«Öko-Terrorist» ist nicht mehr eingesperrt

Marco Camenisch hat nach 24 Jahren von der Zürcher Justiz die erste Hafterleichterung erhalten. Er lebt nicht mehr hinter Gefängnismauern und darf vielleicht bald raus.

Erstmals Aussicht auf Hafturlaub: Marco Camenisch auf einer undatierten Aufnahme.

Erstmals Aussicht auf Hafturlaub: Marco Camenisch auf einer undatierten Aufnahme. Bild: Keystone

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Seit 1991 sitzt Marco Camenisch im Gefängnis. Die Ikone der Zürcher Linksextremen hat unter anderem einen Grenzwächter getötet und Strommasten in die Luft gesprengt. Von seinen politischen Überzeugungen und den Gewaltakten hat sich der sogenannte «Öko-Terrorist» nie distanziert. Das war auch der Grund, weshalb Camenisch trotz mehrmaliger Versuche keine Hafterleichterungen erhielt.

Nun besteht aus Sicht der Behörden offenbar keine grosse Flucht- sowie Wiederholungsgefahr mehr. Sein Fallverantwortlicher und dessen Vorgesetzten aus dem Zürcher Amt für Justizvollzug haben entschieden, Camenisch in den offenen Vollzug zu überführen. Dafür waren Berichte der Vollzugsinstitution, ein neues forensisch-psychiatrisches Gutachten und das Okay der Fachkommission des Ostschweizer Strafvollzugskonkordats Voraussetzung.

Die Vollzugslockerung ist für Camenisch der erste Schritt in die Freiheit. Dazu wird er von der geschlossenen Zuger Strafanstalt Bostadel in die offene St. Galler Strafanstalt Saxerriet überführt. Seine Anhänger jubeln im Internet: «Marco Camenisch ist verlegt!»

Bald Hafturlaub?

Dort hat Camenisch erstmals seit 24 Jahren keine hohen Gefängnismauern mehr um sich. Er bleibt aber nachts eingesperrt und wird tagsüber bewacht. Nach einer Eingewöhnungszeit von mindestens zwei Monaten erfüllt der 63-jährige Bündner zumindest die zeitlichen Voraussetzungen für begleitete und unbegleitete Hafturlaube. Dann ist das Prozedere dasselbe. Der Fallverantwortliche müsste einen entsprechenden Antrag von Camenisch prüfen, die Fachkommission einverstanden sein. Irgendwann darf Camenisch allenfalls am Tag einer Arbeit ausserhalb der Strafanstalt nachgehen.

Noch im vergangenen Dezember hatte das Bundesgericht eine vorzeitige Entlassung Camenischs abgelehnt. Dasselbe Gericht hatte aber das Zürcher Amt für Justizvollzug aufgefordert, Vollzugslockerungen «ernsthaft» zu prüfen. Camenisch hat noch zweieinhalb Jahre abzusitzen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.11.2015, 17:30 Uhr

Camenisch-Biograf verstorben

Kurt Brandenberger ist vergangenen Freitag bei einem Unfall in den Bergen gestorben. Der Journalist mit Jahrgang 1948 hat im Frühling die Biografie «Marco Camenisch. Lebenslänglich im Widerstand» publiziert. Brandenberger hatte Camenisch während dreier Jahre regelmässig im Gefängnis interviewt, seine Tochter und seine Ehefrau getroffen und mit Genossen sowie Gefährtinnen gesprochen. Zudem gewährte der Anwalt Bernard Rambert dem Autor Einblick in die umfangreichen Untersuchungs- und Prozessakten über Marco Camenisch. Brandenberger ist in Biel aufgewachsen und war Redaktor und Reporter bei verschiedenen Tageszeitungen, beim Schweizer Fernsehen, beim «Magazin», bei der «Weltwoche» und bei «Facts». Er war Lehrbeauftragter an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und am Bildungszentrum für Erwachsene (Bize). (pu)

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