Mörgelis neuer Chef wollte die Doktorarbeiten nicht absegnen

Flurin Condrau hält wenig von Billig-Dissertationen der Mediziner. Um sie dennoch zu begutachten, musste sein bereits pensionierter Vorgänger einspringen – zum Teil in einer regelrechten Notfallübung.

Plötzlich fehlte Christoph Mörgeli ein Gutachter für die von ihm betreuten Doktorarbeiten.

Plötzlich fehlte Christoph Mörgeli ein Gutachter für die von ihm betreuten Doktorarbeiten. Bild: Keystone

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Die von Christoph Mörgeli betreuten Doktorarbeiten sorgen nicht erst seit einem Fernsehbeitrag der «Rundschau» für Diskussionen. Generell ist das Medizinhistorische Institut der Uni Zürich wegen seiner Dissertationen offenbar in die Kritik geraten. Jedenfalls schrieb Institutsdirektor Flurin Condrau in seinem Akademischen Bericht 2011: «Der neue Direktor wurde vom Fachverband Medizingeschichte gemeinsam mit Volker Hess (Berlin) sowie Fritz Dross (Nürnberg-Erlangen) gebeten, sich schriftlich zur Sicherung der Qualität medizinhistorischer Doktorarbeiten zu äussern.» Nicht überliefert ist, wie sich Condrau gegenüber dem Fachverband äusserte. Der 47-jährige, der die Institutsleitung vorübergehend abgegeben hat, war für den TA nicht erreichbar. Auch Christoph Mörgeli mochte sich nicht äussern.

Sicher ist: Nach dem Wechsel der Institutsleitung von Beat Rüttimann zu Flurin Condrau kam es vor zwei Jahren zu einem Problem. Der neue Direktor hielt nämlich wenig von den Dissertationen der Mediziner. Mehrere Dutzend solcher Arbeiten waren aber an seinem Institut am Laufen – zum Teil schon seit über zehn Jahren. Christoph Mörgeli allein konnte sie nicht absegnen, weil er nur Titularprofessor war. Als solcher durfte er Doktorarbeiten nur gemeinsam mit dem zuständigen Fakultätsmitglied begutachten. Doch Condrau weigerte sich – auch bei Dissertationen, die von anderen Institutsmitarbeitern betreut wurden.

Last-Minute-Begutachtung

So einigte man sich auf eine «Übergangslösung»: Der bereits emeritierte Beat Rüttimann sollte die Doktorarbeiten begutachten – auch wenn die Promotionsordnung dadurch etwas geritzt wurde. Rüttimann hatte bis Ende Januar 2012 Zeit. Ein Blick auf Christoph Mörgelis private Website zeigt, dass elf Dissertationen erst kurz vor dieser Deadline abgeschlossen wurden. Die letzte Arbeit sei am 31. Januar um 17 Uhr bei ihm eingetroffen, so Rüttimann gegenüber dem TA. Er habe sie noch am selben Abend begutachtet. Mindestens drei Doktoranden schafften es dagegen nicht mehr rechtzeitig, was Rüttimann sehr bedauert. Sie mussten ihre Doktorarbeit abbrechen oder einen neuen Referenten suchen, was eher schwierig gewesen sein dürfte.

Als Mitbegutachter trifft die Kritik der «Rundschau» auch Rüttimann. Er will sich aber nicht dazu äussern. Das Schweizer Fernsehen wirft ihm und Christoph Mörgeli vor, fragwürdige Doktortitel verliehen zu haben – «hauptsächlich für das Abschreiben von alten Texten». Konkret geht es um sogenannte Transkriptionen. Dabei werden alte Schriften entziffert und übersetzt. Mörgeli wehrte sich in der «Rundschau», dies sei durchaus eine wissenschaftliche Arbeit. Dies erfordere «eine ganze Menge Zeit und Mühe».

Auch andere Medizinhistoriker sehen in Transkriptionen eine aufwendige und wertvolle Arbeit. Für einen Doktortitel genüge das Transkribieren allein aber nicht. «Es braucht eine kritische Analyse dazu», sagt Hubert Steinke, Direktor des Instituts für Medizingeschichte an der Uni Bern. Sein Kollege Urs Boschung, der eine Zeit lang mit Mörgeli zusammengearbeitet hat, pflichtet dem bei – ebenso Vincent Barras, der das Medizinhistorische Institut der Uni Lausanne leitet.

Keine blosse Abschrift

Was aber genügt als Analyse? Keine einzige Dissertation, die Mörgeli betreut hat, besteht ausschliesslich aus einer Abschrift. Beigefügt wurde stets eine Einleitung sowie eine mehr oder weniger ausführliche Diskussion. Ob diese Erwägungen als Analyse genügen, muss im Einzelfall geprüft werden. Laut der Promotionsordnung der Medizinischen Fakultät der Uni Zürich muss erkennbar sein, dass der Doktorand fähig ist, ein wissenschaftliches Problem «zu erfassen, selbstständig zu bearbeiten und unter Berücksichtigung der aktuellen Literatur verständlich darzustellen».

War dies bei den von der «Rundschau» beanstandeten Dissertationen der Fall? Die Universitätsleitung hat die Medizinische Fakultät am Donnerstag beauftragt, «den Sachverhalt abzuklären». Wer die Untersuchung führt, wie und bis wann, wollte die Uni Zürich nicht sagen. Eine Genfer Plagiatsexpertin und Marketing-Professorin hatte eine unabhängige Expertenkommission gefordert.

Für den Berner Hubert Steinke ist bereits klar, dass zumindest zwei Dissertationen den Anforderungen nicht genügen. «Ich bin sehr erstaunt, dass sie in Zürich akzeptiert wurden», sagte er der Fernsehsendung «10 vor 10», die ihm die Doktorarbeiten vorlegte.Wohl um sich von solchen Arbeiten zu distanzieren, hat Flurin Condrau alle Dissertationsprojekte aus der Forschungsdatenbank des Instituts entfernt – nicht nur jene, die von Mörgeli betreut wurden. Dafür ist nun die Website des «Blicks» um ein Angebot reicher. Dort kann man einen Klingelton mit dem Spruch «Sind Sie eigentlich vom Aff bisse?» herunterladen. Mit diesen Worten hatte Christoph Mörgeli auf die Frage des «Rundschau»-Moderators reagiert, ob er nun als SVP-Nationalrat zurücktrete.

Erstellt: 30.03.2013, 07:30 Uhr

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