Mit Autobahndeckeln gegen den Dichtestress

Zürcher Politiker wollen Land auf Autobahnen gewinnen. Laut einer Studie des Bundes könnte man im ganzen Kanton auf solchen Überdeckungen bis zu 30'000 Personen ansiedeln. Doch rentabel wäre dies längst nicht überall.


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Die Bevölkerung des Kantons Zürich wächst Jahr für Jahr um rund 15'000 Personen. Die Frage ist, wohin mit all den Zuzügern? Auf dem Papier ist die Antwort einfach, 80 Prozent des Bevölkerungswachstums soll in der Stadt und in der städtischen Agglomeration stattfinden. So hat es der Kantonsrat in der Richtplandebatte im Frühling festgelegt. In der Realität herrscht aber Wohnungsnot, das Bauland ist in der Stadt begrenzt und darum sehr teuer.

Um das Platzproblem zu entschärfen, hat der Grünliberale Thomas Wirth zusammen mit Josef Wiederkehr (CVP) und Andrew Katumba (SP) die Autobahnen ins Auge gefasst. Wenn sie wenigstens teilweise überdacht würden, könnten auf den Deckeln neue Wohnbauten erstellt werden. Wirth sieht darin drei Vorteile: «Wir könnten neuen Wohnraum gewinnen, getrennte Ortsteile verbinden, und wir würden die Autobahnquartiere vom Lärm befreien.» Mit den vielen Autobahnen gebe es im Kanton ein grosses Potenzial für zusätzliches Bauland – besonders in der Stadt Zürich, im Limmattal, im Glattal und rund um Winterthur. Speziell geeignet seien Autobahnen, die durch Einschnitte führen, da sie nur gedeckt und nicht mehr tiefer gelegt werden müssten.

Müssen Nachbarn mitzahlen?

Mit einer Motion verlangt Wirth vom ­Regierungsrat, die Bauvorschriften und die Gesetze so anzupassen, damit solche Überdeckungen leichter realisiert und überbaut werden können. Dazu sei das neu gewonnene Land möglichst unbürokratisch einzuzonen.

In einem zweiten Vorstoss wollen Wirth und seine beiden Mitstreiter Auskunft zur Finanzierung von Überdachungsprojekten. Insbesondere schwebt ihnen vor, dass auch angrenzende Liegenschaftenbesitzer mitzahlen könnten, da ihre Häuser durch eine Überdachung «massiv an Wert zulegen». Weiter soll der Regierungsrat prüfen, ob Gemeinden zur Mitfinanzierung verpflichtet werden könnten.

Sechs Deckel rechnen sich

Dass Wirth mit seiner Idee grundsätzlich richtig liegt, zeigt die Studie «Mehrfachnutzung von Nationalstrassen», welche der Bund vor wenigen Tagen veröffentlichte. Darin wurden landesweit 98 Autobahnabschnitte mit einer Länge von je 500 Metern unter die Lupe genommen. Dabei haben die Experten die möglichen Überdeckungen nach Standortfaktoren, städtebaulichen Kriterien und der bautechnischen Realisierbarkeit bewertet. Das Resultat fiel zwar eher ernüchternd aus. Aber auf den 24 geprüften Abschnitten im Zürcher Autobahnnetz liessen sich immerhin rund 30'000 Personen ansiedeln. Sechs der Zürcher Abschnitte liessen sich zudem mit grosser Wahrscheinlichkeit rentabel überbauen. Der erste liegt beim Milchbuck, der zweite in Seebach, der dritte am Katzensee, Nummer vier und fünf in Kilchberg und Rüschlikon und der letzte in der Allmend Brunau. Auf diesen sechs Autobahndeckeln, liessen sich je nach Ausnützungsziffer auf dem neuen Land zwischen 2900 und 5000 Personen ansiedeln. Die restlichen 18 Zürcher Abschnitte liessen sich zwar auch realisieren aber kaum rentabel überbauen. Entweder wären die Baukosten zu hoch oder die zu erwartenden Mietzinsen zu tief. Insbesondere rund um Winterthur hat die Studie keinen attraktiven Abschnitt eruiert.

Für Thomas Wirth haben die Experten des Bundes zu konservativ gerechnet. So hätten sie die Kosten der Überdeckung überall voll den Investoren verrechnet. Wirth ist aber überzeugt, dass in vielen Fällen Nachbarn und Standortgemeinden mitzahlen werden. Seinem Vorstoss gibt er im Kantonsrat gute Chancen. «An dieser Idee müssten eigentlich alle interessiert sein.»

Feuerwehr auf der Autobahn

Neben der Einhausung der Autobahn in Schwamendingen, die demnächst gebaut wird, gibt es derzeit im Kanton Zürich noch ein zweites Deckelprojekt: Da das neue Westportal des neuen Gubristtunnels sehr nahe an die bestehende Wohnzone heranreicht, hat sich die ­Gemeinde Weiningen erfolgreich für eine Autobahnüberdachung eingesetzt. Im Herbst hat sie vom Bundesgericht recht bekommen.

Letzte Woche haben Weiningen, der Bund und der Kanton eine Absichts­erklärung unterzeichnet, in der sie sich auf eine Überdeckung von 100 Meter Länge einigten. Laut der «Limmattaler Zeitung» sollen darauf einstöckige Bauten erlaubt sein. Weiningen will aber keine Wohnungen, sondern ein Feuerwehr- und Werkgebäude bauen. Laut Studie wäre der Autobahndeckel in Weiningen auch kaum rentabel zu überbau­­en, zu hoch sind die Baukosten, zu tief das Mietzinsniveau an diesem Standort.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2014, 06:22 Uhr

Rüschlikon

Den Deckel, nicht die A3 begrabn

2007 sorgte ein Projekt in der Gemeinde Rüschlikon für Aufsehen. Unter dem Namen «Rosenmoos» trieb die private Genossenschaft für Mittelstandswohnungen ein Wohnbauprojekt voran, welches das Dorf verändert hätte. Auf der Landkarte und strukturell.

Auf der Landkarte: Die von der Autobahn A3 geteilte Gemeinde wächst zusammen. Ein Deckel auf einer Länge von 600 Metern entspricht Bauland für 600 neue Wohnungen.

Strukturell: Die neuen Ein- und Mehr­familienhäuser auf dem Deckel bieten Platz für 1500 bis 2000 neue Einwohner – das entspricht einem Drittel der bisherigen Bevölkerung. Der Wohnraum ist explizit für den Mittelstand gedacht.

2010 wurden die Pläne für das «Rosenmoos» begraben. Die 140 Millionen für die Erstellung und jährlich 1,2 Million Franken für den Unterhalt des neuen Tunnels bedeuteten das Ende. Seither war der Deckel in Rüschlikon kein Thema mehr. Dass sich dies aufgrund der guten Bewertung (3,71 von 5 möglichen Punkten) in der Studie des Bundes ändert, hält der Rüschliker Gemeinde­schreiber für unwahrscheinlich. (bra)

Stadt Zürich

Bummeln über der Autobahn

Der spektakulärste Autobahndeckel in der Stadt Zürich wird voraussichtlich 2022 gebaut sein: Die Einhausung Schwamendingen. Auf 940 Meter Länge wird die Autobahn zwischen Aubrugg und Schöneichtunnel umhüllt. So entsteht in sieben Meter Höhe ein 30 Meter breites Band, das begrünt wird und zum Bummeln und Verweilen einlädt – Überlandpark genannt. Wohnungen sind auf dem Deckel nicht geplant. Etwa 400 Millionen Franken kostet das Werk, wovon der Bund 56, der Kanton 25 und die Stadt 19 Prozent übernehmen. Zwei Autobahn-Überdeckungen gibt es in Zürich bereits: Entlisberg in Wollishofen und Eichrain in Seebach. In Wollishofen trägt der Deckel auf 550 Meter Länge Wiesen, Wald und Familiengärten; in Seebach Tennis- und Fussballplätze. Auf 580 Meter Länge soll in drei Jahren auch der Autobahn-Nordring beim Katzensee mit Wiesland gedeckelt werden, damit das Boomquartier Affoltern besseren Zugang ins Naherholungsgebiet und weniger Lärm hat. Stadt und Kanton haben das bereits bewilligt. Als SP-Gemeinderat wollte der heutige Hochbau-Stadtrat André Odermatt einst den SBB-Seebahngraben in Wiedikon überdecken, doch das Parlament lehnte aus finanziellen und städtebaulichen Gründen ab. (jr)

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