Millionenprofit, ohne einen Finger zu rühren

Guido Fluri ist eine schillernde Figur im Immobilienwesen. Der Spekulant kauft eine Siedlung und verkauft sie dann viel teurer an die Mieter weiter. Ein grosser Teil des Gewinns kommt Bedürftigen zugute.

Die Häuser in Greifensee sind sanierungsbedürftig – den Umbau werden die heutigen Mieter zahlen müssen.

Die Häuser in Greifensee sind sanierungsbedürftig – den Umbau werden die heutigen Mieter zahlen müssen. Bild: Sophie Stieger

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Von aussen sehen die in die Jahre gekommenen Wohnblöcke am Rand von Greifensee etwa so aufregend aus wie ostdeutsche Plattenbauten. Doch die unscheinbaren Fassaden bilden die Kulisse für eine Geschichte, die klingt, als sei sie einem Lehrbuch für Spekulanten entnommen: Da kauft einer für gut 30 Millionen Franken eine Siedlung voller günstiger Mietwohnungen, tut keinen Pinselstrich daran, verkauft sie aber nur ein Jahr später für 38 Millionen als Wohneigentum weiter. Ein Deal, der bei manchen Leuten Kopfschütteln auslöst. Aber was würden sie erst denken, wenn sie wüssten, wer dahintersteckt?

Die Spur führt nach Cham, in jene Steueroase am Zugersee, die laut der kapitalfreundlichen «Weltwoche» der attraktivste Ort der Schweiz ist. Von hier aus dirigiert der Immobilienunternehmer Guido Fluri ein Imperium, dessen Wert ihm zufolge mehrere Hundert Millionen Franken beträgt.

Einsatz für Krebskranke

Entgegen allen Klischees gibt sich der 44-Jährige aber nicht als öffentlichkeitsscheuer Finanzjongleur, der sich hinter einem Briefkasten versteckt, sondern als Menschenfreund, der bereitwillig Auskunft gibt über das, was ihm wichtig und richtig erscheint. Und der von sich sagt, dass er politisch «eher links» stehe. Er habe in seiner Karriere Hunderte Käufe und Verkäufe getätigt, und noch nie habe er eine schlechte Presse gehabt.

Fluri zeigt sich auch mal an der Seite einer Ex-Miss-Schweiz am Opernball, wenn es um die gute Sache geht: um seine eigene gemeinnützige Stiftung. «Ein Drittel aller Gewinne, die ich erziele, fliessen da hinein.» Das ist das Erste, was er gesagt haben will, als er auf seinen Immobiliendeal angesprochen wird. Die Stiftung setzt sich ein für Pflegekinder, Schizophrene und Krebskranke. Es sind alles Themen, die Fluris Biografie geprägt haben (siehe Infobox).

Mieter sind verunsichert

Für die Mieter an der Burstwiesenstrasse in Greifensee jedoch sind die Krebspatienten weit weg. Zwar traut sich kaum einer, mit Namen hinzustehen. Klar ist aber: Sie haben andere Probleme. Nicht wenige leben seit über 30 Jahren hier, zu einem Mietzins von etwa 1500 Franken im Monat. Sie wollen bleiben, sind aber keine Immobilienexperten – und deshalb stark verunsichert, seit die frühere Eigentümerin, die Axa Winterthur, im letzten Juni bekannt gegeben hat, dass sie die Siedlung an Fluri verkauft habe. Dies, nachdem sich die Mieter mit Erfolg gegen eine aufwendige Sanierung gesträubt hatten, weil sonst die Mietzinsen gestiegen wären.

Fluri kündigte als neuer Eigentümer sofort an, er werde alle 96 Wohnungen innert Jahresfrist als Wohneigentum veräussern. Dann unterbreitete er jedem Mieter ein Verkaufsangebot. Die Botschaft kam so an: Wer bleiben will, muss zahlen – um die 400'000 Franken.

Wegen der tiefen Hypothekarzinsen gehen die heutigen Mieter zwar davon aus, dass für sie vorerst geringere monatliche Kosten anfallen würden als heute, wenn sie das Angebot annehmen würden. Trotzdem haben sie offene Fragen. Ganz zuvorderst diese: Werden sie von einem Spekulanten unter Zeitdruck gesetzt und über den Tisch gezogen? Immerhin verlangt Fluri von ihnen einen viel höheren Preis für die Wohnungen, als er selbst bezahlt hat, ohne dass er die Gebäude instand gestellt hätte. Was wiederum bedeutet, dass die künftigen Wohneigentümer bald noch mehr eigenes Geld aufwerfen müssen – für die Sanierung ihrer vier Wände.

«Ich stehe politisch eher links»

Walter Angst vom Zürcher Mieterverband ist wenig überrascht von diesem Fall. Von Fluris Firma hat er zwar noch nie gehört, wohl aber von anderen Firmen, die solche Geschäfte machen. «Es kommt vermehrt vor, dass Raider gezielt Mietshäuser kaufen und sie kurz darauf mit Gewinn als Stockwerkeigentum wieder verkaufen», sagt er. Lukrativ sei das, weil Wohneigentum steuerlich begünstigt ist und die Hypotheken so billig sind wie nie. Käufer können unter diesen Bedingungen deutlich mehr bezahlen als Mieter – mit dem Resultat, dass das gleiche Haus als Kaufobjekt bis zu doppelt so viel Wert ist wie als Mietobjekt.

Guido Fluri, der in Greifensee allein dank dieser Preisdifferenz Millionen verdient, bezeichnet diese Art von Geschäften selbst als heikel. Vor allem wegen der drohenden Negativschlagzeilen. Er verstehe zu einem gewissen Grad sogar, dass sich die Leute empörten, wenn einer so viel Geld mache ohne eine ersichtliche Leistung. Aber ein schlechtes Gewissen habe er keines. Was er mache, sei «sozial verträglich». Er begründet das damit, dass er für die Wohnungen noch deutlich mehr hätte verlangen können. Er habe auch niemandem gekündigt und biete Hand für Lösungen, wenn jemand weiter als Mieter in seiner Wohnung bleiben wolle. Den Millionengewinn, den er einstreicht, rechtfertigt er mit dem Risiko, das er beim Kauf der Siedlung eingegangen sei. Und man dürfe nicht vergessen, dass ein paar Millionen via Grundstückgewinnsteuer an den Staat gehen (siehe unten).

Er warnt selbst vor Immobilien

Unter dem Strich bleiben für jene Mieter, die auf Fluris Hinwirken zu Wohneigentümern werden, zwei paradoxe Erkenntnisse. Erstens fliesst ein rechter Teil des Gewinns, den er bei ihnen abschöpft, nicht in seine eigene Tasche. Das Geld wird quasi umverteilt an Bedürftige – via Fluris karitative Stiftung und die öffentliche Hand.

Zweitens sind die heutigen Mieter wegen Fluri bald Teilhaber an einem Markt, vor dessen Risiken er selbst warnt. Es sei absurd, den boomenden Schweizer Immobilienmarkt als stabil zu bezeichnen, schrieb der Unternehmer in der «Bilanz». «Die Korrekturen kommen bestimmt!», mahnte er mit Blick auf Immobilienfonds und institutionelle Anleger. Bedroht von solchen Korrekturen wären laut einer Studie der UBS aber vor allem auch kleine Leute, die sich jetzt Wohneigentum kaufen, das sie sich unter «normalen» Zinsbedingungen gar nicht leisten könnten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2012, 10:11 Uhr

Der Unternehmer Guido Fluri. (Bild: PD)

Vom Heimkind zum Wohltäter

Der Erfolg ist dem Unternehmer Guido Fluri nicht in die Wiege gelegt worden – im Gegenteil: Als vaterloses Kind einer Mutter, die an Schizophrenie litt, wurde er als Kleinkind herumgeschoben und war im Heim. Als Erwachsener arbeitete er zunächst als Tankwart, ehe er in der Immobilienkrise der Neunzigerjahre antizyklisch investierte und damit Erfolg hatte. Heute engagiert er sich mit seiner steuerbefreiten Stiftung in Bereichen, die sein Leben geprägt haben, ihm zufolge aber «schlecht zu verkaufen» sind und in Vergessenheit zu geraten drohen.

So hat die Stiftung unlängst das Kinderheim im solothurnischen Mümliswil gekauft, an das Fluri unschöne Kindheitserinnerungen hat. Dort soll jetzt eine Ausstellung über Heim- und Verdingkinder entstehen. Die Stiftung finanziert zudem die historische Aufarbeitung der Zustände in schweizerischen Kinderheimen, dies in lockerer Zusammenarbeit mit der Zeitschrift «Der Beobachter». Ein zweites Tätigkeitsfeld der Stiftung besteht darin, mit Aufklärungsund Forschungsarbeit mehr Verständnis für Schizophrene zu schaffen. Ein drittes Feld ist der Kampf gegen besonders gefährliche Hirntumore – Fluri war vor einigen Jahren selbst an einem solchen erkrankt. Seine Stiftung unterstützt nicht nur Forschungsprojekte, sondern baut auch ein Tumorzentrum auf und bezahlt Krebskranken im Ausland, die keine Krankenkasse haben, die überlebensnotwendige Operation.

Spekulationsbremse unter Beschuss

Seit das Zürcher Stimmvolk vor sechs Jahren die Handänderungsgebühr abgeschafft hat, ist die Grundstückgewinnsteuer das einzige Instrument, das kurzfristigen Immobilienspekulationen entgegenwirkt. Die Steuer ist regressiv: Je länger ein Eigentümer eine Liegenschaft hält, desto geringer ist bei einem Verkauf der Anteil des Gewinns, den er an den Staat abliefern muss. Die Idee dahinter ist, den «unverdienten Wertzuwachs» abzuschöpfen – unverdient deshalb, weil er nicht auf eine Leistung des Eigentümers zurückzuführen ist.

Im Maximalfall beträgt die Steuer heute bis zu 60 Prozent des Profits. Dieser Fall tritt dann ein, wenn ein Eigentümer ein Haus nach weniger als zwei Jahren weiterverkauft. Viel zu hoch sind solche Tarife nach Ansicht des kantonalen Hauseigentümerverbands. Im letzten Sommer hat er daher eine Initiative lanciert, mit der er der Grundstückgewinnsteuer die Zähne ziehen will.

Am Beispiel von Guido Fluris Millionengeschäft in Greifensee zeigt sich allerdings, dass die Steuer auch zum heutigen Tarif die beabsichtigte Wirkung nicht zwingend entfaltet. Der Immobilienunternehmer verkauft trotz allem schon nach einem Jahr wieder. Er argumentiert, es lohne sich für ihn nicht, seine dortigen Liegenschaften länger zu behalten, um weniger Geld an den Staat abliefern zu müssen. Auf der anderen Seite würden nämlich höhere Unterhaltskosten zu Buche schlagen.

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