Medien-Lehrstuhl: Bonfadelli hängt zwei Semester an

Die Uni Zürich sucht zum zweiten Mal einen Nachfolger für Medienprofessor Heinz Bonfadelli. Weil sich seine Nachfolge nach der Deutschen-Debatte um ein Jahr verzögert, bleibt er bis Sommer 2015.

Umstrittene Nachfolge für den Medienwissenschafter: Professor Heinz Bonfadelli.

Umstrittene Nachfolge für den Medienwissenschafter: Professor Heinz Bonfadelli. Bild: Nicola Pitaro

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Die Zürcher Universität hat gestern Mittwoch das neue Stelleninserat für die Nachfolge von Medienprofessor Heinz Bonfadelli auf ihrer Website publiziert. Sie sucht für den «nächstmöglichen Zeitpunkt» einen Professor oder noch lieber eine Professorin für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt «Mediennutzung und Medienrealität».

Der Schwerpunkt des Lehrstuhls Bonfadellis lautet heute – Achtung Detail – «Medienrealität und Medienwirkung». Dekan Andreas Jucker schreibt in einer Stellungnahme gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet denn auch von einem «leicht veränderten» Fokus. Allzu präzis will er nicht werden. Die Neuausschreibung schärfe das Profil der zu besetzenden Stelle «durch die Betonung der Mediennutzung und der soziologischen Ansätze». Der Text des Inserats spricht aber eine andere Sprache. Während in der ersten Stellenausschreibung des Lehrstuhls im Jahr 2012 explizit eine «exzellente Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Schweizer Medien und deren Nutzung durch das Publikum» gefragt war, steht im aktuellen Inserat bloss: «Die Bewerberinnen und Bewerber sollen Bezüge zur Schweiz in Forschung und Lehre einbringen.»

Drei Deutsche, kein Schweizer

Der Schweiz-Bezug ist deshalb von Bedeutung, weil Bonfadelli als Kapazität in Sachen Schweizer Mediensystem gilt. Verfügt der oder die Neue nicht über entsprechende Kompetenzen, wird die Disziplin Schweizer Medien an der Universität merklich geschwächt. Dazu kommt, dass Bonfadelli der letzte gebürtige Schweizer Vollzeitprofessor am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ) ist. Die anderen Lehrstühle werden von Deutschen, einem eingebürgerten Deutschen und einem Österreicher bekleidet. Der Schweizer Kurt Imhof ist nur zu 50 Prozent beim IPMZ angestellt. Der bekannte Soziologe leitet daneben das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft.

Die fehlenden Schweizer und die Tatsache, dass drei Deutsche im Endspurt um die Nachfolge von Heinz Bonfadelli standen, hat nach einem entsprechenden Bericht des «Tages-Anzeigers» am 27. Februar 2013 für Wirbel gesorgt. Zumal zwei der drei Anwärter trotz des klaren Anforderungsprofils über keinerlei Erfahrung mit der Schweizer Medienszene verfügten.

Berufungsverfahren gestoppt

Drei Tage nach dem Zeitungsbericht stoppte die Universitätsleitung das Berufungsverfahren. Die Hearings, die kurz darauf geplant waren, wurden abgesagt. Gemäss Aussagen des damaligen Universitätsrektors Andreas Fischer sind Mitglieder der Berufungskommission und auch Kandidaten «massiv angefeindet» worden, so dass eine «geordnete Weiterführung des Verfahrens» unmöglich geworden war.

Ende Mai 2013 gab die Uni bekannt, dass das Verfahren wieder aufgenommen wird. Damals war unklar, wie es weitergeht. Die Berufungskommission konnte mit den bereits ausgewählten deutschen Kandidaten weiterfahren oder neue Kandidaten suchen. Eine weitere Möglichkeit bestand darin, den Lehrstuhl inhaltlich neu auszurichten. Dazu hätte die Kommission einen sogenannten Strukturbericht verfassen und von der Unileitung absegnen lassen müssen.

Was hat die Kommission zehn Monate lang gemacht?

Die Fragen, ob ein Strukturbericht verfasst wurde und was die Berufungskommission in den zehn Monaten zwischen der Wiederaufnahme des Verfahrens und der heutigen Neuausschreibung unternommen hat, bleiben unbeantwortet. Dekan Jucker schreibt, die Berufungskommission habe ihre «bisherige Arbeit in der gebotenen Seriosität erledigt».

Die Zusammensetzung der Kommission ist geheim. Normalerweise sind darin die Professoren des betroffenen Instituts prominent vertreten. Sie übernehmen in der Regel die Triage der Bewerbungen, und ihre Stimmen haben ein starkes Gewicht. Einsitz nehmen auch Vertreter der Studierenden, Doktoranden und Privatdozenten. Kommissionspräsident ist ein fachfremder Professor. Im Mai 2013 sagte ein Sprecher der Universität, dass es im Vergleich zur ersten Runde aufgrund von Abwesenheiten einige personelle Wechsel geben werde.

Nationalität spielt keine Rolle

Die bisherige Arbeit der Kommission habe länger gedauert als geplant, räumt Jucker ein. Ob die Kommission in dieser Zeit gezielt, aber erfolglos Personen gesucht hat, bleibt unklar. Auch ob die Warnung des deutschen Hochschulverbands die Suche erschwert hat, ist offen. Der Verband hatte nach dem ersten Medienwirbel ihre Mitglieder «informiert», dass es in der Schweiz eine verbreitete Furcht vor Überfremdung gebe. Die Schweizer fühlten sich insbesondere von den Deutschen überschwemmt, hiess es. Es drohten Schikanen. Ob die zwischenzeitliche Annahme der SVP-Masseneinwanderungsinitiative Auswirkungen auf das Bewerberfeld hat, wird sich ebenfalls weisen. Vor Jahresfrist war der Schweizer Nachwuchs aufgefordert worden, offensiver die akademische Karriere zu suchen.

Die Nationalität der Bewerberinnen und Bewerber spiele, «wenn überhaupt, eine untergeordnete Rolle», schreibt Andreas Jucker. Weiter heisst es aber vielsagend, das neue Profil und der nach wie vor eingeforderte «Bezug zur Situation in der Schweiz in Lehre und Forschung» lasse «einem breiteren Bewerberfeld die Chance, sich einzubringen».

Bonfadelli-Nachfolge erst 2015

Klar ist einzig, dass sich die Nachfolge von Heinz Bonfadelli verzögern wird. Gemäss Dekan Jucker ist die Besetzung der Professur «noch dieses Jahr nicht mehr möglich». Um eine Vakanz zu verhindern, hängt Bonfadelli, der eigentlich im Sommer pensioniert würde, zwei Semester an. Dies hat er seiner Abteilung kommuniziert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.04.2014, 17:34 Uhr

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