«Manche verlieren sich in der virtuellen Welt»

Die Jugendlichen stünden unter viel grösserem Erfolgsdruck als früher, sagt Rita Vonlanthen von der Jugendberatungsstelle der Stadt Zürich. Oft flüchteten sie sich darum in Facebook, Chats und Computergames.

Mehr «brüchige» Familien: Ein Kind in Zürich bedient einen Laptop.

Mehr «brüchige» Familien: Ein Kind in Zürich bedient einen Laptop. Bild: Keystone

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Frau Vonlanthen, wenn man die Zahlen von 1971 mit denen von 2010 vergleicht, leiden die Jugendlichen heute mehr unter psychischen Problemen als früher. Worauf führen Sie das zurück?
Auch vor vierzig Jahren hatten die Jugendlichen schon psychische Probleme, einige sind aus Heimen abgehauen, haben Drogen konsumiert oder wurden delinquent. Doch viele Studien zeigen auf, dass psychische Probleme tatsächlich zugenommen haben.

Weshalb?
Ich kann nur Vermutungen anstellen aufgrund der Jugendlichen, die zu uns kommen. So gibt es heute beispielsweise mehr brüchige und weniger tragfähige Familien: Alleinerziehende, Patchworkfamilien, solche mit erschwertem Migrationshintergrund. Manchmal sind Eltern selbst depressiv, krank, stehen unter grossem Druck oder haben Suchtprobleme und können wenig Halt bieten. Häufig müssen Jugendliche auch die elterlichen Funktionen übernehmen. Früher ging es eher um Ablösungskämpfe.

Womit kämpfen Jugendliche mit Migrationshintergrund?
Vor allem Familien aus der Unterschicht wollen für ihre Kinder ein besseres Leben. Sie kennen die Anforderungen unseres Bildungssystems schlecht und haben unerfüllbare Erwartungen an ihre Kinder. So glauben sie beispielsweise, ihr Kinder könnten Ärzte werden, obwohl diese schlechte Sek-B-Schüler sind. Die Kinder sollen so die Verluste kompensieren, welche die Eltern erlitten haben. Entweder die Kinder wollen es ihren Eltern recht machen und geraten unter Druck, oder es kommt zum Konflikt. Eltern haben manchmal sehr wenig Ahnung von der Welt, in der sich ihre Kinder bewegen.

Das Gefühl der Jugendlichen, dass die Eltern hoffnungslos out sind, ist nicht neu.
Natürlich nicht, die Jugendlichen sollen sich ja auch abgrenzen können. Aber es ist wichtig, dass die Eltern Interesse zeigen, wo sich ihre Kinder bewegen. Die Neuen Medien zum Beispiel sind für Jugendliche ganz wichtige Kommunikationskanäle. Aber ich erlebe immer wieder Eltern, die nichts über soziale Netzwerke und Computerspiele wissen wollen. Sie sehen nur eine Gefahr darin und lehnen sie ab – oder sie lassen ihre Kinder einfach machen. Die meisten Jugendlichen können gut mit diesen Gefahren umgehen, andere wiederum verlieren sich in der virtuellen Welt.

Vernachlässigen sie die richtigen Beziehungen zugunsten virtueller?
Vor allem auf junge Männer können Computerspiele wie «World of Warcraft» eine enorme Faszination ausüben. Sie bauen sich darin eine neue Identität auf, lassen alles liegen, um immer weiter aufsteigen zu können. Nur wenn sie zu jeder Tages- und Nachtzeit dranbleiben, können sie ihren Status behalten. So entwickeln Games eine Eigendynamik, die schwer zu durchbrechen ist. Es besteht die Gefahr, dass sich Jugendliche darin verlieren.

Welche virtuellen Welten ziehen die Mädchen an?
Die Mädchen bewegen sich eher in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Chats. Dort laufen sie Gefahr, heikle oder missbräuchliche Kontakte zu knüpfen. Männer bringen sie mit Komplimenten dazu, ihre eigenen Grenzen zu überschreiten. Sie denken, sie seien anonym, würden geschätzt und geliebt, und lassen sich auf jemanden ein, der sie möglicherweise ausnützt.

Wo verläuft die Grenze zwischen harmlosen und gefährlichen virtuellen Beziehungen?
Haben die Jugendlichen genug Freunde, üben sie auch andere Aktivitäten aus, die sie befriedigen, erhalten sie Anerkennung im Job, ist die virtuelle Welt für sie bloss etwas Weiteres, das Spass macht. Oft steigen sie von sich aus wieder aus, weil es ihnen zu viel Zeit raubt. Sind Jugendliche aber einsam, isoliert, leiden sie an Konflikten zu Hause und haben auch beruflich das Gefühl, es zu nichts zu bringen, können sie sich in der virtuellen Welt zu stark engagieren. Unbemerkt wird die virtuelle Welt für sie zur wichtigsten Realität. Denn dort sind sie jemand und haben das, was ihnen in der realen Welt fehlt. Ihren Problemen brauchen sie sich so nicht zu stellen.

Warum hat die virtuelle Welt solch eine Sogwirkung?
Bei diesen Computerspielen wird es einem nie langweilig. Man muss sich nicht fragen: «Was interessiert mich wirklich?» Man kann einfach einschalten, und es geht weiter. Was sonst noch läuft, einen plagt und beschäftigt, hat keinen Raum mehr. Musse, Ruhe und Leere, die uns sonst dazu bringen können, unsere Probleme anzugehen, fehlen. Im virtuellen Raum kann man abtauchen wie nirgendwo sonst. Es ist eine attraktive Welt, die zu jeder Zeit verfügbar ist.

Sind die Anforderungen in der Schule und bei der Ausbildung auch gestiegen?
Ich glaube schon, dass man heute mehr von den Jugendlichen verlangt. Der Druck zu reüssieren und die Angst zu versagen sind gross. Viele, die zu uns kommen, haben Mühe, die Leistung zu bringen, die von ihnen gefordert wird. Es fällt ihnen schwer, sich zu konzentrieren, alles wächst ihnen über den Kopf. Sie schaffen es nicht mehr, haben Angst, sind bedrückt oder depressiv.

Wo setzen Sie an?
Ein grosser Teil unserer Arbeit besteht darin, mit den Jugendlichen herauszufinden, worum es eigentlich geht. Wir versuchen, ihrer Belastung auf den Grund zu gehen. Hat ein einzelnes Ereignis die Krise ausgelöst, kommen wir meist relativ rasch weiter. Sind die Probleme schwerwiegender, bleiben wir oft länger dran. Wir versuchen den Jugendlichen zu helfen, wieder Boden, Energie und Kraft zu finden und sich darauf zu besinnen, was sie eigentlich können.

Erstellt: 05.12.2011, 10:16 Uhr

Rita Vonlanthen: Die Psychologin ist Co-Leiterin der Jugendberatung der Stadt Zürich. Sie arbeitet seit 20 Jahren für die Beratungsstelle. (Bild: Stadt Zürich)

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