«Man lebt nun auch in der Agglo urban»

Zürichs Städte sind nach links gerutscht, die Agglo und das Weinland ziehen nach. Politgeograf Michael Hermann erklärt.

Wurde in den letzten Jahren linker, aber auch konservativer: Die Gemeinde Schlieren im Limmattal.

Wurde in den letzten Jahren linker, aber auch konservativer: Die Gemeinde Schlieren im Limmattal. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Seit 2010 gibt es in Zürichs Zentren, in den Agglomerationen und auf dem Land politisch nur eine Bewegung: nach links. Das zeigt eine Erhebung der Forschungsstelle Sotomo. Die Wahlen für den Regierungs- und den Kantonsrat im März, die zu einem starken Linksrutsch geführt hatten, lassen sich vor diesem Hintergrund als Ausdruck einer länger andauernden Bewegung deuten. Die vom Politgeografen Michael Hermann geleitete Studie hat für alle Schweizer Gemeinden die Abstimmungsresultate zwischen 1990 und 2018 ausgewertet.

Herr Hermann, Sie haben ermittelt, wie sich die Zürcher Gemeinden während der letzten Jahrzehnte politisch bewegt haben. Ihre Bilanz?
Über allem steht die Erkenntnis, dass sich der Kanton Zürich insgesamt nach links bewegt hat. Gerade in den letzten Jahren macht sich die zunehmende Verstädterung bemerkbar.

Die Stadt Zürich, die schon früher links war, ist noch linker geworden. Haben Sie sie so weit links aussen erwartet?
Für mich ist nicht der Linksrutsch der Städte – neben Zürich ist auch Winterthur davon betroffen – das Überraschende. Davon spricht man ja schon seit längerem. Imposant ist, dass sich die Städte auch stark in die liberale Richtung entwickelt haben. Diese Bewegung äussert sich vor allem, wenn es um Fragen der aussenpolitischen Öffnung geht – diese sind der wichtigste Massstab für konservative beziehungsweise liberale Haltungen. Hier hat es erhebliche Veränderungen gegeben: 1992 stimmte die Stadt Zürich nur knapp dem EWR zu. In den liberalen, FDP-dominierten Goldküsten-Gemeinden war die Zustimmung viel deutlicher. Heute weist die Stadt Zürich die klar höchste Zustimmung aus, wenn es um Öffnungsfragen geht.

Was ist im Kanton Zürich passiert?
In den Agglomerationen gab es in den 90er-Jahren einen Rechtsrutsch – und zwar in allen Agglomerationstypen: an der reichen Goldküste wie auch im statusmässig durchschnittlichen Uster und ebenso in der Flughafenregion oder im Limmattal, deren Sozialstatus eher tief sind. Der Hauptgrund: Die Anhänger des bürgerlichen Lebensmodells, zu dem die Ambition gehörte, sich eine private Oase zu schaffen, bestehend aus Einfamilienhaus, Auto und Einzelverdiener-Kleinfamilie, verliessen die Stadt. Das hatte umgekehrt zur Folge, dass die urbane Mentalität zusehends zu einer linken Mentalität wurde. In der Stadt dominierten fortan links wählende Milieus, in den Agglomerationen bürgerlich wählende.

Es gab eine Entmischung?
Ja, diese war aber nur eine Etappe innerhalb einer mehrteiligen Bewegung. In den Nullerjahren wurden in der Agglo und auf dem Land sowohl die wohlhabenden wie auch die mittelständischen Milieus konservativer. Es war die Zeit der Deutschen-Debatte, der Dichtestress-Debatte, generell der Zuwanderungsdebatte. In der Folge kam die aussenpolitische Öffnung unter Beschuss. Früher wurde diese in den kosmopolitischen Städten wie in den liberalen Agglomerationsgemeinden befürwortet – es gab den verbindenden Konsens, dass die Öffnung allen nützt. Doch in den Nullerjahren wurde aus dem abstrakten Öffnungsprojekt ein reales Zuwanderungsprojekt, welches nicht mehr nur Tiefqualifizierte betraf, sondern plötzlich auch Hochqualifizierte. Das verunsicherte die liberalen, oft freisinnigen Milieus und machte diese offen für die konservative Argumentation der SVP – mit der Konsequenz, dass 2014 die Masseneinwanderungsinitiative eine Mehrheit fand.

Drückte sich in diesem Konservativ-Trend auch eine Enttäuschung aus? Die Enttäuschung der ausgewanderten Städter, die in der Agglo nicht auf das erhoffte Gegenbild zur Stadt trafen, sondern vielmehr auf eine rasante Verstädterung?
Tatsächlich überlagerten sich in den Agglomerationen zwei Effekte, die am Ende dazu führten, dass auf den Rechtsrutsch zuerst eine Bewegung in die konservative Richtung und anschliessend eine Verschiebung nach links folgten. In der Haltung zur aussenpolitischen Öffnung wurde die Agglo konservativer – im Gegensatz zur Stadt. Man reagierte mit Widerstand oder zumindest Skepsis auf Wachstum und Zuwanderung. Diese galten als Treiber der Verstädterung. Gleichzeitig bewirkte die Verstädterung jedoch, dass die Mentalität in den Agglomerationen urbaner und damit linker wurde.

Was heisst das konkret?
Man wollte dort nun ebenfalls Tagesstrukturen, Angebote für die Kinderbetreuung, Investitionen in den öffentlichen Verkehr und ins Gesundheitswesen. Diese Forderungen zeigen zweierlei: zum einen, dass das städtische Lebensmodell auch in den Agglomerationen angekommen ist. Man lebt nun auch in der Agglo urban. Zum anderen, dass man dort die Herausforderungen – das Wachstum, die Zuwanderung – in den Griff bekommen und gestalten will. Und das ist nur mit dem und nicht gegen den Staat möglich.

Truttikon, Adlikon: Die ländlichen Gemeinden im Weinland waren früher die politisch rechtesten des Kantons. Nun wurden sie abgelöst. Weshalb?
Diese Gemeinden und das Weinland insgesamt haben sich stark nach links bewegt. In den 90er-Jahren herrschte hier eine ausgeprägt staatsskeptische Haltung: Die Leute hatten das Gefühl, sie seien nicht auf den Staat angewiesen, die Steuerrechnung empfanden sie als Affront, AHV- und andere staatliche Ausbauvorlagen lehnten sie haushoch ab. Man lebte und dachte ausgeprägt wohlfahrtsskeptisch. Das hat sich geändert, weil die traditionelle bäuerliche Mentalität an Bedeutung verloren hat. Erstens weil junge Leute mit anderem Denken zugezogen sind. Zweitens haben sich die verbliebenen Bauern selber eher nach links ­bewegt – weil ihnen ihre Staatsabhängigkeit bewusster geworden ist. Und weil viele gemerkt haben, dass ihr Heil in einer möglichst ökologisch-biologisch-naturnahen Produktion liegt. Deren politische Fürsprecher sind traditionell eher im grünen Milieu zu Hause.

«Der Graben zwischen Stadt und Kanton ist grösser, doch die Konflikte sind nicht stärker.»Michael Hermann, Politgeograf

Am rechten Rand des Kantons stehen nun die Goldküsten-Gemeinden Herrliberg und Zumikon sowie das ebenfalls steuergünstige Uitikon.
Allerdings haben sich diese Gemeinden kaum nach rechts verschoben – sie stehen etwa dort, wo sie schon vor zwanzig Jahren standen, aufgrund der Linksbewegung der Weinländer Gemeinden markieren sie nun aber den rechten Rand. Allerdings ist die Goldküste nach wie vor sehr viel progressiver als das Weinland. Die Stabilität am Zürichsee-Ufer ist allerdings eine scheinbare: Sie ist nicht Ausdruck von null Bewegung, sondern von zwei Bewegungen, die sich in ihren Wirkungen gegenseitig aufheben. Einerseits gibt es hier eine Zuwanderung von sehr vermögenden Personen, die eigentlich nur ein Interesse haben: tiefe Steuern. Diese bewirken einen Rechtsrutsch. Anders als im stadtferneren Wollerau, wo dieser Effekt tatsächlich zu einer massiven Verschiebung nach rechts geführt hat, gibt es in den stadtnahen Goldküsten-Gemeinden aber eine Gegenkraft: Die Nähe zu Zürich führt dazu, dass das urbane Mindset immer mehr Einfluss bekommt. Man begrüsst Investitionen in den öffentlichen Raum und die öffentliche Infrastruktur – was zu einer Linkstendenz führt.

Vor zwanzig Jahren beschrieben Sie Zürich als politisches Dreieck, bestehend aus linksliberaler Kernstadt, rechtsliberaler Suburbia und rechtskonservativem Hinterland …
… dieses Dreieck besteht noch immer, hat sich aber verschoben, insbesondere aufgrund des links-progressiven Sprungs der beiden Kernstädte Zürich und Winterthur. Auffällig ist jedoch: Obschon sich politisch der Graben zwischen Stadt und Restkanton verbreitert hat, sind die Konflikte nicht stärker geworden. Im Gegenteil: Sie haben sich eher abgeschwächt.

Warum ist das so?
Weil es parallel zur politischen Distanzierung eine soziale An­näherung gegeben hat: Trotz klar linker politischer Mehrheit leben in der Stadt heute viele Gutverdienende, weit mehr als früher. Noch in den 90er-Jahren war die Stadt für viele Bürgerliche ein Unort. Aus ihrer Sicht wohnte dort niemand freiwillig. Heute hat die Stadt gerade auf Gutsituierte eine enorme Anziehungskraft. Alle wollen in die Stadt, und alle leben dort das urbane ­Lebensmodell. Eine partnerschaftliche Familienorganisation, moderne Rollen- und Geschlechterbilder und ökologische Sensibilität sind längst nichts Exklusiv-Linkes mehr. Bemerkenswert ist dabei, dass die Gutsituierten in der Stadt zwar von den Dominierten zu den Dominanten geworden sein, dass es politisch aber trotzdem keinen Rechtsrutsch gegeben hat.

Zürich als Biotop der Unübersichtlichkeit?
Sagen wir: als Spiegel der Globalisierung. Früher gab es viel weniger Austausch zwischen den Milieus. Was sich darin äusserte, dass es milieuspezifische Kleidungsstile, Automarken, Verhaltensweisen gab. Das ist vorbei. Die Hipsterkultur prägt auch junge Leute auf dem Land. Man guckt die selben Netflix-Serien und trägt die gleichen Kleider. Man muss ja nicht mehr vor Ort sein, um sich die angesagten Stücke besorgen zu können. Es gibt aber auch eine Gegenentwicklung: Die Debatte über Identität und den Heimatbegriff ist von ihrem Wesen her eine ländliche Debatte. Sie ist inzwischen aber im urbanen Milieu angekommen und wird auch dort geführt.

Und wohin geht die Reise? Wo stehen wir in zwanzig Jahren?
Eine interessante Frage ist, wohin sich die Agglo-Gemeinden mit niedrigerem Sozialstatus bewegen. Man kann davon ausgehen, dass diese künftig verstärkt Leute anziehen, die über eine ausgeprägt urbane Mentalität verfügen, sich aber die Stadt nicht mehr leisten können. Denkbar ist, dass diese Zuzüger die mentale Urbanisierung in ihrem neuen Biotop beschleunigen. Ein ähnlicher Prozess geschah im Kreis 5, bevor dort die Gentrifizierung einsetzte. Eine solche Entwicklung würde in diesen Gemeinden einen progressiven Schub auslösen, der die politische Topografie des Kantons erheblich verändern könnte.


Die Studie zur politischen Topographie

Die Forschungsstelle Sotomo hat unter der Leitung von Michael Hermann die politische Bewegung der Schweizer Gemeinden während der letzten knapp drei Jahrzehnte ermittelt. Auf der Basis aller nationalen Abstimmungen zwischen 1990 und 2018 verorteten die Forscher sämtliche Gemeinden: einerseits auf der Links-rechts-Achse, also zwischen dem wohlfahrts- und dem ordnungsstaatlichen Ideal, andererseits im Spannungsfeld zwischen Öffnung und Abgrenzung – also zwischen dem liberalen und dem konservativen Pol. So lässt sich der Weg nachzeichnen, den die Gemeinden genommen haben.

Die Untersuchung erfolgte im Auftrag der Alliance Economie-Politique. Sie ist sozusagen die aktualisierte Neuauflage des «Atlas der politischen Landschaften», den Hermann und Heiri Leuthold 2003 herausgegeben hatten. Wir zeigen hier die Ergebnisse für den Kanton Zürich. Insgesamt hat sich der Kanton nur wenig bewegt – Zürich ist heute leicht linker und progressiver als 1990. Innerhalb des Kantons haben sich die Gemeinden aber zum Teil stark bewegt. (han)

Erstellt: 23.06.2019, 20:52 Uhr

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