Milde Strafe für Kindstötung

Eine junge Frau steht vor dem Bezirksgericht Horgen. Sie hat ihr Neugeborenes in einen Plastikeimer gesteckt, wo es später starb. Die Mutter soll mit anderthalb Jahren Gefängnis bedingt bestraft werden.

Hilfe für verzweifelte Mütter: 21 Kinder wurden in der Schweiz bisher in Babyfenstern abgegeben. Foto: Dominique Meienberg

Hilfe für verzweifelte Mütter: 21 Kinder wurden in der Schweiz bisher in Babyfenstern abgegeben. Foto: Dominique Meienberg

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Es sind absolute Einzelfälle, die sogenannten Kindstötungen. Dies ist dann der Fall, wenn eine Mutter ihr Kind während der Geburt oder solange sie unter dem Einfluss des Geburtsvorganges steht, tötet. So definiert das Schweizerische Strafgesetzbuch die Tat. Kindstötungen sind also nicht vergleichbar mit jenen Tötungsdelikten, bei denen Mütter ihre schreienden Säuglinge zu Tode schütteln (so genanntes Schütteltrauma) oder wenn die Babys oder Kleinkinder zu einem späteren Zeitpunkt getötet werden. Vor allem solche Fälle sorgten in der Vergangenheit für Schlagzeilen. Beispielsweise in Flaach und Horgen. In Flaach erstickte am Neujahrstag 2015 eine Mutter ihren fünfjährigen Sohn und die zweijährige Tochter im Schlaf, in Horgen brachte eine Mutter in der Nacht auf Heiligabend 2007 ihre knapp achtjährigen Zwillinge auf die gleiche Weise um. Hier handelt es sich um vorsätzliche Tötung oder Mord, für welche das Gesetz Strafen zwischen fünf Jahren und lebenslänglich vorsieht.

Kindstötungen dagegen werden verglichen mit anderen Tötungsdelikten privilegiert behandelt. Die Maximalstrafe beträgt lediglich drei Jahre. Das milde Strafmass hat verschiedene Gründe. Einerseits geht die Rechtssprechung davon aus, dass eine Mutter nicht mit der gleichen Härte bestraft werden soll wie ein Aussenstehender. Dies, weil ihr Selbstbestimmungsrecht wegen des Ausnahmezustandes während der Geburt herabgesetzt ist. Die Täterin muss also immer unter dem «Einfluss des Geburtsvorganges» stehen.

Das geringe Strafmass hat aber auch historische Gründe. So waren früher Schwangerschaftsabbrüche kaum möglich. Aussereheliche Schwangerschaften waren gesellschaftlich verpönt, und alleinerziehende Mütter waren sozial geächtet und hatten grosse wirtschaftliche Probleme.

Babyfenster in der Schweiz

Eine Statistik über Kindstötungen hat die Stiftung Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind (SHMK) auf ihrer Website publiziert. Demnach sind schweizweit in den Jahren 2011 bis 2015 drei Babys getötet worden. Zehn Babys sind im gleichen Zeitraum in Spitälern oder Babyfenstern abgegeben worden.

Laut SHMK-Präsident Dominik Müggler hat die Zahl der getöteten oder ausgesetzten Babys in den letzten 15 Jahren kontinuierlich abgenommen. So wurden zwischen 1996 und 2000 noch sieben Babys in der Schweiz getötet, danach sank die Zahl in den zwei folgenden Fünfjahresperioden auf zwei bis drei tote Babys. In den Sechzigerjahren gab es rund ein Dutzend Kindstötungen pro Jahr. Die SHMK, welche insgesamt sechs Babyfenster in Basel, Bellinzona Bern, Davos, Einsiedeln und Olten betreibt, schreibt diese positive Entwicklung zumindest teilweise dem Babyfenster zu. Das erste Babyfenster wurde 2001 in Einsiedeln initiiert. Die Stiftung Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind finanziert die Babyfenster und setzt sich für die Hilfe an Mütter in Not ein. Daneben gibt es noch zwei weitere, stiftungsunabhängige Babyfenster in Sion und im Spital Zollikerberg.

Das Babyfenster Zollikerberg in Zürich wurde 2014 eröffnet. Seither wurde dort einmal ein Baby abgegeben. Die Mutter hatte dabei den Namen des Kindes hinterlegt und sich kurz darauf telefonisch beim Spital gemeldet. So konnte das Kind bald zu seinen Eltern zurückgebracht werden. Bis heute sind in der Schweiz 21 Kinder in Babyfenstern abgegeben worden.

18Monate Gefängnis

Bei der Zürcher Staatsanwaltschaft für Gewaltdelikte, welche den aktuellen Fall behandelt, sind seit Bestehen der Amtsstelle in über 16 Jahren ganz wenige – circa zwei bis drei – Fälle von Kindstötung verzeichnet worden, wie Staatsanwalt Matthias Stammbach sagt.

Der Prozess von heute Mittwoch vor dem Bezirksgericht Horgen findet im abgekürzten Verfahren statt. Das heisst, die Frau ist geständig. Der Urteils­vorschlag von Staatsanwalt Matthias Stammbach sieht eine bedingte Strafe von 18 Monaten sowie eine Busse von 500 Franken vor. Laut Anklageschrift hat die im Bezirk Horgen wohnhafte 25-jährige Frau zwischen dem 14. und dem 15. Januar 2016 in der Wohnung ihrer Eltern Fruchtwasser verloren. Ohne einen Arzt oder ihre Eltern – die in der Wohnung waren – zu informieren, gebar sie das Kind im Badezimmer.

Im Kleiderschrank gestorben

Das Kind habe gelebt, aber an einer Lungenentzündung gelitten. Nach der Geburt kümmerte sich die Frau nicht um das Neugeborene. «Sie prüfte nicht einmal näher, ob das Kind lebte», heisst es in der Anklageschrift.

Stattdessen trennte sie die Nabelschnur durch und steckte das Baby in einen Plastikeimer. Diesen deckte sie mit Kleidern und Wäschestücken zu und stellte ihn in den Kleiderschrank ihres Schlafzimmers – «ohne sich in irgendeiner Form um das Kind zu kümmern». Das Kind ist nach frühestens 20 Minuten, vermutlich aber nach mehreren Stunden an den Folgen eines akuten Herzversagens gestorben.

Es ist unbekannt, wie man der Frau auf die Spur gekommen ist. Vermutlich hat ein Arzt oder ein Spital die Behörden informiert. Die Frau sass fünf Tage in Untersuchungshaft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2017, 22:26 Uhr

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