Mitarbeiter von Sozialbehörden leben gefährlich

Die Erschiessung der Leiterin des Sozialamts in Päffikon bildet den jüngsten Fall in einer langen Liste von Gewalttaten gegen Mitarbeiter im Sozialwesen.

Tatort Gemeindehaus: Die 48-jährige Leiterin des Sozialamtes Pfäffikon wurde gestern von einem Sozialhilfebezüger erschossen.

Tatort Gemeindehaus: Die 48-jährige Leiterin des Sozialamtes Pfäffikon wurde gestern von einem Sozialhilfebezüger erschossen. Bild: Markus Heinzer, newspictures

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Wer aufs Sozialamt, die Fürsorge- oder Vormundschaftsbehörde gehen muss, hat häufig grosse Sorgen und steht vor einem verkorksten Leben. Wenn dann noch Leistungen gekürzt werden oder eine Partnerschaft zerbrochen ist, kann das Fass überlaufen. «Dass Klienten bei uns im Büro laut werden, passiert häufig» sagt Sandra Walther, Leiterin der Sozialberatung Dietikon.

Wenns laut wird, kommt auf den meisten Sozialämtern ein Arbeitskollege hinzu. «Sobald Mitarbeiter Angst haben und Drohungen ausgestossen werden, rufen wir die Polizei», sagt Walther. In Dietikon kommt das etwa zweimal im Jahr vor. «Wichtig ist», sagt Sandra Walther, «dass wir keine Machtspiele betreiben, die Leute beruhigen und einen Streitpunkt auch mal im Raum stehen lassen.»

Wenn Sozialarbeiter betreut werden müssen

Auch in Winterthur werden die Mitarbeiter im Sozialdepartement seit ein paar Jahren psychologisch geschult. Laut Departementssekretärin und FDP-Kantonsrätin Regine Sauter wurde zudem eine Portierloge eingebaut, damit niemand unkontrolliert Zugang zum Sozialamt hat. Früher war es in Winterthur fast jeden Monat zu Drohungen und Sachbeschädigungen gekommen. Unter anderem wurden Stühle demoliert und Bilder von der Wand gerissen.

In der Stadt Zürich gibt es ausführliche Sicherheitskonzepte für die Sozialzentren. So sind die Büros meistens offen oder haben zwei Ausgänge, damit es für Klienten und Angestellte Fluchtwege gibt. «Psychische Gewalt ist bei uns die häufigste Gewalt», sagt Sprecher Guido Schwarz. «Sozialarbeiter können für Kunden zum Feindbild werden.» Bei den Zürcher Sozialzentren reagiert man darauf mit einem Wechsel der Ansprechperson und in heiklen Fällen mit einer Taskforce, in die auch die Polizei und der Stadtarzt involviert sind.

Nach einer Reihe von Zwischenfällen und Drohungen gegen Staatsangestellte werden jetzt auch die Gebäude der kantonalen Verwaltung in Zürich besser geschützt. Unter anderem werden in den Hauptgebäuden Portierlogen eingebaut. Die Personaleingänge lassen nur noch Einzeleintritte zu, um das «Nachschleichen» von Unbefugten zu verhindern.

Chronologie von Zwischenfällen

Die Fälle, in denen es in den letzten Jahren zu roher Gewalt und zu Opfern im Zusammenhang mit öffentlichen Institutionen gekommen ist, bilden eine lange und traurige Liste.

Mai 2011: Im emmentalischen Schafhausen wird bei der Zwangsräumung einer Wohnung ein Polizist erschossen.

2010: Der Fall Kneubühl in Biel hält die Schweiz in Atem, ein Polizist wird angeschossen. Kneubühl wehrte sich für sein Elternhaus und gegen einen Fürsorgerischen Freiheitsentzug.

2010: Eine Rechtsanwältin und Sportschützin exekutiert in Lörrach ihre Familie, bedroht Polizisten und schiesst in der Babyabteilung eines Krankenhauses wild um sich.

2007: In Meilen droht ein Mann, der in einen Scheidungskrieg verstrickt ist, mit einem Blutbad im Gerichtssaal.

2006: Eine vierfache Mutter verletzt einen Mitarbeiter des Sozialzentrums in Wipkingen mit einem Messer, weil sie ihre Kinder nicht mehr sehen durfte.

2004: In einem Amoklauf tötet ein Bauer in Escholzmatt 4 Menschen, unter anderem den Sozialvorsteher.

2001: Friedrich Leibacher erschiesst in Zug 14 Politiker und tötet sich selbst.

1999: Ded Gecaj erschiesst in St. Gallen den Lehrer Paul Spirig.

1998: Ein Sozialarbeiter wird in Schaffhausen spitalreif geschlagen.

1997: Ein Arbeitsloser ersticht die Sozialvorsteherin von Schötz LU.

1992: Ein Asylbewerber erschiesst den Asylkoordinator von Wohlen BE.

Erstellt: 16.08.2011, 07:13 Uhr

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