Moderne Zugsicherung hätte Unfall in Neuhausen verhindert

Eine moderne Zugsicherung hätte verhindert, dass der Thurbo in Neuhausen trotz Rotlicht losfahren konnte. Die SBB sagen, sie wollen nun handeln.

Rotlicht überfahren: Der Zugunfall in Neuhausen am Rheinfall.

Rotlicht überfahren: Der Zugunfall in Neuhausen am Rheinfall. Bild: Keystone

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Nun ist es offiziell: Die Kollision zweier S-Bahn-Züge beim Bahnhof Neuhausen vor einer Woche geht auf menschliches Versagen zurück. Der Lokführer des ausfahrenden Thurbo-Regionalzugs war zu früh losgefahren und hatte ein Haltesignal missachtet. Das teilte die Schweizerische Unfalluntersuchungsstelle (Sust) am Donnerstag mit.

Das Signal, rund 200 Meter vom Ende des Perrons entfernt, stand noch auf Rot. Trotzdem fuhr der Lokführer der Thurbo-Komposition am 10. Januar um 7.34 Uhr in Richtung Schaffhausen los. Als er das Haltesignal bemerkte, war es zu spät; der Lokführer leitete zwar noch eine Schnellbremsung ein und brachte seine Komposition so von rund 60 auf 1,2 Kilometer pro Stunde hinunter. Dennoch kam es zur Kollision mit der korrekt einfahrenden S 11, die mit 37 Stundenkilometern unterwegs war.

Tempo wurde nicht überwacht

«Die Kollision hätte der Lokführer nicht mehr verhindern können», sagte Walter Kobelt, Leiter Bahnen und Schiffe der Sust. Hätte ein moderneres Sicherungssystem den Unfall verhindert? «Ganz klar ja», erklärte Kobelt. Wie die SBB in ihrer Medienmitteilung betonen, haben die Sicherungssysteme in Neuhausen zum Zeitpunkt des Unfalls einwandfrei funktioniert. «Der Zug konnte das Haltesignal aber trotzdem überfahren», sagte Kobelt. Mit einem moderneren System mit Geschwindigkeitsüberwachung, wie es in vielen Bahnhöfen bereits in Betrieb ist, wäre dies nicht möglich gewesen.

In ihrem Unfallbericht wird die Sust Sicherheitsempfehlungen abgeben, die einen solchen Unfall in Zukunft verhindern sollen. «Der Fokus wird auf der Nachrüstung der Sicherheitssysteme in Neuhausen liegen. Denkbar sind aber auch Empfehlungen im Bereich des Einsatzes der Lokführer.»

Gespannt auf entsprechende Empfehlungen ist Hubert Giger, Präsident des Verbands Schweizer Lokomotivführer (VSLF). «Neuhausen muss jetzt rasch nachgerüstet werden, das ist klar. Aber ich würde mir wünschen, dass sich die Sust auch mit den Einsatzplänen der Lokführer oder dem Thema Pünktlichkeit befasst.»

Laut SBB-Sprecher Christian Ginsig hätte Neuhausen 2015 ein moderneres Sicherheitssystem mit Geschwindigkeitsüberwachung erhalten sollen, wie es bei 3200 Signalen installiert ist. Schon vor dem Unglück in Neuhausen hatten die SBB 2011 beschlossen, nochmals 50 Millionen Franken zu investieren, um weitere 1700 Signale an kritischen Punkten nachzurüsten. Neuhausen war einer davon. «Jetzt werden wir prüfen, ob wir die Umstellung vorziehen können.» Wie Ginsig betont, erfolgt die Nachrüstung auf Initiative der SBB. «Gemäss Bundesamt für Verkehr sind unsere Sicherheitssysteme in Ordnung.» Finanziert werde der Einbau der Geschwindigkeitsüberwachung durch Effizienzsteigerungen.

Bis 2017 werden alle Signale in der Schweiz auf das international normierte European Train Control System (ETCS) umgestellt. Für diese Technologieablösung sind rund 300 Millionen Franken vorgesehen.

Wie die SBB gestern Donnerstag bekannt gaben, wurden bei der Kollision vor einer Woche 26 Personen leicht verletzt – und nicht 17, wie es anfänglich hiess. Die Zahl hat sich gemäss SBB erhöht, weil sich einzelne Reisende erst nachträglich gemeldet hatten. Ein Mann ist noch in Spitalpflege.

Lokführer bleibt bei Thurbo

Der betroffene Lokomotivführer sei kurz nach dem Unfall in seine geplanten Ferien verreist, sagte Gallus Heuberger, Sprecher der Regionalbahn Thurbo, der Nachrichtenagentur SDA. Der Vorfall werde nun intern analysiert. Der Mann, der nach der Kollision psychologisch betreut worden war, bleibe aber Lokführer bei Thurbo.

Die beiden S-Bahnen waren im morgendlichen Pendlerverkehr auf einer Weiche rund 250 Meter vom Bahnhof entfernt zusammengestossen. Die einfahrende S 11 war gerade dabei, das Gleis zu wechseln, als es zur Kollision kam. Durch den Aufprall mit dem viel schwereren Doppelstockzug wurde die Thurbo-Komposition auf ihrem Gleis rund 20 Meter zurückgestossen. Im Thurbo sassen rund 80 Passagiere, die Doppelstock-Komposition war mit gegen 200 Reisenden besetzt. An den Zügen entstand ein Sachschaden von rund 1,5 Millionen Franken.

Die SBB-Konzernleitung hat zum Unfall eine interne Untersuchung eingeleitet. Ein externes Gutachten soll zudem analysieren, ob die bereits definierten Massnahmen und Vorgaben genügen; in diesem Rahmen sollen auch internationale Vergleiche angestellt werden.

Erstellt: 18.01.2013, 07:56 Uhr

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Gefährliche Verspätung

Es ist die älteste Masche in der Krisenkommunikation. Ist etwas nachweislich schiefgelaufen, kommt vom betroffenen Unternehmen postwendend die Botschaft: «Wir haben den Fehler erkannt – und tun etwas dagegen.»

Mustergültig haben das gestern die SBB durchgespielt. Kaum stand fest, dass das Überfahren eines Haltesignals zum Unfall von Neuhausen geführt hatte und eine moderne Zugsicherung das Unglück mit 26 Verletzten verhindert hätte, lancierte die Bahn den Konter. «Die Sicherheit hat für uns oberste Priorität», sagte Chef Andreas Meyer. Die Konzernspitze habe schon 2011 beschlossen, bei 1700 Signalen das alte Sicherheitssystem zu ersetzen – darunter jenes in Neuhausen.

Doch was sind diese Versprechungen wert? Der Fall Neuhausen lässt die SBB nicht im besten Licht erscheinen. Das Transportunternehmen hat im letzten Jahr die Strecke Bülach–Schaffhausen ausgebaut, um den Halbstundentakt zu ermöglichen. Es hat dazu Gleise verlegt, Viadukte verbreitert und an der deutschen Grenze millionenteure Lärmschutzwände aufgestellt. Die Zugsicherung in Neuhausen blieb aber die alte, obwohl seit Dezember ein Fünftel mehr Züge durchs Nadelöhr fahren. Für Experten ist klar, dass das ein grober Fehler war.

Noch fragwürdiger ist der Fall Döttingen, wo 2011 ebenfalls ein Lokführer ein Rotlicht missachtete und einen Unfall mit 16 Verletzten verursachte. Moderne Technik hätte auch dort das Unglück verhindert.

Die Untersuchungsstelle empfahl, die Sicherheitslücke zu stopfen und unverzüglich ein «zeitgemässes Zugsicherungssystem» einzubauen. Doch die SBB haben den Ersatz – mit Rückendeckung des Bunds – um Jahre vertagt. Hoffentlich muss Neuhausen nicht so lange darauf warten. (pak)

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