«Meine Kinder profitierten im Hort» – «Meine würden untergehen»

Wie viel Kinderbetreuung soll der Staat leisten? Zu welchem Preis? Solche Fragen sind nicht nur unter Politikern ein umstrittenes Thema, sondern auch unter Eltern. Wir haben mit zwei Müttern gesprochen.

Arantxa Lemos (links) glaubt, dass Tagesschulen für alle Kinder gut wären. Karin Rohrbach würde ihre Kinder nicht in die Tagesschule geben. Foto: Reto Oeschger

Arantxa Lemos (links) glaubt, dass Tagesschulen für alle Kinder gut wären. Karin Rohrbach würde ihre Kinder nicht in die Tagesschule geben. Foto: Reto Oeschger

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Frau Lemos, Ihr Sohn kann am Pilotversuch für eine obligatorische Tagesschule mitmachen. Ist das eine grosse Erleichterung für Sie?

Arantxa Lemos: Von den Betreuungszeiten her wird sich nicht viel ändern, weil mein Sohn bereits in den Hort geht. Organisatorisch könnte die Tagesschule für uns spürbar sein, sofern sie gute Freizeitkurse anbietet. Dann müssen wir unseren Sohn dafür nicht mehr durch die ganze Stadt fahren. So könnten wir bis zu sechs Stunden Reisezeit pro Woche sparen. Darauf warten viele Eltern.

Frau Rohrbach, würden Sie Ihre Kinder in eine Tagesschule schicken, wenn es bei Ihnen eine gäbe?

Karin Rohrbach: Nein, das ist für mich kein Thema. Ich betreue meine Kinder daheim, weil mir das wichtig ist.

Abgesehen von Ihren Bedürfnissen: Braucht es mehr Tagesschulen?

Rohrbach: Müttern, die arbeiten wollen, wird es sicher helfen, wenn es gute Tagesstrukturen gibt. Das Zürcher Modell geht mir aber zu weit. Ich frage mich, ob das Bedürfnis wirklich da ist für einen solchen Ausbau.

Zweifeln Sie daran?

Rohrbach: Zweifeln nicht gerade, aber ich sähe gerne Zahlen dazu.

Lemos: Das Bedürfnis ist da. Es gibt lange Wartelisten in den Horten und den Tagesschulen. Zudem sind Tagesschulen billiger: Gegenüber heute kann man so bis zu 60 Millionen pro Jahr sparen.

Dennoch stellt sich die Frage: Wer zahlt? Die Eltern? Die Steuerzahler?

Lemos: Ich zahle jetzt pro Mittag im Hort 35 Franken, in der Tagesschule wird ein Mittagessen anfangs 6.50 Franken kosten. Für mich wäre es auch in Ordnung, wenn ich weiterhin 35 Franken bezahlen müsste – wenn es dafür ­anderen Kindern besser geht, die ohne Tagesschule keine warme Mahlzeit, kein rechtes Frühstück bekommen. So stelle ich mir eine gerechte Gesellschaft vor.

Ist 6.50 ein angemessener Preis, Frau Rohrbach?

Rohrbach: Natürlich stellt sich für mich die Frage, ob ich als Steuerzahlerin eine Tagesschule bezahlen muss. Anderseits ist es für mich in Ordnung, dass der Staat jene unterstützt, die arbeiten müssen. Es sind auch nicht die Kosten, die mich am meisten stören.

Was stört Sie?

Rohrbach: Mir geht es um das Wörtchen «obligatorisch». Ich will selbst entscheiden können, ob ich meine Kinder fremdbetreuen lasse. Der Staat mischt sich immer mehr in die Erziehungsverantwortung ein, das gefällt mir nicht.

Frau Lemos, soll die Tagesschule aus Ihrer Sicht obligatorisch sein?

Lemos: Hat man den Anspruch, alle Bürger gleich zu behandeln, müsste die Tagesschule obligatorisch sein. Es gibt viele Eltern, die ihre Kinder allein lassen und sie nicht in den Hort schicken. Das würde die Tagesschule korrigieren. Anderseits merke ich, dass in Zürich etwa 30 Prozent der Eltern keine Tagesbetreuung wollen. Ich will den Leuten nichts aufzwingen. Aber man sollte der Nachfrage gerecht werden. Das geplante Obligatorium würde maximal vier Tage betreffen.

Rohrbach: Auch das braucht es nicht aus meiner Sicht. Für mich stimmt es, dass ich über Mittag die Kinder betreue, ich kenne das auch aus meiner Kindheit so. Man soll Eltern, die so denken, doch diese Entscheidung überlassen.

Lemos: Ich ging als Kind selbst in eine Tagesschule. Und mein Sohn will den Mittwochnachmittag im Hort verbringen, weil er dort etwas mit seinen Freunden unternehmen kann.

Das ist vielleicht der springende Punkt: Möchten wirklich die Kinder daheim sein, oder will die Mutter sie daheim haben?

Rohrbach: Wir haben unsere Kinder gefragt, ob sie an den Mittagstisch wollen. Sie lehnten das ab. Ich bin überzeugt, dass eine Tagesschule für sie keine Option wäre.

Warum nicht?

Rohrbach: Nicht jedes Kind ist gleich. Manche haben kein Problem damit, den ganzen Tag fremdbetreut zu sein. Andere sind extrem sensibel und daheim verwurzelt. Sie brauchen die Ruhe über Mittag und die Möglichkeit, ihre Sorgen abzuladen. In einer Tagesschule können sich die Kinder weniger zurückziehen, und das Personal hat nicht die Zeit, mit jedem zu reden. Scheue Kinder gehen da unter.

Lemos: Die Kinder haben Ruheräume und Leseecken; das Hortpersonal ist nach meiner Erfahrung sehr kompetent. Meine Kinder erzählen mir alles, obwohl sie über Mittag oft im Hort sind. Andere sagen den Eltern kaum etwas. Das Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern ist sehr unterschiedlich; ob sie daheim ihre Sorgen abladen, hat wenig mit der Tagesschule zu tun.

Wie sehr können Kinder von Strukturen wie Tagesschulen profitieren?

Lemos: Ich bin auch aus eigener Erfahrung überzeugt, dass sie dort sehr viel lernen. Meine Kinder haben eine hohe Sozialkompetenz, sie können Konflikte schlichten, sie haben viele Freunde. Wenn die Qualität stimmt, bin ich sicher, dass sich ganz viele Eltern melden werden. Vor allem aber profitieren auch Kinder, die daheim keine Struktur haben, die auf sich allein gestellt sind.

Und wenn die Qualität nicht stimmt? Teilen Sie die Befürchtung, dass scheue Kinder untergehen?

Lemos: Meiner Erfahrung nach gehen nicht jene Kinder unter, die eine Betreuungseinrichtung besuchen, sondern jene, deren Eltern nicht für sie sorgen. Für feinfühlige Kinder ist die Klassenzusammensetzung in einer Tagesschule sicher entscheidender als für robuste Naturen. Aber ich bin überzeugt, wenn sie das schaffen, ist es eine Bereicherung.

Rohrbach: Das hängt extrem von der Lehrperson ab. Man kann sehr gute erwischen oder solche, die einem die ganze Freude an der Schule nehmen. Manchmal ist man als Eltern völlig hilflos, etwa weil Lehrer mit Konflikten in der Klasse nicht umgehen können. Wer hilft den Kindern und ihren Eltern dann?

Lemos: Gerade das ist ein Argument für Tagesstrukturen, weil in der Tagesschule auch andere Personen die Klassen betreuen. Es gibt viele Studien, die zeigen, dass Kinder von Tagesstrukturen profitieren.

Sie haben vorher von einem Eingriff in die Erziehungsverantwortung gesprochen, Frau Rohrbach. Greift der Staat heute schon zu viel ein?

Rohrbach: Ich sehe einfach, dass die Kinder immer früher eingeschult werden und dass ihr Pensum bereits im Kindergarten sehr gross ist. Der Staat kommt damit jenen, die arbeiten, entgegen. Das ist in Ordnung. Meiner Meinung nach werden die Bedürfnisse von Familien, die ihre Kinder daheim betreuen möchten, mit dem geforderten Obligatorium zu wenig berücksichtigt. Man darf diese Gruppe nicht vergessen.

Lemos: Diese Gruppe wird gut beachtet, sie ist omnipräsent. Es sind eher die Berufstätigen, die kaum Zeit haben, um sich Beachtung zu verschaffen. Lange Schulzeiten sind für Kinder kein Problem, das ist erwiesen. Für mich ist aber eine andere Frage zentral: Wenn Eltern nicht die Erziehungskompetenzen haben, die sie haben sollten, dann ist es wichtig, dass der Staat diesen Kindern Tagesstrukturen anbietet.

Rohrbach: Bei solchen Kindern sind Tagesschulen wahrscheinlich sinnvoll. Das Kind kann ja nichts dafür, wenn die Eltern nicht gut für es sorgen. Aber für mich ist das kein Argument, die Wahlfreiheit aller einzuschränken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.12.2014, 23:10 Uhr

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Arantxa Lemos

Die 38-Jährige hat zwei Kinder im Alter von 8 und 13. Sie studierte Jura, heute arbeitet sie mit einem 50-Prozent-Pensum als juristische Bibliothekarin in einer Anwaltskanzlei. Nebenbei studiert sie Philosophie und versucht sich dafür ein Pensum von 20 Prozent freizuhalten. Sie engagiert sich im Schulkreis Glattal im Elternkontaktgremium.

Karin Rohrbach

Die 42-Jährige hat zwei Kinder im Alter von 5 und 7. Sie studierte Modedesign und arbeitete danach in verschiedenen Branchen, zuletzt als Projektleiterin in einer internationalen Marketingagentur. Heute ist sie ehrenamtlich tätig, unter anderem engagiert sie sich im Spielgruppenverein und in der Hausfrauen- und Hausmännergewerkschaft.

Zürcher Tagesschulversuch

Sieben Schulen nehmen teil

Ab Sommer 2016 bieten sieben Stadtzürcher Schulen versuchsweise eine Tagesschule an. Die Kinder dort bleiben an jenen Tagen über Mittag in der Schule, an denen sie am Nachmittag Unterricht haben. Im zweiten Kindergarten sind das zwei Tage, in der Primarschule drei und in der Sek vier. Die Kinder erhalten dann in der Schule ein warmes Mittagessen. Gegessen wird mit den Klassenkameraden. Die Mittagspause ist kürzer als üblich, dafür ist bereits um 15 Uhr Schulschluss, in der Oberstufe um 16 Uhr. Wer auf eine längere Betreuung angewiesen ist, der muss wie heute einen Hortplatz buchen; dasselbe gilt für ein Mittagessen an Tagen, an denen der Nachmittag schulfrei ist. Die Tagesschule ist in den sieben Pionierschulen freiwillig; ab 2018 möchte die Stadt in weiteren Schulen eine obligatorische Tagesstruktur einführen. Dafür muss sie beim Kanton ein Gesuch einreichen. (leu)

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