Landgasthof aus der Asche

Kurz vor Weihnachten 2016 ist der Sternen in Sternenberg komplett niedergebrannt. Die Besitzerin Marianne Brühwiler wirtet bereits wieder und plant, das Restaurant neu aufzubauen.

Aufgeben war nie eine Option: Sternen-Wirtin Marianne Brühwiler. Fotos: Doris Fanconi

Aufgeben war nie eine Option: Sternen-Wirtin Marianne Brühwiler. Fotos: Doris Fanconi

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Nur ganz wenig konnte gerettet werden, als in der Nacht vom 18. auf den 19. Dezember 2016 Feuer ausbrach im Sternen: etwas Geld aus dem Safe und ein paar wenige Dokumente aus einer feuersicheren Schublade des Schreibtischs. Grundbuchunterlagen und die Zeugnisse der Tochter von Marianne Brühwiler. Und – als würde das Schicksal sich einen Scherz erlauben – die Scheidungsunterlagen.

Das 300 Jahre alte Sternenberger Haus brannte bis auf die Grundmauern nieder. Einzig ein Skelett aus dicken Holzmasten stand anderntags noch da. Dieses Gerippe zeigte, wie stolz und stattlich der Landgasthof gewesen war, der zu den schützenswerten Gebäuden des Kantons gehört hatte. Der Bagger musste später heftig an den Seilen ziehen, um es ganz einzureissen.

Ein halbes Jahr später steht Marianne Brühwiler wieder in der Küche, bewirtet Gäste und tischt ihren Gemüsegratin oder den Siedfleischsalat mit einheimischem Hirschfleisch auf. Das Geschäft läuft gut, die Mittagsgäste sind an diesem kühlen Mittwochnachmittag schon wieder weg, es treffen Wanderer und Ausflügler für Kaffee und Kuchen ein. Den Stammtisch im Saal hat Brühwiler von einem Gast geschenkt erhalten – er ist kein Schmuckstück, passt aber gut in die Stube. Diese hat die Wirtin im Gebäude neben dem ehemaligen Sternen eingerichtet: ein Lagerhaus, das ebenfalls ihr gehört. Im Ess- und Aufenthaltssaal mit Theaterbühne hat sie ihre Gaststätte eingerichtet.

Für zwei Jahre ins Provisorium

Wer die Stube betritt, fühlt sich wohl. Der Gast kommt kaum auf die Idee, dass Brühwiler hier erst seit knapp drei Monaten wirtet. In einem Provisorium, das sie, wenn alles nach ihren Vorstellungen läuft, in zwei Jahren wieder verlassen kann, um im neuen Sternen einzuziehen. Schon am Tag nach dem Brand, als sie mit ihrer Tochter notfallmässig aus den Ferien in Österreich zurückkehrte, war für sie klar, dass sie nicht aufgeben will. «Alle meine Angestellten waren da, alle weinten. Ich sagte: ‹So schlimm ist das nicht, wir schaffen den Neuanfang.›» Zeit für eigene Tränen hatte sie keine.

Schon kurz nach Weihnachten und Neujahr wusste Marianne Brühwiler, wie sie die Zeit bis zur Neueröffnung überbrücken wollte: mit dem Provisorium im Lagerhaus. Die Küche konnte sie aber nicht dort unterbringen. Vorerst erkundigte sie sich nach mietbaren Kochcontainern – doch dies war zu teuer. So liess sie sich bei der Leuenberger Holzbau AG im zehn Kilometer entfernten Schalchen einen Holzcontainer bauen, den sie später ans Haus andockte. Hilfe erhielt sie immer wieder von Freunden und Handwerkern aus der Region, die auf Bezahlung teils verzichteten. Sie nennt sie «meine Männer».

Küchengeräte wie Steamer, Holdomat oder Vakuumierer kaufte sie als Occasion. Auch wenn sie seit drei Monaten bereits wieder kocht, stellt sie immer wieder fest, dass ein Küchenwerkzeug fehlt. Kürzlich musste sie sich ein Tortenmesser kaufen, als Letztes vermisste sie eine Spicknadel fürs Fleisch.

Neu mit Mietwohnungen

Neben ihrem Job in der Küche und im Restaurant plant Brühwiler den neuen Sternen. «Er wird von der Strasse aus gleich aussehen wie der alte», sagt sie. Ein Oberländer Haus mit Holzschindeln, wie sie hier üblich sind. Wenn möglich und finanzierbar, will sie auf Minergie setzen. Und den Zimmermann hat sie gebeten, alte Bretter, Böden und Balken zu retten, wenn er Häuser und Scheunen abreissen muss – sie sollen Cachet in den neuen Sternen bringen. Als Nächstes trifft sich Brühwiler mit der Bank, um die Finanzierung erneut zu besprechen. Um das Haus rentabler zu machen, musste sie nach der letzten Besprechung drei Mietwohnungen ­einplanen.

Beim Gespräch sitzt die Wirtin in einer violetten Kochjacke in der Wirtschaft. Sie lacht oft und regt sich auf, wenn ihr im Eifer ein «geil» herausrutscht. Die vielen Stunden, die sie in der Küche steht und über den Neubauplänen sitzt, sieht man ihr kaum an.

In den vier Monaten, in denen sie nicht kochen und wirten konnte, hatte Marianne Brühwiler mehr Zeit für sich. Sie traf sich vermehrt mit Freunden, verabredete sich für Essen und Spaziergänge. «Das will ich beibehalten, ich will diese Beziehungen mehr pflegen als zuvor.» Und sie will ihrer Tochter, die 21 Jahre alt ist, besser zuhören. «Früher habe ich bei Gesprächen oft an Rezepte gedacht und musste plötzlich auf­stehen, um die Gedanken niederzuschreiben.»

Vor der heutigen Gaststube liegt eine Baugrube. Die Fläche erscheint fast zu klein, als dass der ehemalige Gasthof hier Platz gehabt hätte. Warum er abgebrannt ist, weiss bis heute niemand. Vielleicht hat eine Maus ein Kabel durchgefressen und einen Kurzschluss ausgelöst. Marianne Brühwiler war mit ihrer Tochter am Morgen zuvor in die Ferien gefahren. Heute weiss sie, dass sie auch Glück gehabt hat. Denn das Feuer ist zwar im Restaurant ausgebrochen, hat sich aber sehr schnell nach oben ausgebreitet, wo Marianne Brühwiler und ihre Tochter ihre Schlafzimmer hatten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2017, 21:28 Uhr

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So verlottert wie im Film «Sternenberg» hat das Restaurant Sternen nie ausgesehen. Spinnweben an den Fenstern und Staub auf dem Mobiliar hatte Regisseur Christoph Schaub anbringen lassen, als er 2003 den Film drehte. Eigentlich war er fürs Fernsehen gedacht, doch dann wurde er mit 120 000 Zuschauern auch im Kino zum Grosserfolg. Matthias Gnädinger spielt in «Sternenberg» einen Mann, der nach über 30 Jahren im Ausland ins Dorf seiner Kindheit zurückkehrt. Weil die Schule zu wenig Schüler hat, soll sie geschlossen werden. Der Rückkehrer lässt sich mit 69 Jahren als ältester Schüler der Schweiz einschulen, um die Schule zu retten. Nach der Feuersbrunst im Sternen meinte Regisseur Staub im Lokalblatt: «Ich bin total erschrocken. Es ist, wie wenn einem etwas vom eigenen Leben weggenommen wird.» Marianne Brühwiler, damals 35-jährige Wirtin im Sternen, kochte während zehn Tagen nur für die Filmcrew. Viele hätten sie immer wieder besucht und sich nach dem Brand auch bei ihr gemeldet. (zet)

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