Mormonen ziehen ins Säuliamt

In Bonstetten werden ab kommendem Winter 120 Gläubige in der neuen Kapelle den dreistündigen Gottesdienst besuchen.

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Der schlanke Turm beim Bahnhof Bonstetten/Wettswil erweckt auf Anhieb den Eindruck eines Minaretts. Doch fehlt der Halbmond – überhaupt jedes Symbol. Später wird über dem Eingang ein schlichter Schriftzug anzeigen, welche religiöse Gemeinschaft hier zu Hause ist: die Mormonen. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (HLT) baut in Bonstetten ein neues Gemeindehaus mit Kapelle. Hier werden ab kommendem Winter sonntags jeweils gut 120 Personen zum Gottesdienst einkehren.

Anfänglich sei man in der Gemeinde dem Bauvorhaben schon mit einer gewissen Skepsis begegnet, sagt Christian Gräub, Pressesprecher der Zürcher Gemeinschaft. Insbesondere der Turm sorgte für einige Aufregung – weil man ihn für eine Handyantenne hielt. «Als wir dann versicherten, dass es sich lediglich um einen Turm ohne Lautsprecher und Glocken handle, legten sich die Vorbehalte aber schnell.»

Zu wenig Platz in Altstetten

Ähnlich unaufgeregt tönt es bei der Gemeindeverwaltung. Gemeindeschreiber Primus Kaiser sagt: «Wir haben geprüft, ob das Baugesuch die gesetzlichen Anforderungen erfüllt. Und ein paar weitere Fragen gestellt.» Das Projekt habe in der Gemeinde keine grossen Wellen geworfen. Man befürchte nicht, dass jetzt Bonstetten zum Mormonen-Zentrum werde. Auch Christian Gräub glaubt nicht, dass wegen des neuen Gemeindehauses zahlreiche seiner Glaubensgenossen in die Gegend ziehen: «Die gute Erreichbarkeit Bonstettens war ein gewichtiger Grund für unsere Standortwahl.»

Das neue Gemeindehaus löst das Zentrum in Zürich-Altstetten ab, das einst für 60 Leute konzipiert worden war und seit längerem zu eng ist. Die Mormonen leiden im Raum Zürich nicht unter dem allenthalben beklagten Mitgliederschwund religiöser Gemeinschaften, weil durch die vielen internationalen Unternehmen immer wieder amerikanische Mormonen zuziehen. «Wir sind denn auch eine sehr internationale Gemeinschaft», sagt Christian Gräub. Weitere Gemeindehäuser der Kirche Jesu Christi HLT im Kanton Zürich stehen in Schwamendingen, Dielsdorf, Wetzikon, Winterthur und Richterswil. Die Gemeinschaft hat landesweit 8000, im Raum Zürich rund 600 Mitglieder.

Platz für 200 Personen

Christian Gräub führt uns durch den Rohbau des neuen Gemeindehauses und erzählt dabei, wie der dreistündige Gottesdienst abläuft. Erst treffen sich die Gläubigen in der schlichten Kapelle zur gemeinsamen Abendmahlfeier. Eigentliche Priester kennen die Mormonen nicht. Durch die Zeremonie führen der Gemeindeleiter (Bischof ) und seine zwei Ratgeber. Die Kapelle bietet Platz für gut 200 Personen. In ihr werden künftig auch weltliche Ereignisse wie ein Tanzabend oder Theater stattfinden können. Und diese werden nicht Mormonen vorbehalten bleiben, handelt es sich doch nicht um einen Tempel, in den nur strenggläubige Mormonen Einlass haben. Danach verteilen sich die Gottesdienstbesucher in die Klassenzimmer zur Sonntagsschule. Dort wird altersgerecht und in Sprach- und Interessengruppen unter Anleitung eines Lehrers oder einer Lehrerin die Heilige Schrift gelesen und diskutiert. Danach treffen sich Frauen und Männer getrennt zu Gesprächen, die sich um die jeweilige Funktion in der Gemeinde drehen.

Christian Gräub verweist auf einen kleinen Pool. Ein Wellnessbereich im Gemeindezentrum? Wohl tun soll es schon – es handelt sich um das künftige Taufbecken. Die Mormonen taufen in der Nachfolge Johannes des Täufers durch Untertauchen und Kinder frühestens, wenn sie acht Jahre alt sind. «Sie sollen urteilsfähig sein und Gut und Böse unterscheiden können», erklärt Christian Gräub. Gängig ist auch die Erwachsenentaufe.

In der Gemeinde verankert

Christian Gräub ist ein besonnener Mensch und lässt sich auch kritische Fragen ruhig gefallen. Seine Familie gehört seit fünf Generationen zur Kirche Jesu Christi HLT. Seine Ururgrossmutter trat der Gemeinschaft 1897 bei und war eine der wenigen Schweizer Mormonen, welche damals das Land nicht in Richtung USA verliessen. Er arbeitet im Management einer kleinen Generalbauunternehmung und wohnt seit zehn Jahren in Wettswil und ist dort als Aktuar der Rechnungsprüfungskommission tätig. Seine vier Kinder besuchen die Dorfschule oder die Spielgruppe.

Mormonen fallen im Alltagsleben in der Regel nicht durch ihre Religionszugehörigkeit auf, obwohl diese ihnen persönlich einiges abverlangt. So war Christian Gräub, wie es seine Kirche verlangt, zwei Jahre als Missionar unterwegs. Er wurde ein Jahr nach der Auflösung der DDR nach Ostdeutschland geschickt und erinnert sich, wie schwer es ihm anfänglich gefallen ist, wildfremde Menschen anzusprechen. «Ich gewöhnte mich aber schnell daran. Danach kam es zu vielen interessanten Gesprächen.»

«Klösterliche Atmosphäre»

Heute ist er in der Gemeinschaft Lehrer, Chorleiter und Organist und hält in den Andachtsfeiern regelmässig Ansprachen. Einmal im Monat besucht er zusammen mit seiner Frau den Tempel in Zollikofen BE.

Auf die dort geheim gehaltenen und nur Strenggläubigen zugänglichen Zeremonien angesprochen, sagt er: «Es herrscht eine klösterliche Atmosphäre, die zu stiller Einkehr verhilft.» Als er das erste Mal den Mormonenstaat Utah in den USA besuchte, wunderte er sich, wie wenig gegenwärtig die Religion dort bei vielen ist. Man sei dort eben Mormone, wie man bei uns reformiert oder katholisch sei. «Wer hingegen bei uns Mormone ist, muss sehr überzeugt sein und sich in unserem Gemeindeleben engagieren.»

Erstellt: 17.05.2011, 07:36 Uhr

Gewährt Einblick ins neue Gotteshaus: Mormone Christian Gräub. (Bild: Nicola Pitaro)

Strenge moralische Vorschriften

Die Mormonen sind eine Glaubensgemeinschaft, die sich neben der Bibel zusätzlich auf das Buch Mormon berufen. Es soll ab 1827 dem 17-jährigen im US-Bundesstaat Vermont lebenden Joseph Smith vom Engel Moroni offenbart worden sein. Es sei auf dünnen Goldplatten eingeritzt gewesen und von Smith in göttlicher Eingebung ins Englische übertragen worden. Smith gründete 1830 die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.

Inhaltlich erzählt das Buch Mormon davon, dass einst mehrere israelitische Stämme Palästina verlassen hätten und nach Amerika gezogen seien, wo ihnen Christus zur Wiederherstellung seiner Kirche ein zweites Mal erschienen sei. Da der Kirchengründer Joseph Smith verfolgt und 1844 ermordet wurde, zogen viele Mormonen von ihren «Stammlanden» Missouri über die Rocky Mountains in den kaum besiedelten Westen, wo sie Salt Lake City und den Staat Desert (später Utah) gründeten.

Die Kirche Jesu Christi HLT ist eine Laienkirche und kennt keine bezahlten Geistlichen. Die Mitglieder sind angehalten, ein Zehntel ihres Gehalts der Kirche zu spenden. Mit diesem Obolus werden die Gemeindehäuser und Tempel bezahlt, aber auch humanitäre Projekte unterstützt. Die Gläubigen unterziehen sich strengen moralischen Regeln: kein Alkohol, kein Nikotin, kein Schwarztee und kein Geschlechtsverkehr vor der Ehe. Zudem wird von den jungen Männern erwartet, dass sie zwei Jahre lang als Missionare tätig sind und dabei den Kontakt mit ihren Angehörigen auf ein Minimum reduzieren. Die Familie hat bei den Mormonen einen hohen Stellenwert. Die von ihnen eifrig betriebene Ahnenforschung gründet darin, dass sie ihre verstorbenen Angehörigen nachträglich taufen wollen, um ihnen den Weg in den Himmel zu öffnen. Die einst akzeptierte Polygamie (Mehrfachehe) wurde bereits 1890 untersagt, was zur Abspaltung mehrerer kleiner Gruppen führte. Die mormonischen Glaubensgemeinschaften haben weltweit 13 Millionen getaufte Mitglieder, davon lebt rund die Hälfte in den USA.

TA-Sektenexperte Hugo Stamm bezeichnet die Mormonen als «neureligiöse Bewegung mit sektenhaftem Charakter». Für sektiererisch hält er die Heilslehre, wonach ausschliesslich Gläubige erlöst werden, die die strengen, teilweise unsinnigen Regeln befolgen müssen, die ihnen auferlegt werden. Allerdings hält Stamm den Mormonen zugute, dass Aussteiger zumindest formell leicht austreten können. Auch würden sich die Mormonen nicht vom allgemeinen gesellschaftlichen Leben abschotten.

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