Agglogemeinde macht sich zur Mozartstadt

Die historische Reiseroute des Wunderkinds durch die Schweiz soll zu einem Kultur- und Wanderweg werden. Während die Stadt Zürich kneift, zeigt man an unerwarteter Stelle Interesse.

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Spontan fällt einem wenig ein, was den Zürcher Vorort Schlieren mit Mozart verbindet. Und doch ist Schlieren die erste und bisher einzige Mozartstadt im Kanton. Am Samstag traf sich deshalb der Verein Schweizer Mozartweg im Alten Schulhaus in Schlieren.

Sein Ziel ist es, bis in zwei Jahren möglichst viele jener Ortschaften zwischen Genf und Schaffhausen, welche die Familie Mozart vor 250 Jahren auf ihrer Heimreise nach Salzburg querte, mit einer Stele auszuschildern. Im Jubiläumsjahr werden dann jeweils am Tag der Durchreise vor Ort Konzerte oder andere Aktivitäten stattfinden, die daran erinnern: Mozart war hier.

Im Sechsspänner durch Zürich

Mozarts waren zwischen 1763 und 1766 auf einer Konzertreise quer durch Westeuropa. Dabei entzückte das Wunderkind mit seiner fünf Jahre älteren Schwester Nannerl die «bessere Gesellschaft» und löste eine eigentliche Mozart-Manie aus. Im Sommer 1766 traten sie die Heimreise an – «Wolferl» war damals zehn Jahre alt.

Sie reisten im Sechsspänner von Genf in Richtung Lausanne, wo die Kutsche «gekidnappt» wurde, damit das Wunderkind in der Stadt Halt macht. Weiter ging es über Bern, Brugg und Baden nach Zürich, wo die Mozarts im Gasthaus zum Schwert am Weinplatz wohnten und in Salomon Gessner einen neuen Freund fanden.

Der Knabe, der auch als «Virtuos in der Composition» verblüffte schrieb auf die Rückseite eines Protokollbogens ein kleines Klavierstück (KV 33B), das er wohl auch gleich uraufführte. Dann ging es weiter über Wallisellen nach Winterthur, über Andelfingen nach Schaffhausen.

Zürich und Winterthur noch keine Mozartstädte

Es gäbe in der Schweiz knapp 120 Ortschaften, die sich als Mozartgemeinden bezeichnen könnten. Elf tun es bereits – in unserer Region sind es Schlieren und Baden. Vier kommen noch dieses Jahr dazu: Brugg, Schaffhausen und die beiden Grenzorte Dardagny bei Genf, wo die Familie Mozart erstmals den Boden der heutigen Schweiz betrat, und Schleitheim, wo sie ihn wieder verliess.

Doch ausgerechnet an jenen Städten, bei denen über den Aufenthalt der Mozarts Genaueres bekannt ist, beissen sich die Initianten die Zähne aus: In Zürich und Winterthur, aber auch in Bern und Lausanne.

Woran liegt es? Christina Kunz, Präsidentin des Vereins, schüttelt den Kopf: «Das lässt sich schwer sagen. Wir waren offensichtlich noch nicht zum richtigen Zeitpunkt bei der richtigen Person.»

Personen, die nicht «lugg» lassen

Eigentlich wäre das Aufstellen einer solchen Stele keine Staatsaffäre. Es braucht etwa 5000 bis 6000 Franken und einen Standort. «In erster Linie braucht es aber eine Person vor Ort, die sich dafür einsetzt», hat Christina Kunz mittlerweile erfahren.

Was Schlierens Stadtpräsident Toni Brühlmann bestätigt. Ihm ist anfänglich das Zusammentreffen von Mozart und Schlieren auch «etwas fremd» vorgekommen, doch dann war da diese Person, die nicht «lugg» liess. In Schlieren war es Peter Daniels, ein gesangsbegeisterter, pensionierter Ökonom, der das Unternehmen Mozartstele erfolgreich verfolgte.

In Brugg sind es zwei vor kurzem pensionierte Lehrerinnen aus Ennetbaden, Silvia Meier und Marie-Claire Schumacher, die sich dafür ins Zeug legten und demnächst eine Stele unweit des Roten Hauses in Brugg einweihen können. Sie haben bereits zwei weitere in Aussicht – und hoffen auf Nachahmerinnen und Nachahmer, denn bis 2016 gäbe es noch einige Orte ins Boot zu holen.

Schulreise mit Wunderkind

Die Stelen sind äusseres Zeichen eines weiter führenden Ziels. Der Verein will vor allem jungen Leuten die klassische Musik näher bringen. «Gerade weil in den Schulen der Musikunterricht immer weniger Gewicht hat, braucht es solche Anstösse von Aussen», ist die Cemabalistin Christina Kunz überzeugt. Daher stellt der Verein auch Material für Schulreisen im Zeichen Mozarts zur Verfügung.

Dass der Mozartweg nicht eine Schrulle einiger Klassik-Liebhaber ist, zeigt auch, dass die Direktorin des Österreichischen Kulturforums, Ilona Hoyos an dem Treffen in Schlieren teilnahm und verschiedentlich anbot, Kontakte zu vermitteln. So etwa zum europäischen Mozartweg, der seit 2002 einer der gut dreissig Kulturwege des Europarates ist, zu denen auch der Jakobsweg gehört. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.09.2014, 21:00 Uhr

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