Kreative fordern Planungsstopp auf dem Flugplatz Dübendorf

Der Kanton Zürich will auf dem Areal des Militärflugplatzes Dübendorf möglichst bald einen Innovationspark realisieren. Die Gruppe Denk-Allmend verlangt vom Bundesrat dagegen ein Time-out.

Warten auf «Momente der Klarheit» für den Flugplatz Dübendorf: Thomas Held (links)und Jürg Minsch.

Warten auf «Momente der Klarheit» für den Flugplatz Dübendorf: Thomas Held (links)und Jürg Minsch. Bild: Sophie Stieger

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Thom Held und Jürg Minsch sind nicht beleidigt, wenn man sie als naiv bezeichnet. Denn sie sind vorsätzlich naiv. Und mit Hintergedanken. Naiv mutet an, dass sie morgen den Bundesrat für ein «Planungsmoratorium» beim Flughafen Dübendorf gewinnen wollen. «Ein Time-out für Reflexionen und kreative Gedanken. Eine Pause zum Denken», führt Minsch aus. Der Hintergedanke liegt im Vertrauen auf die Ausstrahlung ihrer Idee, erst einmal zu erkunden, was auf diesem riesigen Freiraum vor den Toren der Stadt Zürich alles möglich wäre. Thom Held sagt: «Unser Vorschlag hat etwas Lustvolles und Befreiendes. Das wirkt ansteckend.»

Held und Minsch sind Initianten der «Denk-Allmend», die sich zum Inhalt gemacht hat, im öffentlichen Raum verkrustete Denkschemen und Routine aufzubrechen. Sie verstehen sich als Citoyens, als aktive Staatsbürger, die mitdenken – manchmal vordenken. Der Flugplatz Dübendorf soll ihr Gesellenstück werden. Gleich ein grosser Brocken, nicht nur, was die Dimensionen betrifft. Auch die Begehrlichkeiten sind gross und der Bund als Besitzer weit «oben».

Letzte Woche hat der Kanton Zürich gemeldet, dass er in Dübendorf so bald wie möglich einen Innovationspark realisieren möchte. Zwischen den Zeilen der Mitteilung war zu lesen: Es pressiert. Minsch und Held sehen das anders: «Gemach, gemach, es besteht kein Zeitdruck. Und der Innovationspark ist nur eine Möglichkeit von vielen an diesem Ort.» Zuerst brauche es Klarsicht – «Momente der Klarheit».

«Der Bund sind wir»

Vor zwei Jahren hat die Denk-Allmend angefangen, das Projekt Flugplatz Dübendorf zu formen. Sie hat Ideen gesammelt, die an Hochschulen erarbeitet oder an Architektentreffs geboren wurden. Sie hat einen Wettbewerb ausgeschrieben, für den allein schon über fünfzig Projekte eingingen: Ein Experimentierfeld für neue Wohnformen. Ein Wald der Zukunft. Eine Dauer-Expo, in der die Schweiz sich im Kleinen immer neu erfindet. Oder eine einzige verspiegelte Fläche, die den Himmel auf Erden bringt und zum Nachdenken über den Umgang mit Raum und Boden anregt. «Der Boden gehört niemandem – oder eben allen», knüpft Thom Held an. Und dies treffe insbesondere für den Flugplatz Dübendorf zu. «Er gehört dem Bund, und wenn nicht mehr der Armee, dann zunächst allen Schweizerinnen und Schweizern.»

Minsch und Held sind nicht weltfremde Träumer. Jürg Minsch ist promovierter Volkswirtschafter und Umweltökonom mit Lehraufträgen an der ETH Zürich und der Uni für Bodenkultur in Wien. Held ist Biologe und Raumplaner – und ein ausgewiesener Weinkenner. Zwei Bündner mit unterschiedlichen Temperamenten: Minsch ist zurückhaltend und ruhig, Held quirlig und impulsiv. Sie zitieren Sloterdijk und Goethe, sind aber keine Schöngeister, gar nicht zeitgeistig, klassische Freigeister eben.

Easy Rider der Demokratie

Held sagt: «Wir sind Easy Rider der Demokratie.» Und der Flugplatz Dübendorf ist für ihn ein «Mut- und Demokratietest». Demokratie heisst für sie schon auch, dass die Mehrheit entscheidet. So lässt die Denk-Allmend ab morgen über fast siebzig zusammengetragene Ideen per Blog konsultativ abstimmen. Demokratie heisst aber vor allem, dass sich alle frühzeitig einbringen können. Held spricht von «umgekehrter Partizipation». Nicht die Behörden laden, wenn es ihnen genehm ist, zur Mitwirkung ein. «Unter Obhut des Bundes führen als Erste die Aktiven der Zivilgesellschaft Regie. Und Politik und Administration wirken mit.»

In dem Sinn meldet die Denk-Allmend morgen um zehn Uhr dem Bundesrat, dass die Zivilgesellschaft die Zukunftsplanung des Flugplatzes Dübendorf mitgestalten soll. Es werde wohl nicht gerade Ueli Maurer persönlich erscheinen, sagen die beiden. «Doch erwarten wir, dass jemand von seinem Departement erscheinen wird.» Eine Vertretung des Bundesamtes für Raumentwicklung hat sich angemeldet. Auch tagt morgen die ständerätliche Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie in Bern.

Goethe spricht mit

Held und Minsch werden ihnen – im besten Politjargon – einen viersprachigen Sachplan präsentieren. Einen «Sachplan» in Anführungszeichen, in dem auch Goethe zu Wort kommt: «Erst Empfindung, dann Gedanken. Erst ins Weite, dann zu Schranken. Aus dem Wilden hold und mild, zeigt sich Dir das wahre Bild.» Jürg Minsch und Thom Held sind zuversichtlich, dass auch Politikerinnen und Politiker nicht immun gegen ihren Denkvirus sind.

Erstellt: 07.11.2012, 10:37 Uhr

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Flugbetrieb nur noch bis 2014

Einst war es Riedland, dann kam ein französischer Aviatiker und machte daraus einen Startplatz für seine Flugzeuge. Im Oktober 1910 hob die erste Maschine in Dübendorf ab. 1918 kaufte der Bund für 380 000 Franken das Gelände, das damit zur Wiege der Schweizer Luftfahrt wurde. Bis 1948 starteten und landeten hier auch die zivilen Flugzeuge. Als der Flugplatz vom Militär voll genutzt wurde, fanden darauf jährlich bis zu 15 500 Flugbewegungen statt.

Die Schweizer Armee will 2014 den Flugbetrieb einstellen. Das Gelände umfasst 234 Hektaren, davon sind 176 umzäunt, 119 Hektaren sind Grünfläche. Auf dem Flugplatz stehen zurzeit rund sechzig Gebäude, darunter zwölf Hallen für Flugzeuge und Fahrzeuge, ein denkmalgeschützter Bogenhangar sowie ein Fliegermuseum. Weitere Nutzer wie Skyguide, Solar Impulse, Ruag und die Rega sind eingezogen. Der Bund prüft zurzeit eine militärisch-zivile Mischnutzung. Der Kanton Zürich hat letzte Woche angekündigt, dass er auf dem Flugplatz einen Innovationspark mit nationaler Ausstrahlung verwirklichen möchte.

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