Letzte Chance für das Dampfzentrum

Winterthur soll ein Zentrum für historische Dampfmaschinen werden. Dank einer privaten Finanzspritze können die Initianten des ambitionierten Projekts wieder hoffen.

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Halle 181 ist fast das letzte Gebäude, in dem es noch nach Motorenöl und Schmierfett riecht. Die meisten Häuser auf dem weitläufigen Winterthurer Sulzer-Areal, früher einer Stadt in der Stadt, werden nicht mehr von Industriebetrieben genutzt. In Halle 181 ruht heute die Industriegeschichte in Form von 650 Tonnen Dampftechnik. Allerdings nur provisorisch in einer Kombination von Lagerhaus und Werkstatt. Daraus sollen dereinst eine Publikumsattraktion und ein technikhistorisches Forschungszentrum von internationalem Rang werden – wenn es gelingt, ein Finanzierungsmodell zu finden.

Die Dampfkraft war es, die im 19. Jahrhundert einen Sprung der Industrialisierung ausgelöst hatte. Dampf brachte Fabriken, Schiffen, Lokomotiven und Kraftwerken zuvor ungeahnte Energien, der Siegeszug der Dampfmaschinen war ein entscheidender Schritt zur Produktions- und Verkehrstechnik, wie wir sie heute kennen. In Winterthur, wo die Dampftechnik während vieler Jahrzehnte die Industrie prägte, ist seit Jahren geplant, die Erinnerung an diese historischen Grundlagen mit ausgewählten Schaustücken erlebbar zu machen.

Was unter dem Namen Dampfzentrum geplant ist, klingt spannend und plausibel, das Projekt steht jedoch finanziell auf unsicheren Füssen. Technische Museen haben es ohnehin schwer gegen die mit viel Prestige ausgestatteten Angebote der Kunst- und Musikbranche. Bei den Diskussionen um das neue Kulturleitbild von Winterthur war die Industriegeschichte jedenfalls kein Thema. Fast scheint es, die Stadt schäme sich ihrer Fabrikvergangenheit.

Das Dampfzentrum Winterthur kämpft nicht ums Überleben, sondern um den Start ins Leben. Die Stiftung, der die Sammlung gehört, konnte die Miete für die Halle 181 nicht mehr bezahlen und hätte Konkurs anmelden müssen, wenn nicht der Winterthurer Unternehmer Robert Heuberger eingesprungen wäre. Für 2015 ist die Miete nun gesichert. Die Stiftung und der Verein, der den Betrieb besorgt, haben Zeit gewonnen, das Projekt auf den Weg zu bringen. Es ist wohl die letzte Chance, aber die Initianten sind entschlossen, sie zu nutzen.

Mäzen macht der Stadt Dampf

Der Präsident des Vereins Dampfzentrum, Stephan Amacker, ist in Personalunion auch Präsident des Stiftungsrats, was die bisher schwerfällige Organisation vereinfacht. «Wir können jetzt mit voller Kraft an die Arbeit gehen», sagt Amacker. Der Verein mit seinen 300 Mitgliedern, von denen etwa 30 aktiv mitarbeiten, kümmert sich fleissig um die Sammlungsobjekte. Die Stiftung andererseits muss die nötigen finanziellen Mittel beschaffen. Das erweist sich als viel schwieriger als die Restauration von Dampfwalzen, Dampfpumpen oder Dampfkesseln. Robert Heuberger, der das Dampfzentrum schon wiederholt mit einem grossen Check vor dem vorzeitigen Ende gerettet hat, will jetzt, dass der Winterthurer Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) der Stiftung den Rücken stärkt. Der Stadtpräsident soll zumindest bei der Suche nach Geldquellen helfen. Eine im Dezember von 500 Personen unterschriebene Petition ruft den Stadtrat ebenfalls auf, das ­Projekt zu unterstützen.

6 Millionen aus Lotteriefonds?

Stephan Amacker ist zuversichtlich, dass es gelingt, das Erbe des Dampfzeitalters zu erhalten. In ein Betriebskonzept hat der Vereinsvorstand 2500 Stunden Gratisarbeit investiert. Der kantonale Lotteriefonds, der als wichtigster Hoffnungsträger gilt, verlangt nun aber weitere Abklärungen und ein flexibleres Konzept, ehe das Geschäft dem Kantonsrat vorgelegt werden kann. Der Rat soll schliesslich einen Kredit von 6 Millionen Franken aus dem Fonds bewilligen. Bis dahin wird es viele Monate dauern, doch Amacker glaubt, dass sich diese Durststrecke bewältigen lässt.

Ein Handicap für das Dampfzentrum ist die Art der gesammelten Objekte. Während sich für die Rettung eines Dampfschiffs oder einer Dampfbahn immer Gönner finden lassen, fliessen die Spenden spärlich, wenn es um Maschinen geht, die stets hinter den Kulissen standen und die nur Fachleuten bekannt sind. Eine Grundwasserpumpe oder ein Eimerkettenbagger scheinen wenig attraktiv im Vergleich zu einem Salondampfer – aber nur auf den ersten Blick, denn die massive Technik verblüfft auch den Laien. Doch dazu müssen die rätselhaften Monster aus Gusseisen und Stahl publikumsgerecht erklärt und ihre grosse technikgeschichtliche Bedeutung sichtbar gemacht werden.

Soweit als möglich möchte Amacker die Maschinen im Betrieb zeigen, «unter Dampf», ergänzt durch Grafiken und Videoanimationen. Einzelne Muster dafür gibt es bereits. Eine statische Ausstellung, ein blosses Museum, ist nicht das Ziel. Im Dampfzentrum soll gearbeitet werden. Vor den Augen des Publikums würden historische Maschinen demontiert, repariert, restauriert, konserviert. Für Klassen aller Stufen bis zur Hochschule würde Anschauungsmaterial zur Technikgeschichte bereitgestellt.

Das Dampfzentrum besitzt zum Beispiel mehrere Anlagen, die früher in den Maschinenlabors der ETH Zürich und an der Hochschule Biel für die Ausbildung der Studenten benützt wurden. «Vom Pioniergeist der damaligen Ingenieure können auch neue Generationen etwas lernen», sagt Amacker, der selber seine Berufskarriere in der Schweizer Maschinenindustrie gemacht hat.

Es braucht auch ein neues Haus

Bereits in Gang ist die Arbeit an der Dokumentation des Sammelguts. Wo vorhanden, werden die Pläne der Maschinen erfasst. Bei vielen Objekten fehlen allerdings Pläne, ja man muss erst einmal herausfinden, wozu das Teil einst gebraucht worden war. Ein technikgeschichtliches Archiv soll Teil des Dampfzentrums werden und auch der Forschung dienen.

Leider eignet sich die Halle 181 wenig für die Einrichtung eines definitiven Zentrums und gar nicht für einen Betrieb der Ausstellungsstücke, für die ­Lokomotiven fehlt ein Gleisanschluss. Amacker muss deshalb nicht nur auf die Suche nach Geld gehen, sondern auch auf die Suche nach einem geeigneten Haus an einem geeigneten Ort oder allenfalls verteilt auf zwei Standorte. Die traditionsreiche Industriestadt Winterthur drängt sich auf, ein Dampfzentrum würde gut in die Museumslandschaft passen. Vielleicht wäre sogar ein Einbezug der seit Jahren eingelagerten Sammlung des Technorama möglich. Doch bezahlbare Standorte sind rar, auch wenn rundum im Land Industriebrachen vor sich hindämmern.

Tausende von Arbeitsstunden sind von den Freiwilligen schon geleistet worden, um die Sammlung zu ordnen, zu inventarisieren und zu pflegen. Scheitert das Projekt für ein Dampfzentrum, droht materiell ein grosser Verlust, ideell erst recht. Im Falle eines Konkurses müssten wohl die schönsten Stücke verkauft werden. Namhafte Museen im Ausland wären nicht abgeneigt, das eine oder andere zu übernehmen. Ein Teil der Objekte würde aber wohl schlicht und einfach verschrottet.

Ein Problem gäbe es in beiden Fällen: Die Sammlung figuriert im Schweize­rischen Inventar der Kulturgüter von ­nationaler Bedeutung und ist als sogenanntes A-Objekt klassiert. Von diesen wichtigsten Kulturgütern gibt es landesweit nur 3200. Zwar läuft die Sammlung noch unter dem Namen Vaporama mit Sitz in Thun – von dort sind die Stücke nach Winterthur gezügelt worden. Nachdem der Thunerseedampfer Blümlisalp gerettet war, verlor Thun das Interesse am Aufbau eines Dampfzentrums. Wie die Winterthurer Stiftung über ihre Kulturgüter von nationaler Bedeutung bei einem Konkurs entscheiden könnte, ist nicht klar. Stephan Amacker jedenfalls hofft, dass die Klärung dieser Frage gar nicht nötig wird.

Erstellt: 11.01.2015, 21:08 Uhr

«Vom Geist der Pioniere können auch neue Generationen noch etwas lernen»: Stephan Amacker, Präsident des Vereins Dampfzentrum.

Elektrik: Messgeräte und Schalthebel des Dampfers Beatus, gebaut von Escher-Wyss. (Anklicken für Detailansicht)

Kraftübertragung: Transmissionsriemen verbinden Krafterzeuger und -verbraucher.

Mechanik: Hightech von 1907 an einer Rangierlokomotive, gebaut von SLM.

Schmierung: Die zuverlässige Ölversorgung ist das A und O jeder Dampfmaschine.

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