Lehrpersonen mit grossen Klassen sollen schneller Hilfe bekommen

Als Hauptgrund für ihre Überlastung sehen Zürcher Lehrerinnen und Lehrer die grossen Klassen. Nun lanciert der Berufsverband eine neue Idee: Kinder mit besonderen Bedürfnissen sollen doppelt zählen.

Überlastung der Zürcher Lehrerinnen und Lehrer: Die maximal zulässige Klassengrösse liegt gemäss Volksschulverordnung bei 25 Kindern.

Überlastung der Zürcher Lehrerinnen und Lehrer: Die maximal zulässige Klassengrösse liegt gemäss Volksschulverordnung bei 25 Kindern. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Die Zürcher Schulklassen sind zu gross. Das finden auf jeden Fall die Zürcher Lehrerinnen und Lehrer. In einer Umfrage ihres Berufsverbandes haben sie diesen Sommer die Grösse ihrer Klassen als wichtigsten Belastungsfaktor genannt. Gestern hat der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband (ZLV) reagiert. Er schlägt vor, künftig alle Kinder, die neben dem üblichen Unterricht Unterstützung brauchen, bei der Klassenbildung speziell zu berücksichtigen. Demnach würden Kinder mit «integrierter Förderung» (IF) doppelt zählen, Kinder mit dem Status «integrierter Sonderschüler» (IS) sogar dreifach. So würde die maximal zulässige Klassengrösse von 25 Kindern schneller erreicht als heute.

ZLV-Präsidentin Lilo Lätzsch preist die Idee als praxistauglich: «Wir kommen hier nicht mit einer Utopie, sondern sind konstruktiv.» Eine grosse Klasse sei nicht immer gleich anstrengend, begründet sie den Vorschlag. Wenn einer Klasse viele «Sonderfälle» zugewiesen würden, habe die Lehrperson tendenziell mehr Aufwand.

Ziel sei es darum, vor allem jene Klassenlehrpersonen mit vielen IF- und IS-Schülern zu entlasten. Sekundarlehrerin Lätzsch hat derzeit in ihrer Klasse mit 18 Jugendlichen derzeit nur einen IF-Schüler. Die neue Regelung hätte also für sie keine Entlastung zur Folge. Eine 24er-Klasse mit vier IF-Schülern würde aber nach neuer Berechnungsart zur 28er-Klasse, weil die IF-Schüler doppelt zählten. Somit bekäme die Lehrperson zusätzliche Entlastung durch eine zweite Lehrperson.

Die neuen Kleinklassen?

Persönlich würde es Lätzsch begrüssen, wenn man Schüler mit besonderem Förderbedarf nicht über alle Klassen verteilen würde, sondern in einigen Klassen konzentrierte: «In solchen Klassen könnten so mit unserer Regelung permanent zwei Lehrpersonen arbeiten und nicht nur in gewissen Lektionen.» Mit dieser Meinung stösst Lätzsch aber schon im eigenen Verband auf Ablehnung. Denn die Ballung der «Sonderfälle» kommt der versteckten Wiedereinführung von Kleinklassen gleich. Lätzsch glaubt das zwar nicht, räumt aber ein: «Die totale Integration, wie sie teils vollzogen wurde, hat das System überfordert.»

Die finanziellen Folgen seines Vorschlags hat der ZLV nicht berechnet. Derzeit gibt es im Kanton Zürich gut 170 Klassen mit mehr als 25 Kindern. Weil sie damit über der maximal zulässigen Grösse liegen, erhalten die Lehrer schon heute Hilfe von einer weiteren Lehrperson, diese würde mutmasslich ausgebaut. Zudem würden wohl die meisten Klassen mit 23 oder mehr Schülern zusätzlich unterstützt. Und das sind derzeit nochmals gut 1000 Klassen.

Eine Konkurrenz ist der ZLV-Vorschlag für die Klassengrössen-Initiative der EVP. Sie verlangt eine neue Maximalgrösse von 20 Schülern pro Klasse. Wenn sie überschritten würde, müssten die Klassen geteilt werden. Dieses Begehren hätte nach Berechnungen des Regierungsrates jährliche Zusatzkosten von 120 Millionen Franken zur Folge, wovon die Gemeinden 80 Prozent zu tragen hätten. EVP-Präsident Johannes Zollinger, reagierte gestern verhalten auf den Vorschlag des Lehrerverbandes. Grundsätzlich sei es richtig, besonders belastete Klassen zu entlasten. Zollinger weist aber auf das Missbrauchspotenzial einer solchen Regelung hin. Es gebe keine rein objektiven Kriterien, wann bei einem Schüler oder einer Schülerin Förderbedarf verordnet wird. Auf der anderen Seite wäre die EVP wohl bereit, ihre Initiative zurückzuziehen, wenn ein guter Gegenvorschlag vorläge. Denn Zollinger befürchtet, dass der wachsende Spardruck eher dazu verleitet, dass die Klassen wieder vergrössert werden.

Klassenlehrer werden entlastet

Derzeit wird die EVP-Initiative in der Bildungskommission des Kantonsrates beraten und kaum eine Mehrheit finden. Es wird aber über einen möglichen Gegenvorschlag diskutiert. Kommissionspräsident Ralf Margreiter (Grüne, Zürich) hält es für gut möglich, dass der ZLV-Vorschlag in die Diskussion Eingang findet. Allerdings liegen noch andere Ideen auf dem Tisch, wie man Lehrpersonen mit grossen Klassen entlasten könnte. Margreiter weist auch darauf hin, dass der Dschungel von Entlastungsmassnahmen nicht grösser werden sollte. Bereits bewilligt ist ein Pool mit Entlastungsstunden, die jeder Schulleiter verteilen kann. Beschlossen hat der Kantonsrat vor kurzem auch, dass allen Klassenlehrern für ihre Führungsaufgabe 100 Arbeitsstunden gutgeschrieben werden. Die Entlastung von Lehrpersonen mit grossen Klassen würde da noch obendrauf kommen.

Martin Wendelspiess, Chef des Volksschulamtes, kündigte gestern die «genaue Prüfung» des Vorschlags an. Er betonte allerdings, dass besonders belastete Schulen über einen Sozialindex bereits heute mehr Stellenprozente zugewiesen bekommen.

Erstellt: 18.11.2013, 20:40 Uhr

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