Analyse

Mehr Mut, bitte

Eine Mehrheit des Kantonsrates will weder die Grundstufe einführen noch das alte Kindergarten-Modell beibehalten. Dieses Laisser-Faire schadet am Ende allen.

Sie werden dort abgeholt, wo sie in ihrer Entwicklung stehen: Kinder einer Grundstufe im Bezirk Horgen.

Sie werden dort abgeholt, wo sie in ihrer Entwicklung stehen: Kinder einer Grundstufe im Bezirk Horgen. Bild: TA / Nicola Pitaro

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In der Zürcher Schulpolitik hat das Laisser-faire-Prinzip Einzug gehalten. Jüngstes Beispiel ist die Debatte um die Kindergartenreform. 27 Zürcher Gemeinden erproben, ob die Grundstufe den Kindern einen besseren Einstieg in die Schule ermöglicht.

Die Vierjährigen sollen dort abgeholt werden, wo sie in ihrer Entwicklung stehen. Sie sollen Zeit bekommen, wenn sie diese nötig haben. Oder schneller vorwärtskommen, wenn sie dazu bereit sind. Man ist sich weitgehend einig, dass es unschön ist, wenn Sechsjährige bereits in eine Kleinklasse gesteckt werden, nur weil sie nicht rechtzeitig «schulreif» sind.

Bankrott der Politik

Nach fast zehn Jahren Schulversuchen steht fest, dass die neue Einschulung ihre Ziele erreicht. Kleinklassen sind für Grundstufenkinder nicht mehr nötig. Diese lernen im Schnitt schneller und sind selbstständiger als Kindergärtler. Der Fall ist klar: Von diesen Vorteilen der Grundstufe sollten eigentlich alle Kinder profitieren.

Aber eine Mehrheit des Kantonsrats sperrt sich dagegen. Sie will weder die Grundstufe einführen noch den Kindergarten beibehalten. Lieber will sie den Entscheid den Gemeinden überlassen. Die Freisinnigen, die die Mehrheit anführen, nennen das eine «liberale Lösung». Im Grunde ist es vielmehr eine Bankrotterklärung. Das Laisser-faire der angeblich fortschrittlichen Bildungspolitiker im Kanton Zürich zeugt von Kraftlosigkeit und mangelndem Interesse.

Die Angst vor einer Abfuhr

Von Verantwortungsträgern würden Wähler und Stimmbürger erwarten, dass sie sich für ihre Überzeugung einsetzen, gerade wenn es um die Einschulung – die Basis jeder Schulkarriere – geht. Wenn die Liberalen vor 200 Jahren ebenso schlapp gekämpft hätten, wäre Religion noch immer das einzige Fach in der Volksschule.

Die Angst vor einer Abfuhr bestimmt heute das Handeln der liberalen Bildungspolitiker im Kanton Zürich. Bei der Harmos-Abstimmung sind sie noch mit einem blauen Auge davongekommen, aber beim Streit um «Mundart im Kindergarten» setzte es eine Niederlage ab. Die Einführung der Grundstufe sei politisch nicht mehrheitsfähig, sagt die Parlamentsmehrheit händeringend. Mit der «liberalen Lösung» wolle man wenigstens dafür sorgen, dass die Grundstufe nicht beerdigt werde.

Doch Angst ist ein schlechter Ratgeber. Das Schielen auf den kurzfristigen Abstimmungserfolg schadet der Volksschule. Hier die wichtigsten Gründe, warum die Bildungspolitiker – trotz drohender Abstimmungsniederlage – für die flächendeckende Einführung der Grundstufe kämpfen müssten.

Beliebter und besser

Die Grundstufe ist bei Eltern gefragt. Wo dieser Schulversuch durchgeführt wurde, gab es Wartelisten und zahllose Umteilungsgesuche. Keine Schule kehrte freiwillig zum Kindergarten zurück. Die Grundstufengegner führen an, die Kindergartenkinder würden am Ende der zweiten Klasse gleich gute Schulleistungen erbringen. Darum sei es unnötig, mehr Geld für die Einschulung auszugeben.

Doch ist es nicht logisch, dass Kindergärtler und Grundstufenkinder am Ende der zweiten Klasse gleich weit sind, wenn alle die gleichen Lernziele haben? Usain Bolt rennt auch nicht weiter als 100 Meter, nur weil er schneller ist als die anderen. Wie gut die Grundstufe ist, beweist Bildungsforscher Urs Moser, der das neue Schulmodell überprüft hat: Er liess seine eigenen Kinder in einer Grundstufenschulklasse einschulen.

Gleicher Einstieg für alle

Mit dem neuen Volksschulgesetz haben die Schulen mehr Freiheit erhalten, um eigene Profile zu entwickeln – autonome Volksschule nennt sich das. Doch grenzenlos ist die Freiheit höchstens über den Wolken. Die Volksschule braucht Regeln. Die gibt es zwar, aber sie sind weit gesteckt, besonders in der Sekundarschule. Dort ist heute fast alles möglich: dreiteilig, zweiteilig, einteilig mit Atelier, ohne Atelier, mit Kleinklasse, ohne Kleinklasse. Weder Eltern noch stellensuchende Lehrer wissen, was sie in den einzelnen Schulen erwartet.

Mit der «liberalen Lösung» wird auch beim Schuleintritt Beliebigkeit einziehen. Das wird Folgen haben. Denn nicht nur die Kinder sind besonders motiviert, wenn sie in die Schule kommen, sondern auch deren Eltern. Warum wird mein Kind in den Kindergarten eingeteilt, wenn es daneben eine Grundstufe gibt? Auf solche Fragen müssen sich die Schulen gefasst machen, und sie werden es schwer haben, gute Antworten zu finden.

Wasser auf die Mühlen der Elternlobby

Das Laisser-faire der Mehrheit ist Wasser auf die Mühlen der Elternlobby, die die freie Wahl der Schule und Bildungsgutscheine fordert. Fazit: Die Grundstufe ist eine Chance für die Kinder. Jetzt fehlt aber noch der Mut der fortschrittlichen Politiker. Wenn sie es wagen, sich für die flächendeckende Einführung einzusetzen, können sie auf Unterstützung zählen. Im Unterschied zur letzten Abstimmung im Jahr 2002, als das erste Volksschulgesetz vor allem wegen der Grundstufe scheiterte, sind heute viele Eltern und Schulpfleger vom neuen Schulmodell überzeugt oder sogar begeistert.

Kampf ist nicht aussichtslos

Eine Chance ist die Grundstufe zudem für die Kindergärtnerinnen. Sie leisten anspruchsvolle pädagogische Arbeit. Mit der Grundstufe werden sie den Lehrpersonen nicht nur lohnmässig gleichgestellt, sie können auch noch das ungerechtfertigte Image der «Gfätterlitante» ablegen.

Und was geschieht, wenn das Volk die Grundstufe nicht will? Dann bleibt es beim Kindergarten. Das ist zwar nur die zweitbeste Lösung, aber sie gilt dann für alle. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.02.2012, 09:50 Uhr

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