Mit über 70 eine WG gegründet

Kurz vor dem Tod ihres Mannes tat Rosmarie Keller einen mutigen Schritt: Sie nahm eine Studentin als Untermieterin bei sich auf.

«Ich habe ein siebtes Enkelkind gewonnen»: Rosmarie Keller mit ihrer Untermieterin Rahel Nutt. Foto: Andrea Zahler

«Ich habe ein siebtes Enkelkind gewonnen»: Rosmarie Keller mit ihrer Untermieterin Rahel Nutt. Foto: Andrea Zahler

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Wenn Rosmarie Keller zurückdenkt, daran, wie sie sich gefühlt hat vor einem Jahr, schüttelt sie den Kopf. «Nein», sagt sie, «das war so anders, so traurig.» Ihr Mann war krank und lebte seit einigen Monaten in einem Pflegeheim. Sie besuchte ihn häufig, blieb jeweils mehrere Stunden bei ihm. Abends kehrte sie in ihre leere Wohnung in Albisrieden zurück und fühlte sich einsam. Trotz ihrer grossen Familie, ihrer sechs Enkelkinder, ihres Freundeskreises. Plötzlich, sagt Rosmarie Keller, sei niemand mehr da gewesen, der so intensiv an ihrem Leben Anteil genommen habe wie ihr Mann.

Die Traurigkeit ist heute verblasst und die Leere aus ihrer Wohnung verschwunden. Rosmarie Keller sitzt am Esstisch in der hellen Küche, eine adrette Seniorin (75), die Kekse anbietet und während des Gesprächs Wasser in die Gläser nachfüllt. Ihr Blick ist offen, ihre Worte sind sorgfältig gewählt. Neben ihr sitzt Rahel Nutt im roten Sommerkleid, die langen Haare zusammengebunden. Sie ist 19, Studentin aus dem Fürstentum Liechtenstein und Rosmarie Kellers Untermieterin.

Eine ganz neue Erfahrung

Die beiden scherzen und erzählen Geschichtchen um Geschichtchen ihres Zusammenlebens. Wie Rahel verschlafen hat und deshalb fast den Start ihrer Vorlesung an der ETH verpasst hätte, oder dass sie gemeinsam den Fantasyfilm «Avatar» schauen wollten und Rosmarie nur durchgehalten hat, um Rahel eine Freude zu machen.

Ihre Gemeinschaft wirkt vertraut, ist aber ungewohnt, vor allem für Rosmarie Keller. Über 50Jahre hatte sie mit ihrem Mann zusammengelebt. Sie zogen drei Kinder gross, und als diese die ­elterliche Wohnung verliessen, waren sie wieder zu zweit.

Nie hatte Rosmarie Keller als Erwachsene mit jemand anders ihr Zuhause geteilt als mit ihrem Mann und ihren Kindern. Deshalb spricht sie auch von einem «mutigen, wohlüberlegten Entscheid», als sie beschloss, eine WG zu gründen – eine Idee, die viele ihrer Freundinnen mit einem Kopfschütteln quittierten. Sie fragten: «Willst du wirklich dein Badezimmer teilen?» Doch für sie war es wichtig, ihre Wohnung zu öffnen. Früher, sagt sie ruhig, habe sie mit der Familie in einer Dreizimmerwohnung gelebt, sie und ihr Mann hätten auf dem Klappbett geschlafen. Das sei auch gegangen. Heute braucht sie einen Zustupf an die Miete – und Gesellschaft.

Vermittlung durch Coiffeuse

Da Rosmarie Keller in einer Genossen­schaftssiedlung lebt, musste sie für die Untermiete das Einverständnis des Vorstands einholen. Das tat sie, noch während ihr Mann im Pflegeheim war. Als er im vergangenen August starb, hatte sie bereits ihre Untermieterin Rahel in Aussicht.

Zusammengebracht hat die beiden Rosmarie Kellers Coiffeuse, die auch Rahel Nutts Grossmutter kennt. Rosmarie Keller hatte in ihrem Bekanntenkreis erzählt, dass sie ein Zimmer vermieten wolle. Rahel Nutt wiederum suchte bereits intensiv. Sie startete vor einem Jahr ihr ETH-Studium in pharmazeutischen Wissenschaften. Die Wohnungssuche gestaltete sich schwierig, eine Bleibe war zu teuer, in einer anderen WG klappte es nicht.

Es sind Schwierigkeiten, mit denen Studenten in Zürich jeden Sommer kämpfen. Tausende Männer und Frauen werden im September an der Uni oder ETH ein Studium aufnehmen und ­suchen nun ein Zimmer. Fachstellen beschreiben die Lage als prekär. «Die Situation ist an­gespannt», heisst es von der Zimmer- und Wohnungsvermittlung der ETH und Uni Zürich. Sie werde sich bis zum Studienbeginn im September zuspitzen. Besonders schwierig sei es für Studenten, die aus dem Ausland nach Zürich kämen und nicht vor Ort seien, um etwas zu suchen. Der Wohnraum in der Stadt ist so knapp, dass die Beraterinnen empfehlen, sich in den umliegenden Gemeinden bis nach Winterthur umzusehen.

Engpass trotz Neubauten

Die Lage hat sich nicht entschärft, obwohl an verschiedenen Orten in Zürich grössere Überbauungen für Studentinnen und Studenten entstanden sind. Vor über drei Jahren öffnete auf dem Gelände der Uni Irchel ein Wohnheim mit 900 Zimmern. Vor kurzem weihte Zürich in der Nähe des Bahnhofs Altstetten das «Fogo» ein, ein Areal aus Container-Wohnungen, wo das Jugendwohnnetz 100 Zimmer vermietet. Der anhaltende Wohnungsmangel für Studierende ist zum Politikum geworden. Der Kantonsrat forderte die Regierung Anfang Juli auf, zu zeigen, wo auf dem Campus Irchel noch mehr Zimmer entstehen können. Nur die SVP und die GLP votierten gegen den Vorstoss.

Rosmarie Keller und Rahel Nutt bezeichnen es als «Glücksfall», dass sie sich gefunden haben. «Ich habe ein siebtes Enkelkind gewonnen», sagt Rosmarie Keller. Eines, das sie manchmal auch zur Ordnung mahnt, etwa wenn die Bettwäsche gewechselt werden muss. Es sind Mahnungen, die Rahel Nutt nicht stören. Bis vor kurzem lebte sie noch mit ihren Eltern und drei Brüdern im Haus in Balzers. Sie ist einen familiären Umgang gewohnt. Dazu gehört auch, Unstimmigkeiten offen anzusprechen.

Man kann sich die beiden gut vorstellen, wie sie abends am Küchentisch Karten spielen. Oder gemeinsam frühstücken, was sie jeden Morgen tun. Rosmarie Keller verwöhnt die Studentin. Unter der Woche gibt es Konfi-Brot und Milch, am Sonntag ein Ei – wenn Rahel in Zürich bleibt.

Erstellt: 12.07.2019, 22:22 Uhr

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