Maya, 20 – sie ist für die alten Menschen da

In Pflegeberufen im Kanton Zürich zeichnet sich ein arger Personalmangel ab. Am schlechtesten stehen die Heime da.

Maya Sigrist setzt sich einen Moment zu Herrn Signer an den Tisch. Die Pflege-Studierende hat die alten Menschen gern. Fotos: Andrea Zahler

Maya Sigrist setzt sich einen Moment zu Herrn Signer an den Tisch. Die Pflege-Studierende hat die alten Menschen gern. Fotos: Andrea Zahler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Was, du arbeitest in einem Pflegeheim? Da musst du doch nur Füdli putzen.» Das bekommt Maya Sigrist oft zu hören, wenn sie anderen jungen Leuten von ihrer Ausbildung in der Langzeitpflege erzählt. «Sie können sich nicht vorstellen, welch interessante Arbeit wir haben», sagt die 20-Jährige. Sie fordert dann jeweils dazu auf, doch einmal zum Schnuppern zu kommen. Ihr beste Freundin, die in einer KV-Lehre war, hat das getan – und macht jetzt die Lehre zur Fachangestellten Gesundheit (Fage). Sigrist selber hat die Fage-Lehre schon fertig und studiert nun Pflege an der höheren Fachschule. Für die Praktika ist sie im Pflegezentrum Bächli in Bassersdorf angestellt.

Vorurteile hatte auch Melanie Morrow. Die 49-jährige Pflegefachfrau arbeitete viele Jahre in Akutspitälern, in Deutschland und ab 2005 im Unispital Zürich, und zwar im hoch technisierten Operationssaal. Langzeitpflege schien ihr uninteressant. Dennoch liess sie sich von einer Kollegin zu einem Schnuppertag im Pflegezentrum Witikon über­reden. Dort sah sie, wie vielfältig die Aufgaben sind: «Wir erstellen Pflegediagnosen, planen die individuelle Pflege für die einzelnen Bewohnerinnen, haben Kontakt zu den Angehörigen, können uns spezialisieren.» Auch punkto Lohn halte das Pflegezentrum mit dem Spital mit. Heute ist Morrow Berufsbildnerin im Bächli.

Pflege und Zuwendung

Es ist Montagmorgen. Sigrist und Morrow sind in der Frühschicht eingeteilt. Auf dem Ausbildungsprogramm steht «praxisintegriertes Lernen», die Berufsbildnerin begleitet die Studentin heute speziell eng. Maya Sigrist bereitet im Stationszimmer die Insulinspritze für Herrn Signer vor. Sie schaut im Computer nach, welche Dosis er braucht, und lässt diese von einer Kollegin überprüfen. Bei Medikamenten gilt das Vier-Augen-Prinzip.

Herr Signer liegt noch im Bett, die Decke bis ans Kinn gezogen. Er hat es gern kuschelig, und im Zimmer ist die Temperatur nach der kühlen Nacht noch angenehm. Er freut sich, als er Maya Sigrist sieht, und lässt sich bereitwillig in den Finger piksen. Der Insulinwert ist tipptopp. «Darf ich die Decke wegziehen, um an Ihren Bauch zu gelangen?», fragt Sigrist. Herr Signer ist unkompliziert. Dennoch fragt Sigrist immer, bevor sie etwas macht. Sie setzt die Spritze, dann gibt sie Herrn Signer die Augentropfen. Als sie ihm ein Tüchlein zum Abwischen reichen will, winkt er ab: «Das brauche ich nicht, Sie haben gut getroffen.»

Berufsbildnerin Melanie Morrow. Foto: Andrea Zahler

Während Sigrist den alten Mann wäscht, plaudert sie mit ihm über seine zwei Brüder, die beide einen Hund haben, einen Labrador und einen Belgischen Schäferhund. Das Anziehen der engen Stützstrümpfe ist ein bisschen mühsam. Melanie Morrow gibt einen Tipp, wies besser geht. Sonst bleibt sie im Hintergrund. Aufzustehen, schafft Herr Signer allein. Er stützt sich auf den Rollator und geht langsam Richtung Badezimmer. «Unsere Bewohner sollen alles, was sie noch können, selber machen, damit sie ihre Selbstständigkeit bewahren», erklärt Morrow die Pflegephilosophie. Darauf Herr Signer: «Man hofft ja schon, dass man wieder einmal nach Hause kann.»

Geschäftsleiterin Marlies Petrig. Foto: Andrea Zahler

Bei den gut 30 Bewohnerinnen und Bewohnern im Parterre des Heims, wo auch Herr Signer lebt, trifft das allerdings selten ein. Hier ist die eigentliche Langzeitabteilung, zu der auch einige Palliativzimmer gehören. Im ersten Stock befindet sich die Übergangspflege für Menschen, die nach einem Spitalaufenthalt gestärkt werden müssen, bevor sie heimgehen können. Im zweiten Stock werden unter anderen Hirnschlagpatientinnen betreut. Dank seiner Spezialisierungen ist das Bächli ein attraktiver Arbeits- und Ausbildungsort. Aber auch dank der Geschäftsleiterin Marlies Petrig, die ihre Mitarbeiterinnen – zu 85 Prozent sind es Frauen – fördert und ihnen Weiterbildungen ermöglicht. Die Verbleibdauer der Angestellten ist vergleichsweise hoch. Viele Frauen arbeiten weiter, wenn sie Kinder bekommen; das Bächli hat eine hauseigene Kita.

Vorbildlicher Lehrbetrieb

Petrig ist seit 2002 in der Geschäftsleitung des KZU Kompetenzzentrums Pflege und Gesundheit, zu dem neben dem Bächli das auf Demenz spezialisierte Pflegezentrum Embrach und Pflegewohnungen in Nürensdorf gehören. Sie sagt: «Es war uns von Anfang an eine Herzensangelegenheit, zur Nachwuchssicherung beizutragen.» Das KZU erfüllt denn auch heute schon die Zielvorgaben der Zürcher Gesundheitsdirektion, welche von den Heimen neuerdings eine bestimmte Anzahl Ausbildungsplätze fordert.

Besonders dringend ist zusätzlicher Nachwuchs bei den diplomierten Pflegenden, die eine höhere Fachschule oder Fachhochschule abgeschlossen haben. Laut einem Bericht der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren braucht die Schweiz jedes Jahr mehr als 6000 zusätzliche Pflegefachleute; heute wird nur knapp die Hälfte davon hier ausgebildet.

Weil die Zahl pflegebedürftiger Menschen in den kommenden Jahren steigen wird, akzentuiert sich die Personalknappheit besonders in den Heimen und bei der Spitex. Deren nationale Verbände haben deshalb eine mehrjährige Werbekampagne gestartet mit dem Titel «Der wichtigste Job der Schweiz». In einem ersten Teil, der seit Juni läuft, werden auf Plakaten Menschen gezeigt, die trotz Beeinträchtigungen weiterhin ein gutes Leben haben – dank der Langzeitpflege. Melanie Morrow sagt es so: «Im Spital will man dem Leben mehr Zeit geben. Hier in der Langzeitpflege geben wir der Zeit mehr Leben.»

Herr Signer fährt Velo

Herr Signer hat gemütlich gefrühstückt, Brot und Käse und Joghurt. Nun ist er bereit fürs Training: 20 Minuten auf dem Homevelo. Herr Signer ist früher sehr viel Velo gefahren, er liebt es. Maya Sigrist schnallt seine Füsse an die Pedalen und stellt am Gerät das passende Gewicht und die Geschwindigkeit ein. Herr Signer macht es jeden Tag gleich: 50-mal treten mit Unterstützung der Hände, 50-mal nur mit den Füssen, was strenger ist. Und das Ganze dreimal wiederholen.

Sigrist setzt sich an den Computer. Sie muss noch die wöchentliche Arztvisite dokumentieren, die vorher in einem Besprechungsraum stattgefunden hat. Erstmals durfte sie die aktuellen Fälle der Abteilung vorstellen und mit dem Assistenzarzt besprechen. Zum Beispiel das Problem von Frau R., die neulich gestürzt ist und seitdem Schmerzen auf der Lunge hat. Oder dass Frau A. kleine Hautveränderungen hat und die Tochter wünscht, dass sie zum Hautarzt geht, die Mutter das aber nicht will. Der Arzt verspricht, bei beiden Bewohnerinnen vorbeizuschauen.

Die Büroarbeit ist für Maya Sigrist kein Vergnügen. Sie findet es aber noch erträglich und kann nicht bestätigen, was man oft hört: Die Pflegenden seien häufiger im Büro als bei den Bewohnerinnen. Bei ihr ist es umgekehrt, zum Glück. Denn wegen der Beziehungsarbeit hat sie diesen Beruf gewählt. Und wegen ihrer Grosseltern, bei denen sie als Kind oft gewesen sei: «Ich habe sehr gern alte Leute.»

Erstellt: 24.07.2019, 21:53 Uhr

Viele Heime haben die Ausbildung vernachlässigt

Die Spitäler im Kanton Zürich kennen es bereits: Jedes Jahr erhalten sie eine Vorgabe der Gesundheitsdirektion, wie viele Ausbildungsplätze sie zur Verfügung stellen müssen. Erfüllen sie diese nicht, werden sie gebüsst. Die Vorgaben werden nach der Grösse und der Struktur des Betriebes berechnet und sukzessive erhöht. Dieses Jahr hat der Kanton auch eine Ausbildungspflicht für Pflegeheime und Spitexorganisationen eingeführt. Gestützt auf statistische Erhebungen von 2016, hat die Gesundheitsdirektion für jede Institution ausgerechnet, wie viele Pflege-Studierende, Fage- oder Fabe-Lehrlinge sowie Assistentinnen Gesundheit und Soziales sie ausbilden muss. Ziel ist, dass die Betriebe so viele Pflegende ausbilden, wie sie selber benötigen.

Wie die Zahlen zeigen, klaffen Istzustand und Zielvorgabe in vielen Pflegeheimen weit auseinander. 20 Heime bildeten bisher gar nicht aus. Zum Beispiel das private Alters- und Pflegeheim Abendruh in Uetikon am See. Geschäftsführer Martin Meier korrigiert: Seit einem Jahr hätten sie eine Fage, die die Ausbildung berufsbegleitend mache, im August starte eine zweite. Die Gesundheitsdirektion verlangt drei bis vier Fage-Lehrstellen in diesem Heim. Für Studierende liegt die Zielvorgabe bei drei, allerdings wird den Betrieben viel Zeit eingeräumt, dies zu erreichen. Geschäftsführer Meier sieht sich derzeit nicht in der Lage, eine Pflege-Studentin anzustellen: «Da können wir die nötige Ausbildungsqualität nicht bieten.» Er rechnet mit einer Busse, kann diese aber nicht beziffern.

Zu wenig Studierende

Generell ist festzustellen, dass die Heime recht viele Fage ausbilden, jedoch viel zu wenig Pflege-Studierende haben. Häufige Begründung: Man finde kaum Bewerberinnen, die jungen Leute wollten lieber ins Spital.

Auffällig wenig bilden zwei Privatunternehmen aus, die im Kanton Zürich Heime betreiben: das Tertianum und die Gruppe di Gallo. Eine Sprecherin von di Gallo bestätigt, dass die Gruppe im Bereich höhere Fachausbildung ein Problem habe. Man suche aber nach Wegen, um für Studierende attraktiver zu werden. Das Tertianum schreibt in einer Stellungnahme, die Zahlen von 2016 seien überholt. Inzwischen habe die Gruppe ein eigenes Weiterbildungszentrum. Sie sei bestrebt, dem ­wachsenden Bedarf an qualifiziertem Fach­personal aus den eigenen Reihen gerecht zu werden. Und man arbeite daran, die Vorgaben des Kantons Zürich erfüllen zu können. (an)

Artikel zum Thema

Gesundheit kostet monatlich 814 Franken pro Kopf

Die Ausgaben im Gesundheitswesen sind weiter gestiegen. Ein Viertel davon geht an Arztpraxen. Mehr...

Eine Nachtschicht im Altersheim

Reportage Herr Schwarz kann nicht auf die Toilette, Frau Berger kommt mit Windeln ins Zimmer: Unterwegs mit einer Pflegerin. Mehr...

Wer keine E-Mail-Adresse hat, wird abgehängt

Die Post, Banken und Ämter digitalisieren ihr Angebot vollständig – und vergessen, dass es Menschen ohne Handy und Computer gibt. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Genuss und Freude schenken

Schenken Sie Ihren Freunden Hochgenuss in Form eines FINE TO DINE Gutscheins für über 130 Schweizer Restaurants.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Gute Laune trotz Lichtmangels

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...