Manchmal schlafen sie zu zehnt in einem Zimmer

Wie geht es minderjährigen Flüchtlingen, die ohne Eltern zu uns kommen? Besuch im Zentrum Lilienberg in Affoltern am Albis.

Farzad (links) und Abdurahman leben seit zwei Jahren im Zentrum Lilienberg. Foto: Urs Jaudas

Farzad (links) und Abdurahman leben seit zwei Jahren im Zentrum Lilienberg. Foto: Urs Jaudas

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Am Dorfrand von Affoltern am Albis, hinter Bäumen versteckt, liegt ein altes, grosses, weiss gestrichenes Haus. Es trägt den hübschen Namen Lilienberg. Einst diente es als Sanatorium, das ist bis heute erkennbar: an der langen, verglasten Veranda, die gegen Südosten ausgerichtet ist und einen herrlichen Blick in die Berge bietet. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie hier einst die Kranken aufgereiht lagen.

Heute stehen in der Veranda keine Liegen mehr, sondern Esstische. Im Lilienberg beherbergt die Asylorganisation Zürich (AOZ) im Auftrag des Sozialamts Flüchtlinge, die meisten zwischen 16 und 17 Jahre alt, die ohne Begleitung in die Schweiz gekommen sind. Sie stammen aus Afghanistan, Eritrea, Tibet, der Zentralafrikanischen Republik, Syrien, Somalia und Kurdistan. MNA nennt der Staat sie, es ist die international gebräuchliche Abkürzung für «mineurs non accompagnés», auf Deutsch: unbegleitete Minderjährige.

Leiter Urs Kenny empfängt den Besuch vor dem Haus. Es ist einer der ersten Frühlingstage, der Föhn treibt die Temperaturen in die Höhe, die Berge sind zum Greifen nah. Die Atmosphäre im Zentrum ist ruhig und friedlich. Jugendliche, die ihre 10-Uhr-Pause im Freien verbringen, begrüssen uns mit einem höflichen «Grüezi» – das oft nahezu akzentfrei klingt. Kenny lächelt über das Erstaunen der Journalistin: «Diese Jungen und Mädchen sind hoch motiviert, Deutsch zu lernen. Und manche lernen es unglaublich schnell.»

Es war nicht immer so

So friedlich war es im Lilienberg nicht immer. 70 Plätze hat das Zentrum, derzeit wohnen 42 Buben und 12 Mädchen hier. Vor zwei, drei Jahren aber, als sich Tausende Flüchtlinge nach Europa aufmachten, war der Lilienberg mit bis zu 120 Teenagern hoffnungslos überbelegt. Das blieb nicht folgenlos. Mehr als einmal kam es zu Schlägereien und Blaulichteinsätzen. Sozialpädagoge Alessandro Chiesi erzählt: «Wir waren nur noch am Rennen.» Berufsbeiständin Mara Ilari, die als gesetzliche Vertreterin von 85 minderjährigen Flüchtlingen amtet, sagt: «Man wurde den Jugendlichen damals kaum gerecht.»

Diese Zeiten sind vorbei. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass das Zentrum nicht mehr überfüllt ist. Viel dazu beigetragen hat Urs Kenny, der seit Mitte 2016 im Amt ist. «Eines der Probleme war, dass nur wenige Jugendliche einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung nachgingen. Wenn sie nicht in der Schule waren, hingen sie oft herum», erzählt der 49-Jährige. Denn das Taschengeld – je nach Alter und Aufenthaltsstatus 3 bis 6 Franken pro Tag – reicht nicht weit. Kenny hat sich dafür eingesetzt, dass die Jugendlichen in einen Sportclub dürfen, ins Fitness oder zum Schwimmen. Das dient auch ihrer Integration.

Manchmal schlafen die Teenager zu zehnt in einem Zimmer, um sich gegenseitig Halt zu geben.

Die Jugendlichen halten grosse Stücke auf Kenny. «Er hat viel für uns getan», sagt der 17-jährige Farzad, der aus Afghanistan stammt. Seine Beiständin Muriel Clausen bestätigt: «Es ist erstaunlich, wie gut es im Lilienberg im Vergleich zu anderen Unterbringungen läuft, vor allem wenn man bedenkt, welche Geschichten die Jugendlichen dort mit sich herumtragen.»

Sport, aber auch der Unterricht in der hauseigenen Schule – Deutsch, Mathematik sowie Mensch und Umwelt – sowie die Kochlektionen bei der Lilienberg-Köchin helfen den Jugendlichen, so etwas wie einen normalen Alltag zu leben. «Es ist gut hier», sagt Farzad, und sein gleichaltriger Kollege Abdurahman nickt: «Am Anfang war es sehr, sehr schwierig, aber jetzt nicht mehr. Die Betreuer helfen uns viel.»

Nachts kommt die Einsamkeit

Doch das Lachen, das in der Mittagspause durch die Gänge hallt, die Stimmung, die zeitweise fast an ein Klassenlager erinnert: Das ist nur eine Seite des Lebens hier. Die andere Seite sieht die Besucherin nicht, aber Urs Kenny spricht offen darüber.

Über die Nächte, in denen die Teenager alles tun, um den Schlaf hinauszuzögern. Denn in der Nacht kommen das Heimweh und die Einsamkeit. Die Angst vor der ungewissen Zukunft. Und die Erinnerungen an die Flucht. Dann schlafen die Jugendlichen manchmal zu dritt in einem Bett, zu zehnt im selben Zimmer, um sich irgendwie Halt zu geben. Kenny redet auch über die Momente, wenn Emotionen die jungen Menschen so sehr überfluten, dass sie in einen dissoziativen Zustand geraten. Dann sind sie kaum mehr ansprechbar, schreien oder schlagen um sich oder verfallen in stereotype Bewegungen. Die Sozialpädagogen kennen das, sie geben den Betroffenen Halt, bis sie wieder zu sich finden – und kaum mehr eine Erinnerung an das eben Vorgefallene haben.

«Jugendliche reagieren oft so auf traumatische Erfahrungen» , sagt Urs Kenny, «und fast alle unserer Jugendlichen haben solche Erfahrungen gemacht.» Das beginnt mit dem Verlust von Heimat und Familie – oft werden die Jugendlichen losgeschickt von Eltern oder Verwandten, weil das Reisegeld nur für einen reicht. Dazu kommen schlimme Erlebnisse unterwegs: Mädchen und Buben werden missbraucht, misshandelt oder verbringen Monate im Gefängnis. Viele durchleiden Todesängste, auf lecken Booten im Meer oder auf Gewaltmärschen durch die Wüste. Manche verdursten oder verhungern fast.

Kein Vergleich zu Heimen

Rundgang durch das Zentrum. Das Gebäude ist alt, aber freundlich gestaltet. Die Wände sind in hellem Blaugrün und Gelb gestrichen. Die Jugendlichen müssen ihre Räume selbst reinigen, und das tun sie offensichtlich gewissenhaft. Das Team legt grossen Wert auf Sauberkeit und Ordnung. Das ist umso wichtiger, als der Platz eng ist. Die meisten Flüchtlinge teilen sich zu dritt oder zu viert ein Zimmer von vielleicht zwölf Quadratmetern. In den etwas grösseren Zimmern wohnen bis zu sechs Personen.

Insgesamt 13 Sozialpädagogen und -pädagoginnen betreuen die Jugendlichen im Schichtbetrieb. Zudem ist seit einiger Zeit ein Psychologe mit einem 70-Prozent-Pensum im Haus präsent. Landesweit gilt der Lilienberg damit als vorbildlich. Dem gängigen Standard in einem Schweizer Jugendheim entspricht das allerdings bei weitem nicht. In der Regel kommt dort auf zwei bis drei Jugendliche ein Sozialpädagoge. Und üblicherweise verlangt die Aufsichtsbehörde Einzelzimmer.

Solche Bedingungen können die MNA-Zentren nur schon aus finanziellen Gründen nicht bieten. Keines hat eine Bewilligung als Kinder- und Jugendheim. Der Kanton stellt sich auf den Standpunkt, dass für Asyleinrichtungen nicht dieselben gesetzlichen Grundlagen gelten wie für Jugendheime. Er halte sich an die Empfehlungen der eidgenössischen Sozialdirektorenkonferenz.

«Diese jungen Flüchtlinge wollen etwas erreichen»

Dennoch: Wäre angesichts der Belastungen, welche die jungen Flüchtlinge mitbringen, nicht eine engere Betreuung nötig? Die Berufsbeistände sprechen sich klar dafür aus. Den Flüchtlingen fehlten grundlegende Kompetenzen, um im Alltag zu bestehen. Auch hätten viele psychische Probleme.

Urs Kenny hingegen zögert. Klar, der Unterschied zu einem Schweizer Heim sei riesig, räumt er ein. Er weiss, wovon er spricht, zwölf Jahre lang hat er die Beobachtungsstation in der Pestalozzi-Jugendstätte Burghof in Dielsdorf geleitet. «Aber man muss auch sehen, dass die meisten unserer MNA im Kern ihrer Persönlichkeit gesund sind», sagt Kenny. «Sie haben sich allein in die Schweiz durchgeschlagen. Neun von zehn stehen jeden Morgen freiwillig auf und sind pünktlich in der Schule – in einem sozialpädagogischen Jugendheim eine Seltenheit. Diese jungen Flüchtlinge wollen etwas erreichen.»

«Alles kommt mit der Zeit»

Viel Zeit haben die jungen Flüchtlinge nicht, um sich anzueignen, was sie später brauchen. Die meisten kommen im Alter von 15 oder 16 hierher, bis zum Ende des 18. Lebensjahrs dürfen sie im Lilienberg bleiben. Dann werden sie einer Gemeinde zugeteilt. «Das ist oft ein ganz schwieriger Schnitt», sagt Urs Kenny. «Praktisch von einem Tag auf den anderen sind sie grösstenteils auf sich gestellt.» Auch die Beistände müssen sich zurückziehen, wenn die Flüchtlinge rechtlich mündig werden. Immerhin konnten bisher viele Lilienberg-Jugendliche ein 10. Schuljahr besuchen, was ihre Chancen im Arbeitsmarkt stark erhöhte. Doch ob das auch in Zukunft der Fall ist, ist noch unklar.

Grund für die Unsicherheit ist der Entscheid der Zürcher Stimmberechtigten, dass vorläufig aufgenommene Ausländer kein Anrecht mehr auf Sozialhilfe haben, sondern nur noch Asylfürsorge erhalten. Ein Entscheid, der auch die meisten MNA betrifft. «Wir engagieren uns überdurchschnittlich für die Integration der unbegleiteten jungen Flüchtlinge», versichert Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP), «und das werden wir auch weiterhin tun.» Inwieweit dazu auch das 10. Schuljahr gehört, ist im Moment noch nicht bekannt. Derzeit ist ein Sammelgesuch der Asylorganisation für siebzig Jugendliche hängig.

Was die Folgen des Volksentscheids sein können, ist Abdurahman und Farzad sehr wohl bewusst: «Keine eigene Wohnung, keine gute Schule.» Dennoch wollen die beiden nicht klagen. Sie geben die Hoffnung nicht auf, irgendwann die Aufenthaltsbewilligung zu bekommen. «Wenn ich immer an dieses Papier denke, kann ich nicht gut sein in der Schule. Aber das muss ich, wenn ich arbeiten will», sagt Abdurahman. Er lächelt. «Ich schaue nur geradeaus. Alles kommt mit der Zeit.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2018, 21:47 Uhr

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Aussenstellen schliessen

Lange war der Lilienberg das einzige Zentrum für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (MNA) im Kanton Zürich. Doch während der Flüchtlingskrise reichten die 70 Plätze, die das Heim bietet, bei weitem nicht aus. Eilends wurden vier Aussenstellen sowie ein provisorisches Zentrum in Zollikon geschaffen. Insgesamt stehen in den MNA-Strukturen jetzt 265 Plätze zur Verfügung. Ein Teil wird in den nächsten Monaten aufgehoben, denn die Zahl der unbegleiteten Minderjährigen sinkt. Der Lilienberg bleibt aber bestehen. Ein Grund für die rückläufigen Zahlen dürfte sein, dass die Fluchtrouten versperrt oder erschwert worden sind. Zudem gilt die Schweiz als vergleichsweise unattraktiv. (leu)

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