Krankheit zwingt die religiöse Autorität von Zürich zum Rücktritt

Mit Kirchenratspräsident Ruedi Reich verliert die reformierte Kirche ihre prägende Figur. Ob in der Ökumene oder im Verhältnis zum Staat: Reich hat starke Akzente gesetzt.

2007 stellte er im Grossmünster die neue Zürcher Bibel vor: Kirchenratspräsident Ruedi Reich.

2007 stellte er im Grossmünster die neue Zürcher Bibel vor: Kirchenratspräsident Ruedi Reich. Bild: Matthias Jurt

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17 Jahre lang stand Ruedi Reich an der Spitze der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Mit Leib und Seele, mit Leidenschaft und Freude am Repräsentieren. An öffentlichen kirchlichen Anlässen war er praktisch omnipräsent. Fast jeden Sonntag predigte er in einer Kirchgemeinde des Kantons. Dabei war er weder blosser Sonntagsprediger noch Grüssaugust. Er, der das Projekt der Neuübersetzung der Bibel vorangetrieben hatte, konnte sich auf eine solide Kenntnis der heiligen Schriften abstützen. Ehrendoktor der theologischen Fakultät Zürich, ist er auch historisch und vor allem reformationsgeschichtlich sehr beschlagen.

In der Tradition Zwinglis und dessen Nachfolger Bullinger verstand er sich als Antistes, als Vorsteher der Kirche. Der Intellektuelle, der mit Geistesgrössen aus ganz Europa in Kontakt stand, war Ruedi Reichs eigentliches Vorbild. Entsprechend eindrucksvoll liess er 2004 den 500. Geburtstag von Heinrich Bullinger feiern.

Nächsten Dienstag, an der Synodensitzung im Zürcher Rathaus, bleibt der Sitz von Antistes Reich leer: 65-jährig, hat er vor kurzem seinen vorzeitigen Rücktritt erklärt. Eine vor Jahren aufgetretene Tumorerkrankung machte in diesem Sommer abermals zwei Operationen nötig. Die anhaltenden Beschwerden und Lähmungen erlauben es ihm nicht, in sein Amt zurückzukehren. Auch für die Medien ist er nicht ansprechbar. Im März wird die Synode seinen Nachfolger wählen.

Sieg und Niederlage

Von 1972 bis 1993 Pfarrer in Marthalen, wurde Reich 1973 in die Synode (das Parlament der Reformierten) und 1983 in den Kirchenrat (Exekutive) gewählt. Seit 1993 ist der vierfache Vater und mehrfache Grossvater Präsident des Kirchenrats. Nach aussen ist er mit seinem Beitrag zur Neuordnung der Beziehungen zwischen Kirche und Staat im Kanton Zürich am stärksten in Erscheinung getreten. Mit Verve kämpfte er 1995 gegen die Initiative zur Trennung von Kirche und Staat, die der Zürcher Souverän dann auch deutlich ablehnte.

Freilich wusste auch Reich, dass die bisherige Verflechtung von Kirche und Staat unzeitgemäss war. So setze er sich für eine sukzessive Entflechtung ein. Es gehörte dann zu seinen bittersten Enttäuschungen, dass im November 2003 das Zürcher Stimmvolk die drei Vorlagen des Regierungsrats zur Neuregelung dieses Verhältnisses deutlich verwarf.

Debatten für ein neues Kirchengesetz

Die im gehässigen Abstimmungskampf von der SVP geschürten Ressentiments vor allem gegen die Muslime widerstrebten Reich zutiefst. Mit Slogans wie «Steuergelder für Koranschulen» verunsicherte die Blocher-Partei die Stimmbürger und brachte das Gesetz für eine mögliche Anerkennung anderer Religionsgemeinschaften zu Fall. Reich hatte mit den anderen Kirchen den Regierungsrat allerdings davor gewarnt, das Anerkennungsgesetz mit dem Kirchengesetz und der Verfassungsänderung zu einem Paket zu schnüren.

In den folgenden Jahren begleitete Ruedi Reich intensiv die Debatten für ein neues Kirchengesetz, das den Kirchen mehr Autonomie brachte, und die Änderung des entsprechenden Verfassungsartikels. Letztes Jahr nahm das Volk dann die neue Kirchenordnung an und gewährte damit unter anderem den Ausländern das Stimm- und Wahlrecht. Das erfüllte Reich mit Genugtuung.

Wichtiger Partner der Politik

Regierungsrat Markus Notter (SP) bezeichnet Ruedi Reich als seinen «wichtigsten Partner bei allen Fragen rund um die Organisation des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat». Reich habe die reformierte Zürcher Kirche über Jahre hinweg glaubhaft, engagiert und mit grosser Weitsicht vertreten und sich zum Repräsentanten einer weltoffenen Kirche gemacht.

Aufgrund seiner langen Amtszeit und seiner ungezählten Kontakte war Reich im Kanton Zürich zur religiösen Autorität schlechthin geworden. So war er prädestiniert, 2004 den Interreligiösen runden Tisch im Kanton Zürich zu initiieren. Bis heute stand er dieser Diskussionsplattform der religiösen Leader im Kanton vor. Vor der Minarett-Initiative lancierte diese einen «Appell gegen die Diskriminierung der Muslime in der Bundesverfassung». Politisch eher unklug war es allerdings, dass Reich im unmittelbaren Vorfeld der Abstimmung den Einsatz der Kirchen für die verfolgten Christen diskutieren und den November zum Monat der verfolgten Christen erklären liess. Gemeint waren vor allem die in muslimischen Ländern wie dem Irak bedrängten Christen.

Besonders die Ökumene war Ruedi Reich ein Herzensanliegen. Mit Sorge blickte er auf das Bistum Chur (zu dem der Kanton Zürich gehört), wo die Bischöfe der Kirche regelmässig unrühmliche Schlagzeilen bescherten. 1997 vermochte Reich den ersten Zürcher Weihbischof Peter Henrici zu überzeugen, mit seiner Unterschrift unter den Zürcher Ökumenebrief einen Meilenstein zu setzen. Dieser war ein Bekenntnis, dass die reformierte und katholische Kirche im Kanton Zürich viel mehr miteinander verbindet als trennt. Erstmals wurde in einem offiziellen ökumenischen Dokument die eucharistische Gastfreundschaft positiv gewertet: Die Kirchenspitzen überliessen es dem Gewissen jedes Einzelnen, am Abendmahl der anderen Kirche teilzunehmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2010, 16:17 Uhr

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