara!» Diesen Slogan kann sich jeder merken. Und weil schlecht gemachte Photoshop-Inserate etwas für den Rechtskonservativen sind, hat sich Barbara zeichnen lassen. Ähnlich wie bei nachbearbeiteten Fotos weichen dabei Realität und Abbild voneinander ab. Barbara ist jetzt eine Comicfigur. Mit kindlich-grossem Kopf und Augen, die irgendwie schief blicken. Da ist ein Urteil einfach: Sie schielt auf den Ständeratssitz.

Erstellt: 03.07.2015, 11:28 Uhr

Unterschiedliche Auftritte

Artikel zum Thema

Grüne Bedenken gegenüber Bastien Girod

Mit nur drei Stimmen Unterschied nominieren die Zürcher Grünen Bastien Girod als Ständeratskandidaten. Gegenüber dem «besten Pferd im Stall» gab es Vorbehalte. Mehr...

Noser: Vom Zigerschlitz ins Stöckli

Porträt Mit Applaus hat die FDP gestern den Nationalrat und Unternehmer Ruedi Noser als Ständeratskandidaten nominiert. Er soll Nachfolger von Felix Gutzwiller werden. Mehr...

Donnerwetter und Selfie zum Start ins Superwahljahr

Kolumne Bei SVP und Grünen bringen sich die Ständeratskandidaten in Stellung, die Grünliberalen warten auf Verena Diener. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...