Mehr Fragen als Antworten

Der Versuch der Aargauer Kantonspolizei zeigt: Das Sperren des Gästesektors kann kein Allheilmittel sein.

Gespenstisch: Die leere Gästetribüne im Aarauer Brügglifeld am Samstag. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Gespenstisch: Die leere Gästetribüne im Aarauer Brügglifeld am Samstag. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

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Friedlich blieb es an diesem Samstag in Aarau. Drinnen im Stadion Brügglifeld scheiterten zwei verunsicherte Teams daran, so etwas wie ein vernünftiges Fussballspiel hinzubekommen. Draussen jonglierten rund 200 Anhänger des FC Zürich Bälle, streng bewacht von scheinbar doppelt so vielen Polizisten. Nach dem 0:0 zwischen ihrem Team und dem FC Aarau wurde auf der Tribüne gewitzelt, die Ausgesperrten könnten von Glück reden, dass sie für den traurigen Kick kein Eintrittsgeld hatten bezahlen müssen. Randale blieb aus. Die Massnahme der Kantonspolizei Aargau, den Gästesektor beim Spiel Aarau - Zürich zu sperren, ein Schweizer Novum: Auf den ersten Blick ein voller Erfolg.

Doch bei genauerem Hinsehen stellen sich nach dem Pilotversuch mehr Fragen, als dass der Abend Antworten liefern konnte. Die Polizei musste ihre Massnahme mit allem nötigen Aufwand umsetzen, es waren Polizisten aus fünf Kantonen in Aarau, ein Helikopter kreiste über der Szenerie. Eindrücklich sah das aus, bedrü­ckend auch. Und wer noch Stunden nach Spielschluss schwer gepanzerte Polizisten den praktisch leeren Bahnhof Aarau bewachen sah, musste sich fragen: Wie viel kostet so ein Einsatz? An wie vielen Spielen im Jahr ist die Polizei in der Lage, so viel Personal einen ganzen Tag lang für ein einziges Fussballspiel abzustellen?

Und vor allem: Was geschieht, wenn ein Spiel von der Polizei ganz verboten wird? Bleiben dann alle Fans brav zu Hause – oder muss die Polizei dann damit rechnen, dass sich sowohl ­Auswärts- wie auch Heimfans irgendwo in der Stadt treffen? Und wie soll sie das verhindern?

Auch ein Erfolg der Südkurve

So war der Samstag nicht ein reiner Erfolg jener, die eine harte Hand gegen Fussballfans fordern. Auch die Fans des FCZ, die in Aarau waren, werden sich als Sieger fühlen. Mit ihrer Reise haben sie einerseits bewiesen, dass die Polizei bei jeder angeordneten Stadion­sperre einen riesigen Aufwand wird betreiben müssen.

Die Zürcher stellen mit ihrem fried­lichen Verhalten aber auch die Staats­anwaltschaft vor eine knifflige Aufgabe. Es wird interessant sein zu erfahren, aufgrund welcher Rechtsgrundlage Reisende an einem Schweizer Bahnhof angehalten und zur Rückreise an ihren Ursprungsort gezwungen werden dürfen. Oder ob die 200 Verhafteten, die sich vor dem Stadion im passiven Widerstand übten, überhaupt mit einer Anzeige rechnen müssen. Und wenn ja, wegen welcher Vergehen? Landfriedensbruch? Dazu hätte es zu Gewalt kommen müssen. Versuchter Landfriedensbruch? Auch dazu müsste den Ange­haltenen der Wille zu aggressivem Verhalten nachgewiesen werden.

Dieser aber war an diesem Tag nicht vorhanden. Und darum muss sich auch der Zürcher Anhang Fragen stellen lassen: Warum funktioniert die Selbstregulierung nicht auch dann, wenn es darum ginge, ein paar Radaubrüder davon abzubringen, Leuchtfackeln zu werfen? Braucht es erst eine harte Reaktion der Politik, ehe die besonnenen Kräfte in der Kurve die Führung übernehmen können?

«Das kann nicht Usanz werden»

Keine Frage hingegen ist, was aus­gesperrte Zuschauer für den Fussball bedeuten. «Es braucht Fans im Stadion», stellte FCZ-Verteidiger Alain Nef nach der Partie fest. «Es war nicht einfach, ohne Fans zu spielen», meinte Trainer Urs Meier. Und der Aarauer Präsident Alfred Schmid konstatierte mit Blick auf ein Stadion mit bloss 3384 Zuschauern: «Das kann nicht Usanz werden. Sonst verliert der Fussball an Attraktivität.» Es ist klar, dass sich die Schweizer Liga solche Spiele nicht leisten kann, will sie sich das Interesse der Sponsoren erhalten.

Die Aussperrung der Gästefans in Aarau mag ein interessanter Pilot­versuch gewesen sein. Ein Allheilmittel hat die Kantonspolizei Aargau aber nicht gefunden.

Erstellt: 26.04.2015, 22:55 Uhr

Das Spiel

Wenn ein 0:0 Fortschritt bedeutet

Wer sechs Spiele in Serie verliert, freut sich an kleinen Dingen. Auch an einem 0:0 beim Tabellenletzten. Also fand Urs Meier selbst im unansehnlichen Spiel seines FC Zürich beim FC Aarau positive Aspekte. Etwa, «dass wir diesmal nicht in den letzten Minuten ein Tor erhalten haben». Tatsächlich hatte Aarau in der 96. Minute durch Dusan Djuric die Chance, ebenso unverhofft wie unverdient den Siegtreffer zu erzielen. Der Ex-Zürcher fand nur die Arme von Yannick Brecher.

Der Goalie war einer von sechs FCZ-Spielern in der Startformation, die 22-jährig oder jünger waren. Auch das ein Grund für Meier, sich zu freuen. Seine Youngster, auf die er bei sieben Absenzen in der Not setzen musste, hätten zwar taktisch noch einiges zu lernen: «Aber sie haben vollen Einsatz gegeben.»

Die Jungen werden auch am Dienstag gefordert sein, wenn es zu Sion geht. Stürmer Franck Etoundi dürfte wie schon in Aarau krank ausfallen. Zudem fehlt dem FCZ auch Captain Yassine Chikhaoui, der sich in der 96. Minute eine Gelbe Karte einhandelte, weil er bei einem Freistoss auf Höhe Mittellinie den Abstand nicht einhielt. (fra)

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