Künstler, ja – und Krimineller?

Kunst oder Sachbeschädigung? Der ungewöhnliche Prozess gegen Harald Naegeli, den «Sprayer von Zürich».

Was sagen Zürcherinnen und Zürcher über Harald Nägelis Werke und wo sehen sie den Unterschied zwischen Kunst und Vandalismus? (Video: Lea Blum)

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Ganz am Ende der Verhandlung wurde Harald Naegeli plötzlich laut. Er, der als Beschuldigter vor dem Bezirksgericht Zürich stand, drehte den Spiess um, schleuderte dem Staatsanwalt die Worte ins Gesicht: «J’accuse! Ich klage an, dass Sie Kunstwerke von wem auch immer, Kunstwerke überhaupt vernichten, zerstören, unsichtbar und unbrauchbar machen und obendrein noch als kriminell bezeichnen, statt diese zu schützen und zu bewahren, wie es das Gebot der Kultur ist!»

Es war das vorläufige Ende einer Verhandlung, die etwas Kafkaeskes an sich hatte. Streitgegenstand waren 25 Werke, die Harald Naegeli zwischen August 2012 und dem 24. Dezember 2013 in Zürich an Wände gesprayt haben soll. Typische Naegeli-Bilder waren es, ein Poseidon mit Dreizack und Fische mit Beinen, in Minutenschnelle frühmorgens angebracht, am Aufgang zum Grossmünster, an der Limmat-Ufermauer, in einer Unterführung.

Machte eine Extrarunde für die Fotografen: Harald Naegeli vor dem Bezirksgericht Zürich. Foto: Reto Oeschger

Damit, so schrieb die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift, habe der 78-jährige, international renommierte Künstler Schäden von 9191.45 Franken verursacht. Dafür sei er zu bestrafen: mit einer bedingten Geldstrafe von 270 Tagessätzen à 700 Franken sowie einer Busse von 10'000 Franken.

Prozess mit Potenzial

Gestern also war Verhandlung in Sachen Staat gegen Naegeli. Der Künstler kam mit dem Velo angeradelt, grüsste die Medienschaffenden mit einem Lächeln, drehte eine Runde für die Fotografen. Dann sass er vor dem Richter, ein überraschend kleiner Mann mit Hut. Er, der stolz ist auf sein Werk, mochte zu den Wandbildern, um die es ging, nichts sagen. Noch nicht einmal seine Urheberschaft wollte er anerkennen – er bestritt sie freilich auch nicht, sondern beantwortete jede Frage des Einzelrichters, ob er etwas sagen wolle, mit Nein oder Nein, danke. Es klang ein wenig, als erkläre er einem neugierigen Kind wieder und wieder dasselbe. Später, während der Plädoyers, skizzierte Harald Naegeli das Gericht.

Dennoch, unberührt liess ihn der Prozess nicht. Für Naegeli geht es um nichts weniger als die Neudefinition des Begriffs «Sachbeschädigung», es geht ihm um den Stellenwert der Kunst, auch ungefragter und nicht bestellter Kunst. Wenn es zu dieser Neudefinition komme, sagte Naegeli, dann sei dieser Prozess richtungsweisend und konstruktiv dazu: «Das ist für mich und die Gesellschaft viel wichtiger als ein Schuld- oder Freispruch.»

In solch grundsätzliche Sphären mochte der Staatsanwalt dem Künstler aber nicht folgen. Stattdessen legte er akribisch dar, wie der nicht geständige Beschuldigte überführt worden sei, warum nur er als Urheber der Werke infrage komme. Wobei das Wort Werk in einem Polizeirapport nicht von ungefähr in Anführungszeichen stehe.

Begonnen habe die neuere Geschichte, so der Staatsanwalt, mit einem Fisch. Hingesprayt am Aufgang vom Limmatquai zum Grossmünster, und zwar am 24. Dezember 2013 zwischen 5 Uhr, 24 Minuten, 12 Sekunden und 5 Uhr, 26 Minuten, 46 Sekunden. Das weiss der Staat deshalb so genau, weil die Polizei just an jener Stelle eine Überwachungskamera montiert hatte. Denn genau dort waren in den Monaten zuvor schon Graffiti angebracht worden, unter anderem ein mannshoher Poseidon.

Bildstrecke: «Sprayer von Zürich» ist wieder aktiv

Die Bilder zeigten gemäss Staatsanwalt klar und deutlich einen Mann, der mit einer Spraydose hantiert, eine Dose wohlgemerkt, «aus der Farbe kommt». Das Bild, das dabei entstanden ist, sei nicht sichtbar, dafür aber das Gesicht des Sprayers, bei dem es sich unzweifelhaft um Naegeli handle.

Die Polizei durchsuchte darauf dessen Wohnhaus und stellte dort unter anderem Spraydosen, Fotos und einen Laptop mit Mails sicher. Detailliert setzte der Staatsanwalt dem Gericht auseinander, wie Naegeli in diesen Mails jeweils seine frühmorgendlichen Touren und seine neuesten Werke beschrieben habe: «Damit ist die Urheberschaft unzweifelhaft erstellt.»

Dann wurde der Staatsanwalt doch noch grundsätzlich. «Der Tatbestand der Sachbeschädigung lässt keinen Raum für Interpretationen. Der Beschuldigte hat die Ansehnlichkeit der betreffenden Orte wesentlich beeinträchtigt. Ob die Bilder künstlerisch wertvoll sind, spielt keine Rolle.»

«Die schöne und erotische Frauenfigur passt gut in die Zwinglistadt»: Das schreibt Spraykünstler Harald Naegeli zur Figur, die er exklusiv für den «Tages-Anzeiger» entworfen hat.

Naegelis Verteidiger verlangte einen Freispruch. Er begann gleich mit dem Grundsätzlichen: dem widersprüchlichen Verhalten von Stadt und Kanton Zürich. Da schütze und restauriere die Baudirektion aufwendig die «Undine», eines der letzten, ebenfalls illegal entstandenen Wandbilder Naegelis aus den 70er-Jahren. Dieselbe Baudirektion aber zerre Naegeli nun vor Gericht: «Das verstösst gegen den Grundsatz von Treu und Glauben.» Widersprüchlich habe sich auch die Stadt verhalten. Während die Abteilung Entsorgung + Recycling (ERZ) Naegeli anzeige, erkläre mit der Liegenschaftenverwaltung eine andere Abteilung, es bestehe kein Interesse an einer Bestrafung. Für den Verteidiger ist das klar Willkür.

Überraschung zum Schluss

Mehr noch: «Die Beweisführung in diesem Verfahren hat etwas geradezu Besessenes an sich. Es gab keine Reflexion über Sinn und Unsinn der Strafuntersuchung.» Eine solche hätte die Erkenntnis gebracht, dass von Sachbeschädigung keine Rede sein könne. Es fehle dem Urheber der Werke nur schon am Vorsatz, etwas zu zerstören. Vielmehr sei davon auszugehen, dass der Zeichner mit der Absicht der Verschönerung gehandelt habe. «Die Staatsanwaltschaft hätte also beweisen müssen, dass die Wandzeichnungen keine Verbesserung darstellen», sagte der Verteidiger. Es stelle sich die Frage, ob der Staat überhaupt ein schützenswertes Interesse daran haben könne, Kunst im öffentlichen Raum zu bestrafen.

Dass Naegeli die Bilder gesprayt hat, bestritt der Verteidiger nicht explizit. Aber er hielt fest, dass die Hausdurchsuchung seiner Ansicht nach nicht verhältnismässig und damit auch nicht rechtmässig war: «Die Beweise der Staatsanwaltschaft sind daher nicht verwertbar.» Käme das Gericht zum selben Schluss, so wäre ein Freispruch zwingend, denn damit wäre die Urheberschaft Naegelis schlicht nicht beweisbar.

Der Prozess endete weder mit einem Schuld- noch mit einem Freispruch, sondern mit einer Überraschung: Der Einzelrichter setzte das Urteil aus. Grund: Die Werke, welche die Baudirektion zur Anzeige gebracht hatte, sind verjährt. Damit bleibt ERZ als einzige mögliche Geschädigte. «Ich werde Ihnen, Herr Verteidiger, die Gelegenheit geben, sich mit ERZ in Verbindung zu setzen, ob die Strafanträge zurückgezogen werden», sagte der Richter. Ein Urteil fälle er erst, wenn ERZ darauf beharre.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2017, 22:58 Uhr

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