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Ist es die Hitze, oder nehmen die Anweisungen zum Offensichtlichen überhand?

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Bei grosser Hitze solle man den Wald aufsuchen oder Pärke mit grossen Bäumen, empfehlen uns die Experten von Meteo Schweiz (TA von gestern). Der Grund leuchtet auch Laien ein. Es wird im Schatten weniger heiss als unter der Sonne. Das hängt damit zusammen, dass die Sonne nicht hinscheint, wo es Schatten hat.

Aber Achtung: Im Wald herrscht Zeckengefahr. Zecken haben die Angewohnheit, Menschen ungefragt Blut abzunehmen. Deshalb sollten Sie den Wald nur durchgekleidet aufsuchen. Und denken Sie stets daran, genügend zu trinken. Vor allem, wenn Sie Durst haben.

Wo die Dreisten klagen

Halluziniert man das herbei, weil es so heiss ist, oder stimmt der Eindruck, dass die Anweisungen zum Offensichtlichen überhandnehmen? Schon im Klimatischen. Flutwarnung, Sonnenbrandwarnung, Frostgefahr. Falls es stimmt, machen wir es, wie so vieles, den Amerikanern nach. Die haben wenigstens Grund zur Vorsicht: die Angst vor den Klagen der Dreisten, nach Möglichkeit gesteigert zur Sammelklage. In keinem Land der Welt verdienen so viele Juristen so viel Geld wie in den USA. Dort wird das Einklagen als Volkssport betrieben, die Genugtuung kann das Tausend­fache der Schadenssummen erreichen, und Anwälte profitieren von einer Erfolgsbeteiligung. Das ist ihnen in der Schweiz nicht erlaubt.

Manchmal trifft das amerikanische Rechtssystem die Richtigen, etwa bei den Sammelklagen krebskranker Raucher gegen die Tabakindustrie. Die Kläger konnten nachweisen, dass die Zigarettenhersteller ihre Kundschaft ungenügend über die Gefahr ihrer Produkte informiert hatten. Andere Urteile sind schwerer nachvollziehbar. So klagte eine 79-jährige Frau gegen McDonald’s, weil sie den Kaffeebecher im Auto verschüttet hatte mit Verbrühungen als Folge. Das Gericht gab ihr recht. Und sprach ihr fast drei Millionen Dollar Schadenersatz zu.

Man muss nicht nach Amerika fliegen, um Warnungen als Drohung zu erleben.

Solche Entscheide oder schon nur die Gefahr davon führen bei Firmen, Restaurants, Badeanstalten, auf Verpackungen und in Packungsbeilagen zu einer vorausinformierenden Vorsicht, die ins Surreale ragt: «Antenne bei Trunkenheit nicht installieren.» – «Unter Wasser nicht einatmen.» – «Föhn nicht während des Schlafens verwenden.» – «Schraubenzieher nicht in den Penis einführen.» – «iPod Shuffle nicht essen.» – «Entfernen Sie das Kind, bevor Sie den Kinderwagen zusammenfalten.» – «Schneefräse nicht auf dem Hausdach benutzen.»

Man muss nicht nach Amerika fliegen, um Warnungen als Drohung zu erleben. Dazu genügt die Lektüre von Packungsbeilagen. Oder die Auskünfte vom Narkosearzt. Die einen listen mögliche Nebenwirkungen lange auf. Der andere informiert, was einem passieren könnte, wenn es nicht gut läuft. Die Medikamente braucht man trotzdem, und eine Operation ohne Narkose möchte man vermeiden.

Dann noch lieber einen Hitzschlag.

Erstellt: 02.07.2015, 00:34 Uhr

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