Kritik an Pro Senectute nach umstrittenem Liegenschaftshandel

Ein pensioniertes Ehepaar muss seine günstige Wohnung im Kreis 6 räumen, weil Pro Senectute Kanton Zürich das Haus verkauft hat. Es habe keine andere Möglichkeit gegeben, heisst es bei der Stiftung.

Besitzerwechsel für 5,4 Millionen Franken: Das sanierungsbedürftige Haus an der Vogelsangstrasse 44.

Besitzerwechsel für 5,4 Millionen Franken: Das sanierungsbedürftige Haus an der Vogelsangstrasse 44. Bild: Dominique Meienberg

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Nicht nur private Hausverkäufer profitieren von den Rekordpreisen auf dem Zürcher Immobilienmarkt. Auch Stiftungen wie Pro Senectute Kanton Zürich mischen mit. Die Organisation hat kürzlich ihr Haus an der Vogelsangstrasse 44 für 5,4 Millionen Franken verkauft. Der Preis entspricht dem derzeitigen hohen Marktniveau. Abzüglich der Grundstückgewinnsteuer hat die Stiftung 4,7 Millionen eingenommen. Der 73-jährige Walter P. und seine Frau verlieren durch den Verkauf ihre Wohnung, in der sie seit 28 Jahren leben. Auf der Website verpflichtet sich Pro Senectute zur «Erhaltung und Verbesserung der Lebensqualität». «Bei uns hat die Stiftung genau das Gegenteil bewirkt», sagt Walter P.

Pro Senectute Kanton Zürich bekam die Liegenschaft vor rund 25 Jahren als Legat geschenkt. Das Gründerzeit-Haus in der Nähe des Rigiblicks besteht aus Büros im Erdgeschoss, drei 1½-Zimmer-, drei 3½-Zimmer- und zwei 5-Zimmer-Wohnungen. Walter P., der anonym blieben will, um sich seine Chancen auf dem Wohnungsmarkt nicht zu schmälern, und seine Frau logieren in einer der 5-Zimmer-Wohnungen. Hier haben sie ihre mittlerweile erwachsenen Kinder aufgezogen. Weil das Haus jahrzehntelang nicht renoviert worden ist, liegt die Miete für diese Lage weit unter Durchschnitt – bei 1650 Franken im Monat.

«Aus dem Umfeld gerissen»

Letzten Sommer erfuhren alle Bewohner per Post vom Verkauf: «Die neue Eigentümerin konnte ein faires Ausschreibungsverfahren entscheiden. Spekulative Angebote haben wir konsequent abgelehnt», schrieb Pro Senectute. Ein paar Wochen später folgte die unangenehme Überraschung. Die neue Besitzerin, eine kleine Immobilienfirma, plant die Totalsanierung. Spätestens im September 2012 müssen alle Mieter ihre Wohnungen geräumt haben. Ein Angebot, später wieder einzuziehen, gab es nicht. «Und auch wenn: Die neuen Wohnungen könnten wir uns sowieso nicht leisten», sagt Walter P.

Pro Senectute hat sich aus Walter P.s Sicht «geldgierig» verhalten. Er versteht nicht, warum sie das Haus nicht selber hat renovieren lassen. «Mit einer Mieterhöhung hätten wir gut leben können. Aber eine Kündigung reisst uns aus unserem Umfeld. Etwas Gleichwertiges zu finden, ist sehr schwierig.»

«Mehr Geld verdienen können»

Die Bewohner hätten lange von sehr tiefen Mieten profitiert, sagt Franjo Ambroz, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Pro Senectute Kanton Zürich. Mittlerweile befinde sich die Liegenschaft in derart desolatem Zustand, dass eine Erneuerung zwingend sei. «Sonst hiesse es, wir vermieteten Lotterhäuser.» Der Verkauf habe sich als die vernünftigste aller geprüften Optionen erwiesen. «Wir können unsere Mittel nicht in ein aufwendiges Renovationsprojekt stecken, auch die fachlichen Kompetenzen fehlen.» Geldknappheit habe keine Rolle gespielt, aber natürlich achte man sehr darauf, die Finanzierung der Organisation langfristig sicherzustellen.

Pro Senectute habe das Geschäft nach den hohen Ansprüchen abgewickelt, die man an eine gemeinnützige Organisation stelle, sagt Ambroz. «Es gab kein mehrstufiges Verfahren, um den Preis hochzutreiben. Und wir haben nicht an die Meistbietenden verkauft.» Die Stiftung hätte noch viel mehr Geld herausschlagen können. Ausserdem habe man früh informiert. Dass den Mietern gekündigt wurde, bedauert Ambroz. Aber wegen des Renovationsbedarfs hätte sich dies auch nicht vermeiden lassen, wenn Pro Senectute das Haus behalten hätte. Dies bestätigt der Käufer. Die über 60-jährigen Leitungen müssten herausgerissen und ersetzt werden. In bewohntem Zustand funktioniere das nicht. Was mit der Liegenschaft nach dem Umbau passiert, ist noch offen. Die günstigen Wohnungen werden aber endgültig verschwinden. «Um den hohen Kaufpreis und die Investitionen wieder hereinzuholen, müssen wir die Mieten sicher stark anheben», sagt der neue Besitzer. «Wegen des Kostendrucks verkaufen wir die Wohnungen vielleicht auch im Stockwerkeigentum. Obwohl uns eine Vermietung lieber wäre.»

«Für nichts garantieren»

Gegenüber Pro Senectute ist der Käufer keine Verpflichtungen eingegangen. Die Stiftung habe aber darum gebeten, die gekündigten Mieter bei der Wohnungssuche zu unterstützen. «Das versuchen wir, können aber für nichts garantieren.» Walter P. hat bisher eine neue Wohnung angeboten bekommen. «Doch die war zu teuer für uns.»

Die Geschichte der Vogelsangstrasse 44 ist ein moderner Klassiker auf dem Zürcher Wohnungsmarkt: Sanierungsbedürftige Häuser überfordern die Besitzer. Sie verkaufen, gelockt durch die hohen Preise. Den Bewohnern wird gekündigt, und nach dem Umbau explodieren die Mieten. Pro Senectute hätte kontinuierlich und sanft die Mieten anheben, Rückstellungen machen und mit diesem Geld die Sanierung bezahlen sollen, sagt ein Experte. Dies hätte die Vernichtung von günstigem Wohnraum verhindert.

Oder die Stiftung hätte das Haus günstiger vergeben können. Man habe auch diese Variante geprüft, sagt Franjo Ambroz. «Doch ein Verkauf weit unter Marktwert hätte unsere finanzielle Basis mutwillig geschmälert, was uns den Vorwurf ungetreuer Geschäftsführung hätte eintragen können. Ausserdem garantierte ein billiger Verkauf keine tieferen Mieten, sondern hätte dem Käufer lediglich höhere Renditen ermöglicht.»

Erstellt: 18.01.2012, 06:36 Uhr

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