«Müssen sich Mütter heute denn schämen, wenn sie nicht arbeiten gehen?»

Ellen Ringiers klare Äusserungen zu Tagesschulen und Kinderbetreuung durch Mütter sorgen bei den Lesern von Tagesanzeiger.ch für rote Köpfe. Die Rolle der öffentlichen Hand ist dabei das geringste Problem.

Essen in der Schule nur im Hauswirtschaftsunterricht? Die Forderung nach Tagesschulen sehen viele Leser kritisch.

Essen in der Schule nur im Hauswirtschaftsunterricht? Die Forderung nach Tagesschulen sehen viele Leser kritisch. Bild: Keystone

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Mit zwei provokativen Aussagen liess sich Ellen Ringier in einem Artikel zur Notwendigkeit von Tagesschulen zitieren. Einerseits meinte sie, Kinder würden in Gesellschaft von Gleichaltrigen besser sozialisiert als zuhause. Andererseits glaubt sie, Mütter wehrten sich gegen ganztägige Betreuungsangebote, weil «sie ihnen die einzige substanzielle Rechtfertigung für ihren Tagesablauf entziehen würden.»

Die Frage, ob Tagesschulen nun sinnvoll oder unsinnig seien, wurde denn von den meisten Kommentarschreibern nur am Rande beantwortet. Für viel mehr Aufruhr sorgten die beiden Aussagen Ringiers, welche oben genannt wurden.

Viele Leser orteten in Ringiers erster umstrittener Aussage einen geplanten Zwang, seine Kinder künftig in die Obhut des Staates zu geben. «Müssen sich Mütter heute denn schämen, wenn sie nicht arbeiten gehen und sich um ihre Kinder kümmern wollen?» fragt sich Markus Keller.

Staat nimmt die Kinder weg

Hans P. Grimm sieht gar ein System hinter dem Begehren: «Warum in Gottes Namen will uns der Staat die Kinder immer mehr entziehen?» Die Antwort liefert Markus Hof: «Die Wirtschaftsbosse wünschen mehr Arbeitnehmer. Also schicken wir unsere Kinder in die Obhut der Politiker und ihrer Pädagogen.» Manche machen sich Sorgen ums emotionale Wohl ihrer Kleinen, wie Markus Keller: «Die Aufmerksamkeit und Liebe von Mutter und Vater kann auch eine universitär ausgebildete Betreuung niemals ersetzen.»

Anders sehen dies Leser, die selbst Tagesschulen erlebt haben. «Viele, die ich kenne, sind wie ich als Kinder in Krippen oder Tagesschulen betreut worden», erklärt Grace Feldmann. «Wir sind weder blöder, gestörter, noch vernachlässigter als solche, die den ganzen Tag bei Muttern waren.» Dominique Ni Ghra schreibt, ihre Eltern hätten schon in den 60er Jahren einen Ganztageskindergarten in der Stadt gegründet. Dies sei insbesondere nötig, da Kinderhaben mittlerweile ein Luxus sei: «Daher wohl auch die niedrige Geburtenrate.»

«Eine üble Unterstellung»

Auch unter den Befürwortern ist aber klar: Einen Zwang zum schulischen Mittagstisch darf es nicht geben. «Es sollte jedem freistehen, zu wählen», meint Alex Rios. Wenn eine Betreuung über Mittag aber aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich sei, brauche es Angebote. «Was soll das negative Gequatsche über Tagesschulen?», fragt er sich. Und Claudia Lang gibt zu bedenken, dass ein heimischer Mittagstisch noch lange nichts Positives sein müsse. «Nur weil eine Mutter zuhause ist, heisst dies noch lange nicht, dass sie für die Kinder da ist.»

Ringiers Aussage, die Mütter wehrten sich nur gegen Betreuungsangebote, weil es ihnen die Berechtigung für ihren Tagesablauf nehme, stösst zwar einigen sauer auf. «Das ist eine ganz üble Unterstellung», meint Robert Scherrer, stellvertretend für viele andere. Dennoch stösst Ringiers Zitat auch bei vielen auf Zustimmung.

Marc Zufferey fragt sich, ob sich Frauen überhaupt ernsthaft aus ihrer traditionellen Rolle befreien wollen. «Die Anzeichen verdichten sich, dass sich viele in ihrem Vorstadt-Biotop ganz wohl fühlen.» Auch Elias Truttmann glaubt, dass das Muttersein vielen den Druck nimmt, einer Arbeit nachzugehen. «Schaut mal zwischen neun und elf oder zwischen 14 und 16 Uhr in einem hübschen Café vorbei, dann wisst Ihr, was ich meine.»

«Cool und entlastend»

Die Finanzierung von Tagesschulen ist vielen Lesern ein zusätzlicher Dorn im Auge. Einige befürchten, dass dies nur die Unselbstständigkeit von Eltern fördere. «Eine einkommensabhängige Finanzierung von Tagesschulen schafft wieder einen Anreiz mehr, sich nicht um eine Ausbildung und ein ausreichendes Auskommen kümmern zu müssen», meint Loredana Gavioli.

Anders sieht dies Marco Schneiter. Ihn ärgert, wenn einige «Supermütter und -väter», die offenbar genug verdienen, bestimmen wollen, wie andere ihre Kinder zu erziehen haben. «Die Kinder meiner Freundin gehen einmal in der Woche in die Tagesschule. Für sie ist es cool und für uns entlastend.»

Nur wenige Leser nehmen das Thema mit Humor. Gion-Duri Mengold etwa sieht einen klaren Vorteil: «Vom gesundheitspolitischen Standpunkt her betrachtet, wäre es das beste, die Kinder würden in der Schule essen. Welche junge Mutter kann denn heute noch kochen?»

Erstellt: 31.01.2012, 12:40 Uhr

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