Kranunfälle schrecken Branche auf

In der Region Zürich kippten in letzter Zeit auffällig viele Krane um. Über die möglichen Ursachen kursieren viele Gerüchte.

Viele Gründe möglich: Am letzten Donnerstag kippte dieser Kran auf ein Haus in Urdorf. Foto: PD

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Schock in Urdorf am letzten Donnerstagnachmittag: An der Bahnhofstrasse kracht ein Baukran auf ein Mehrfamilienhaus, ein Bewohner wird leicht verletzt. Eine andere Bewohnerin hat grosses Glück: Nur weil ihr Sohn verspätet von der Schulreise zurückkommt, ist sie zum Unfallzeitpunkt nicht im Haus, wie sie gegenüber dem «Blick» sagte. Weshalb der 120 Tonnen schwere Turmkran umkippte, ist unklar. «Die Untersuchungen laufen», sagt Marc Besson, Sprecher der Kantonspolizei.

Hohe Sachschäden

In der Region Zürich kippten in letzter Zeit auffällig oft Krane um. Am 16. Juni stürzte ein mobiler Baukran in Uitikon auf ein Mehrfamilienhaus und verursachte einen Schaden von mehreren Hunderttausend Franken. Verletzt wurde niemand. Im Oktober 2014 kippte in Affoltern am Albis ein Mobilkran um und riss einen Turmdrehkran mit, vier Arbeiter wurden verletzt. Gleich zwei Kranunfälle in kurzer Zeit ereigneten sich im Juni 2014 in Dietikon. Zuerst fiel ein Lastwagenkran auf ein Hausdach, zehn Tage später beschädigte ein Kran eine SBB-Fahrleitung. Verletzt wurde auch dort niemand. Im September 2013 kippte an der Zürcher Gerechtigkeitsgasse ein Kran um und richtete grossen Schaden an. Und im Juli 2013 stürzte ein Baukran auf einen Fernverkehrszug beim Bahnhof Oerlikon. Niemand wurde verletzt.

Die Häufung von Unfällen hat Kran­firmen aufgeschreckt. «Das ist ein Riesenthema in der Branche», sagt Thomas Kaufmann von der Kaufmann Turmkrane AG in Oberhasli, einem der Marktführer in der Deutschschweiz. Die Vorfälle seien schlecht für alle Kranunternehmer. Jede Firma werde nun wohl ihre internen Checklisten überprüfen.

André Huber, Projektleiter bei der Winterthurer Firma Toggenburger, zeigt sich erschrocken: «Die Vorfälle sorgen für viel Gesprächsstoff, es kursieren viele Gerüchte über die Ursachen.» Normalerweise könne ein Kran gar nicht kippen, wenn alle Vorgaben konsequent umgesetzt werden. «Da muss irgendwas schiefgelaufen sein.»

Kostendruck als Risikofaktor

Die einzelnen Vorfälle müsse man differenziert betrachten, betonen die beiden Kranunternehmer. Es seien jeweils unterschiedliche Typen involviert gewesen, und mehrere Ursachen kämen infrage: Bewusstes Manipulieren von Sicherheitsschaltern, nachgebender Untergrund, mangelhafte Fundation, Fehlmanipulation oder ein technischer Defekt. «Bedienungsfehler sind am häufigsten, an den Geräten liegt es kaum je, die werden scharf kontrolliert», sagt Thomas Kaufmann. Das Unfallrisiko sei bei mobilen Kranen deutlich höher als bei fest installierten. Einen Risikofaktor ortet er im hohen Kosten- und Termindruck im Baugewerbe. Darin liege ein nicht zu unterschätzendes Gefahrenpotenzial.

Kaufmann versucht, die Wogen zu glätten: Wegen der starken Bautätigkeit stehen sehr viele Krane auf Baustellen, was das Risiko, dass einmal etwas passiert, automatisch ansteigen lasse. Gemessen an den rund 10 000 Turm-Drehkranen in der Schweiz passiere aber sehr wenig. Auch Huber ist überzeugt: «Krane in der Schweiz sind sicher.»

Umfangreiche Vorschriften

Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva) will zu den einzelnen Unfällen keine Stellung nehmen, da es sich um laufende Verfahren handelt, wie Adrian Bloch, Bereichsleiter Bau, sagt. Für Kranstürze gebe es jeweils ganz verschiedene Ursachen. Etwa ein Missverhältnis zwischen Last und Tragfähigkeit, eine unerwartete Setzung im Bereich der Kranfundation oder mangelhaft ausgeführte Fundationen.

Bloch weist auf die umfangreichen Sicherheitsvorschriften und Kontrollen bei Kranen hin. So müssen die eidgenössische Kranverordnung und die Richtlinien der Eidgenössischen Koordinationskommission für Arbeitssicherheit (Ekas) eingehalten werden. Diese legen etwa fest, dass Krane in regelmässigen Abständen durch einen Experten kontrolliert werden müssen und dass ein Kranführerkandidat zwingend eine Ausbildung mit Prüfung absolvieren muss.Ausserdem werden Krane jährlich von einem Fachmann kontrolliert. Und: Kranbetreiber und -führer müssen die sicherheitsrelevanten Elemente täglich überprüfen.

Dennoch sieht die Suva nach den jüngsten Vorfällen Handlungsbedarf. So werde man bei den regelmässigen Baukontrollen künftig ein verstärktes Augenmerk auf Krane richten. Die Suva führt pro Jahr rund 7500 Kontrollen auf Baustellen durch, um Gerüste, Baugruben und anderes zu überprüfen. Laut Bloch will man zudem die von der Suva anerkannten Kranexperten zu erhöhter Aufmerksamkeit anhalten. Sobald Erkenntnisse zu den Unfällen vorliegen, werde man die Kranunternehmer über nötige Schlussfolgerungen informieren. «Aus jedem Unfall gilt es Lehren zu ziehen», so Bloch.

«Bedienungsfehler sind am häufigsten, an den Geräten liegt es kaum je, die werden scharf kontrolliert.» Thomas Kaufmann, Kranunternehmer

Thomas Kaufmann zeigt Verständnis, dass die Suva nach den jüngsten Vorfällen Krane verstärkt ins Visier nehmen will. Weitergehende Kontrollen und Vorschriften hält er dagegen für unnötig. Die Selbstkontrolle der Branche funktioniere, Kranfirmen täten viel für die Sicherheit. «Niemand kann es sich leisten, einen technisch mangelhaften Kran aufzustellen.» Auch André Huber von der Firma Toggenburger sieht keinen aktuellen Handlungsbedarf, solange keine genaueren Erkenntnisse vorliegen. Zudem seien moderne Krane mit einer Blackbox ausgerüstet, die jede Aktion aufzeichnet und speichert.

Auch die Gewerkschaft Unia hält das Regelwerk für Krane für ausreichend. Die Herausforderung liege in der konsequenten Um- und Durchsetzung der verbindlichen Vorgaben, sagt Dario Mordasini, Unia-Experte für Arbeitssicherheit. In den letzten Jahren seien unter der Leitung der Gewerkschaften und des Baumeisterverbandes über 15 000 Kranführer ausgebildet und geprüft worden. Mordasini setzt vor allem auf Prävention: «Entscheidend ist die sorgfältige Planung von Arbeiten auf Baustellen, gerade in Zeiten erhöhten Kosten- und Termindrucks.» Ähnlich tönt es beim Baumeisterverband: «Alle Beteiligten auf dem Bau müssen sich jeden Tag auf ein Neues bewusst werden, wie wichtig die Arbeits­sicherheit ist und welche Regeln es zu beachten gilt», sagt Sprecher Mat­thias Engel.

Bei Heiratsantrag gekippt

Dass selbst schärfste Vorschriften zuweilen nicht vor einem Unfall schützen, zeigte ein spektakulärer Vorfall Ende letzten Jahres in Holland. In einem Dorf bei Utrecht wollte sich ein Mann mit einem eigens gemieteten Autokran im Garten seiner Freundin absetzen lassen, um ihr so einen Heiratsantrag zu machen. Doch ehe er dazu kam, kippte der Kran aufs Dach des Nachbarhauses. Der Mann und die Hausbewohner kamen mit dem Schrecken davon.

Erstellt: 02.07.2015, 00:22 Uhr

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