«Man muss froh sein, wenn man nicht die Kündigung im Briefkasten hat»

In einer CS-Liegenschaft schlagen die Mieten nach einer Sanierung um satte 70 Prozent auf. Vor solchen Mietzinserhöhungen ist in Zürich niemand sicher.

Risiko Altbauwohnung: Wird saniert, muss der Mieter meist ausziehen.

Risiko Altbauwohnung: Wird saniert, muss der Mieter meist ausziehen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit 1. April 2010 müssen die Bewohner der Liegenschaft beim Zürcher Brunaupark für den Mietzins tief in die Tasche greifen. Die Eigentümerin Credit Suisse macht «eine Anpassung an die quartierüblichen Verhältnisse» sowie umfassende Sanierungsarbeiten am Gebäude für die Erhöhung der Mieten um bis zu 70 Prozent geltend. 60 Mieter wollen den Fall nun vor die Schlichtungsstelle bringen. Doch wie viel Hoffnung auf Erfolg dürfen sie sich dabei machen?

Überprüfung einer Mietzinserhöhung schadet nie

Grundsätzlich schade die Überprüfung einer massiven Mietzinserhöhung durch die Schlichtungsbehörde nie, findet Rechtsanwalt und Mietrechtsspezialist Tobias Kunz. «Nicht selten werden Erhöhungen für die Vermieterseite grosszügig berechnet, damit im Anfechtungsfalle ein Verhandlungsspielraum besteht.»

So ist es für die Vermieter sehr schwierig, Beweise für die orts- und quartierüblichen Mietpreise vorzulegen. «Laut Bundesgericht müssten sie die Mietzinse von fünf vergleichbaren Objekten aus dem gleichen Quartier aufführen», erklärt Kunz. «Dieser Beweis gelingt praktisch nie. Trotzdem befürwortet die Schlichtungsbehörde im Streitfall bei dieser Begründung wohl eine moderate Erhöhung der Miete, wenn der Zins bisher offensichtlich sehr niedrig war.»

Bis zu 70 Prozent der Sanierungskosten zahlt der Mieter

Es ist allerdings nicht auszuschliessen, dass die krasse Mietzinserhöhung im Zusammenhang mit den Bauarbeiten in der Zürcher CS-Liegenschaft noch im rechtlich vertretbaren Rahmen liegt. «Die Kosten für eine umfassende Sanierung können aufgrund einer Regelung in der Verordnung zum Mietrecht grundsätzlich im Rahmen von 50 bis 70 Prozent auf den Mietzins überwälzt werden – auch wenn dies im Einzelfall sachlich schwer zu rechtfertigen ist. Dies kann zu massiven Aufschlägen führen», so Kunz.

Schützen können sich Mieter gegen die Folgen solch baulicher Massnahmen kaum. «Man muss sogar froh sein, wenn man vor einem Umbau nicht die Kündigung im Briefkasten hat», fügt der Rechtsanwalt hinzu, «denn Ende 2008 hat das Bundesgericht entschieden, dass allen Mietern einer Liegenschaft gültig gekündigt werden kann, wenn sich eine umfassende Sanierung dadurch erheblich einfacher durchführen lässt – und das ist sehr oft der Fall.»

Verbesserung des Mieterschutzes ist nicht in Sicht

Als Mieter könnte man sich zwar vor dem Einzug zusichern lassen, dass an dem Objekt in einem gewissen Zeitraum keine umfassenden Sanierungs- oder Umbauarbeiten vorgenommen werden. Aber das ist laut Kunz illusorisch. «Im Marktumfeld Zürich würde kaum ein Vermieter eine solche Zusicherung abgeben. Zumal grundsätzlich eine hohe Nachfrage besteht und mit Sanierungen respektive Neuvermietungen fast immer mehr Rendite erwirtschaftet werden kann.» Wer dieses Risiko minimieren will, kann vor dem Einzug in eine neue Wohnung höchstens genauere Recherche über den Vermieter und seine Art der Liegenschaftsverwaltung anstellen. Garantien gibt es keine.

Dass sich die Rechtslage bald zugunsten der Mieter verbessern wird, glaubt Kunz nicht. «Obwohl wir ein Volk von Mietern sind, haben wir nur schwache Schutzbestimmungen. Und solange eine Mehrheit im Parlament besteht, die klar den Vorgaben der Immobilien- und Baulobby folgt, ist punkto Mieterschutz nicht viel zu erwarten. Eine hohe Rendite für finanzstarke Investoren hat bei einer Mehrheit der Volksvertreter mehr Schutz verdient als der Mieter.»

Erstellt: 27.04.2010, 10:47 Uhr

Artikel zum Thema

CS verlangt 70 Prozent mehr Miete

Die Credit Suisse hat den Mietzins für ihre 130 Wohnungen in der Zürcher Brunau massiv erhöht. Jetzt setzen sich die Mieter zur Wehr. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Irgendwie ist die Luft draussen: Am Australien Open in Melbourne sitzen die kleinen Zuschauer im Regen. (23. Januar 2020)
Mehr...