Mädchen, die ihren Freund schlagen

Ohrfeigen, Bisse, Kratzer – wenn unter jugendlichen Zürcher Paaren die Fetzen fliegen, sind Mädchen öfter die Täterinnen als Buben. Psychologe Allan Guggenbühl hat eine Erklärung.

Nicht nur Opfer von Gewalt: Jugendliche Mädchen.

Nicht nur Opfer von Gewalt: Jugendliche Mädchen. Bild: Martin Ruetschi/Keystone

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Prinzessin Lillifee und Konsorten haben in unseren Köpfen ganze Arbeit geleistet. Dass nicht nur Buben die Fäuste fliegen lassen, sondern auch Mädchen zuschlagen können, passt nicht in die gängigen Rollenklischees. Vielleicht ist das der Grund, weshalb eine der überraschenderen Erkenntnisse aus der aktuellen Zürcher Studie zur Jugendgewalt etwas unter den Tisch fiel: Wenn es in jugendlichen Paarbeziehungen knallt, sind Mädchen öfter die Täterinnen als Buben.

Der Soziologe Denis Ribeaud von der ETH hat fast 1500 Schülerinnen und Schüler aus der 9. und 11. Klasse zum Thema befragt – all jene, die im Verlauf des vorangegangenen Jahres während mindestens einer Woche mit jemandem zusammen waren. Es ist in der Schweiz die erste Studie, die sich nicht nur auf sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen beschränkt, sondern auch die Rolle körperlicher Gewalt in ihren Beziehungen beleuchtet.

Das Ergebnis: Mit etwa 15 Jahren hat jeder vierte Bub schon Gewalt seitens seiner Freundin erlebt, während bei den Mädchen weniger als jedem fünften das Gleiche seitens ihres Freundes widerfahren ist. Ähnlich bleibt das Geschlechterverhältnis von Tätern und Opfern auch bei den 18-Jährigen. Dabei geht es vor allem um Formen der Gewalt, die die Autoren der Studie als relativ geringfügig erachten. Männliche Teenager werden von ihren Freundinnen meist «nur» geohrfeigt, gebissen, getreten oder herumgestossen. Deutlich seltener sind Faustschläge – aber auch damit sind Mädchen weniger zurückhaltend als Buben.

Die Buben lernen schon früh

Laut Ribeaud mag dieser Befund vielleicht erstaunlich wirken, in der Forschung aber ist er bekannt und durch viele andere Studien bestätigt. Der Psychologe Allan Guggenbühl, der sich auf Fragen der Jugendgewalt spezialisiert hat, sagt dazu: «Das kollektive Klischee, dass Gewalt immer vom Mann kommt, entspricht nicht der Realität.» Auch in erwachsenen Paarbeziehungen gingen solche weniger gravierenden Übergriffe oft von der Frau aus.

Buben lernen laut Guggenbühl schon in der 2. oder 3. Klasse klar, dass man Mädchen nicht schlägt. Das habe nicht nur mit gesellschaftlichen Normen zu tun. «Sie begreifen schnell, dass Mädchen etwa auf einen freundschaftlichen Magenbox anders reagieren als Buben.» Mädchen wiederum merken, dass sie dadurch einen Freiraum haben: Sie können einen Buben auch mal schlagen, ohne dass dieser gleich handgreiflich reagiert.

Traditionelle Rollenmuster als Risiko

Ribeaud versuchte zu ergründen, welche Mädchen zu Gewalt gegenüber ihrem Partner neigen. Seine Befragung offenbarte mehrere Faktoren, die von Bedeutung sind. So sind es zum Beispiel relativ oft Mädchen mit Migrationshintergrund. Zudem sind es eher Mädchen, die in traditionellen Rollenmustern verhaftet sind. Die es also in Ordnung finden, wenn der Mann eine dominierende Rolle einnimmt und seine Interessen nötigenfalls mit Gewalt durchsetzt. Und schliesslich sind es solche, die es legitim finden, dass eine Frau ihren Mann unter bestimmten Umständen schlägt.

Woher solche Einstellungen kommen, ist laut Guggenbühl schwierig zu sagen. Er weist darauf hin, dass in vielen Kulturen die Frauen ihre Männer provozieren, bis diese wütend werden, damit sie aus sich herauskommen, statt sich distanziert zu verhalten. In unserer Kultur sei das heute nicht mehr so. Hier zögen sich die Männer in der Beziehung eher zurück, statt zu reagieren.

Falsch verstandene Emanzipation?

Einen Einfluss haben könnten auch veränderte Rollenbilder, die über die Popkultur transportiert werden. Wenn es um die Gewalt männlicher Jugendlicher geht, wird oft auf das Gangstergehabe verwiesen, das die Rapmusik glorifiziert. Das Pendant dazu wären die wehrhaften «Bitches», die sich zwar an die Pornoästhetik anlehnen, ihr Revier aber kompromisslos behaupten, was als positiv bewertet wird.

Guggenbühl will das nicht beurteilen. Er stellt aber fest, dass es bei Buben absolut tabu ist, mit Gewalt gegen Mädchen vorzugehen, während das Umgekehrte für Mädchen nicht gilt. Dort werde es als Zeichen gesehen, dass sie emanzipiert seien und sich durchsetzen könnten. «Das ist eine falsch verstandene Emanzipation», mahnt er. «Emanzipation muss heissen, dass man auch weibliche Aggression kritisch hinterfragt, statt zu versuchen, sie mit einer Emanzipationsrhetorik zu legitimieren.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.05.2015, 14:30 Uhr

«Das kollektive Klischee, dass Gewalt immer vom Mann kommt, entspricht nicht der Realität»: Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. (Bild: Keystone )

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