Mit Bildung gegen Armut

Max und Kathryn Robinson aus Lachen haben in Äthiopien eine Schule für Kinder von Kriegsveteranen gegründet. Sie gilt als eine der besten im Land.

Die jüngsten Zöglinge der Nicolas Robinson School: Kinder von äthiopischen Bürgerkriegsveteranen. Foto: Max Robinson

Die jüngsten Zöglinge der Nicolas Robinson School: Kinder von äthiopischen Bürgerkriegsveteranen. Foto: Max Robinson

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Es gibt nicht viele Staaten in Afrika, deren jüngere Geschichte mit Worten wie «hoffnungsvoll» oder «erfolgreich» beschrieben werden kann. Eine Ausnahme ist Äthiopien. 1991 lag das Land nach 17 Jahren Bürgerkrieg am Boden – heute ist es eine Demokratie. Es gilt als sicher und verhältnismässig stabil, auch wenn sporadisch Gewalt aufflammt. Und doch: Äthiopien ist nach wie vor eines der ärmsten Länder der Welt. Die Folgen der langjährigen Kämpfe und Hungersnöte sind noch lange nicht verdaut.

Besonders zu leiden haben Kriegs­veteranen: Männer und Frauen, denen Gliedmassen fehlen, die im Rollstuhl ­sitzen, die erblindeten oder schwer traumatisiert sind. Viele von ihnen haben Kinder – und auch sie leiden unter den Folgen des Krieges. Psychisch, aber auch wirtschaftlich. Die umgerechnet 14 Franken Rente, welche die Veteranen pro Monat vom Staat erhalten, reichen nirgendwo hin. Und selbst wer es schafft, Arbeit zu finden, kann oft das Schulgeld für die Kinder nicht aufbringen. Und so vererbt sich die Armut an die nächste Generation.

Das zu ändern, daran arbeiten Max und Kathryn Robinson. Das Paar, das in Lachen (SZ) wohnt, hat im äthiopischen Mekele eine Schule für Kinder aus benachteiligten Familien gegründet.

Spenden statt Kränze

Begonnen hat alles mit einem tragischen Unglück. 1996 starb Max Robinsons fünfjähriger Sohn Nicolas bei einem Bade­unfall. Die Anteilnahme war riesig, viele Menschen wollten Kränze und Blumen spenden – doch Nicolas’ Vater sagte sich: Dieses Geld kann für einen besseren Zweck genutzt werden. Er startete eine Sammlung und stiftete das Geld ­einer gemeinnützigen Organisation für Hilfsprojekte in Äthiopien, einem Land, das schon immer eine ferne Faszination auf ihn ausübte.

Zwei Paare, die in Äthiopien eine Schule eröffnet haben: Jean Paul Rigaudeau, Elizabeth Lopez-Rigaudeau, Max Robinson, Kathryn Robinson (v.l.n.r.). Foto Urs Jaudas

Gerne wäre er schon damals nach Äthiopien gereist, um sich selbst ein Bild zu machen – aber dem heute 60-Jährigen fehlte die Kraft, seine Ehe zerbrach. Der Traum von einer Äthiopienreise aber blieb. «Gleichzeitig fürchtete ich mich davor», gibt der gebürtige Brite zu. Bis er Kathryn traf, eine Landsfrau, die er von früher kannte. Beide hatten sie ­Chemie studiert. Beide hatte es aus ­beruflichen Gründen in die Schweiz ­verschlagen. Er erzählte ihr von seinen Träumen.Sie hatte Äthiopien schon 1995 bereist. Extrem einfach seien die Verhältnisse damals gewesen, sagt sie, es gab kaum eine nennenswerte Infrastruktur. Überall lag Kriegsschrott herum. Und dennoch fühlte sie sich wohl. Sie überzeugte Max, gemeinsam in das ­ostafrikanische Land zu reisen.

2002 flogen sie hin, besuchten Projekte, die er finanziert hatte. Und kamen in Kontakt mit der Kriegsveteranen-Organisation in der Region Tigray ganz im Norden des Landes. Für Max Robinson war es ein Aha-Erlebnis: «Als wir die Situation der Kinder und ihrer Eltern in Tigray sahen, wussten wir: Hier ­gründen wir eine Schule.» Unterrichtet ­wurden die Kleinen damals unter behelfsmässigen Unterständen, es gab kaum Mobiliar und Schreibmaterial. Zwei von fünf Kindern gingen gar nicht zur Schule, sei es, weil die Eltern das Geld nicht aufbringen konnten, sei es, weil es an einer Transportmöglichkeit fehlte. Aber die Menschen hatten sehr wohl Vorstellungen, wie und wo in Mekele eine anständige Schule gebaut werden könnte, hätten sie nur das Geld. Max und Kathryn hatten es.

Grundbildung ist das Wichtigste

Nur zwei Jahre später legten sie den Grundstein für die neue Schule, die nach dem verstorbenen Sohn Nicolas Robinson School heisst – und die vorerst «nur» aus einem Kindergarten bestand. Dahinter steckt die Überlegung: Nur wer eine Grundbildung hat, hat Zugang zur höheren Bildung. Den Kindergarten ­finanzierte das Paar aus der eigenen Tasche. «Wir wollten sicher sein, dass alles korrekt verläuft», sagt Robinson. «Hätte es nicht geklappt, hätten wir unser Geld in den Sand gesetzt, aber nicht das von Spendern. Andererseits hatten wir ein gutes Gefühl: Warum sollen Behinderte, deren Leben von der Zukunft ihrer ­Kinder abhängt, Geld stehlen?»

Erst als der Kindergarten in Betrieb war, gründeten die Robinsons die ­Stiftung Rainbows4Children. Sie heirateten, 2010 liessen sie sich frühpensionieren, um nur noch für ihr Projekt da zu sein – unbezahlt, sie leben von ihrer Rente. Die Nicolas Robinson School ist seither rasant gewachsen. Heute bietet sie alle Schulstufen bis zur High School an. Mehr als 1300 Kinder aus benachteiligten Familien besuchen sie. Jenen, ­deren Eltern das Schulgeld nicht auf­bringen können, vermittelt die Stif- tung ­Rainbows4Children Patenschaften. Rund 400 profitieren aktuell davon. Auch Kindern, die gesundheitliche Probleme haben oder deren Eltern in Schwierigkeiten geraten, versucht die Stiftung zu helfen. Die Schule hat eigens eine Frau angestellt, die das Wohlergehen der Kinder im Auge hat und wenn nötig den Robinsons Meldung macht.

Was die Robinsons besonders stolz macht: Ihre Schule gilt gemäss einem Rating der Regierung als eine der besten im Land. «Qualität ist enorm wichtig», sagt Kathryn Robinson, «das beginnt bei den Schulgebäuden. Wir haben von Anfang an Wert auf solide, schöne Bauten gelegt – denn es ist kaum möglich, einen hochstehenden Unterricht in einer erbärmlichen Umgebung zu erteilen.»

Ebenfalls aus Überzeugung setzten die beiden Gründer auf heimische Lehrkräfte und Angestellte: «Die Menschen in Tigray sehen die Nicolas Robinson School als ihre Schule, ihre Gemeinschaft an, der sie Sorge tragen und die sie pflegen.» Zwar helfen Freiwillige aus Europa und den USA bei der Ausbildung des Schulpersonals und in der Stiftungsadministration – aber sie alle arbeiten unentgeltlich. Das Geld, das die Stiftung aufbringt, fliesst vollständig in die Schule.

Projekt Berufsbildung

Nächstes Jahr werden die ersten Kinder ihre Ausbildung an der Nicolas Robinson School abschliessen. Etliche werden ­danach eine der über 30 Universitäten im Land besuchen können – aber längst nicht alle. Für sie hat die Stiftung ihr neuestes Projekt in Angriff genommen: Die praktische Berufsbildung. Etwas, was in Äthiopien bislang so gut wie unbekannt ist. Dabei suchen viele Betriebe händeringend nach guten Handwerkern. Mechaniker, Elektriker, Schreiner, Köche, Schneider, Hotelfachangestellte: Sie alle braucht das Land dringend. Wer eine solche Ausbildung vorzuweisen hat, hat gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Und damit auch gute Chancen auf eine Zukunft im eigenen Land.

Rainbows4Children sucht derzeit Berufsleute, die Lehrer in Äthiopien schulen. Ebenso gesucht sind Werkzeuge und Ausrüstung, um die künftigen Lehrlinge zu ­unterrichten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2015, 20:15 Uhr

Collection

Die Lösung

Schweizer Bildung für Afrika



Scholastica Sidina stammt aus Zimbabwe und unterrichtet Wirtschaft in der Schweiz. «Erzählen Sie uns von Afrika!», forderten ihre Schüler, und die Frau, die mit Anfang 40 noch aussieht wie Anfang 20, erzählte von den Lebensbedingungen in ihrer Heimat. Das Thema Bildung liegt der Lehrerin dabei besonders am Herzen. «Vielen afrikanischen Familien, insbesondere alleinerziehenden Müttern, fehlt das Geld, um ihre Kinder in weiterführende Schulen zu schicken.» Sidina selbst ist privilegiert aufgewachsen. Ihre Eltern schickten sie für die Matura nach Grossbritannien und für das Studium in die Schweiz. Heute lebt sie in Zürich.

Gemeinsam mit den Schülern überlegte Sidina, wie Schweizer den Menschen in Afrika helfen könnten. Einfach Geld zu spenden, sei nicht nachhaltig. «Das fördert die Faulheit», sagt Sidina. Besser sei, in Bildung zu investieren, um die Chancen der Menschen auf eine Zukunft im eigenen Land zu erhöhen. Nur so könne man erreichen, dass weniger Afrikaner auf der Suche nach Arbeit den gefährlichen Weg über das Mittelmeer nach Europa anträten.

Grosses Interesse in Sambia

Sidina benennt nicht nur Probleme, sie hat auch konkrete Lösungsvorschläge. Mit ihrem Verein Imfundo sammelt Sidina Spenden, um afrikanischen Kindern, insbesondere Mädchen, das Schulgeld zu bezahlen. Und sie organisiert im Sommer 2016 erstmals mehrwöchige Workshops in Sambia. «Dort ist die politische Lage stabil und die Regierung bereit, mit uns zusammenzuarbeiten.» Das Interesse bei der dortigen Bevölkerung ist riesig: 7000 Interessierte haben sich laut Sidina bereits für die kostenlosen Kurse in Chemie, Physik, Mathematik und Englisch angemeldet. Auch zu Microsoft-Programmen finden Schulungen statt. Die Themen sind mit dem Bildungsministerium abgesprochen, die Teilnehmer erhalten ein Zertifikat. In Sambia sei man froh um die europäischen Dozenten, da es vielen lokalen Lehrern an didaktischem Wissen fehle.

In den Workshops unterrichten vier ehemalige Schweizer Schüler von Sidina, die mittlerweile Studenten sind. Fehlt ihnen nicht das nötige fachliche und didaktische Wissen? Sidina verneint. «Sie haben alle einen sehr guten Maturaabschluss, und ich werde sie vorher coachen.» Sie setzt auf junge Dozenten, weil sie ihnen durch den Austausch mit den afrikanischen Schülern ein vertieftes Verständnis anderer Kulturen und Ethnien ermöglichen will. Weil der Andrang auf die Workshops so gross ist, sucht Sidina derzeit nach Schweizer Schülern, Studenten oder jungen Lehrpersonen, die sich vorstellen können, in Sambia zu einem vorgegebenen Thema zu referieren. Die Vorlesungssäle, die Sidina bereits gebucht hat, fassen bis zu 1000 Zuhörer. (mir)

Freitag, 20. 11., 18 bis 21.30 Uhr, Charity-Event mit afrikanischen Bands und Buffet, Pädagogische Hochschule Zürich, Lagerstrasse 2, Eintritt 80 Fr., Anmeldung via info@imfundo.ch oder 043 288 59 78.

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Max Robinson.

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