Musik Hug: Schrumpfen, um zu überleben

Einst gehörte das Zürcher Musik-Haus zu den grössten CD-Geschäften Europas. Nun braucht das Familienunternehmen neue Strategien, um nicht unterzugehen.

«Ich packe gerne neue Sachen an»: Erika Hug in der Musik-Hug-Werkstatt. Foto: Reto Oeschger

«Ich packe gerne neue Sachen an»: Erika Hug in der Musik-Hug-Werkstatt. Foto: Reto Oeschger

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Man sieht es Erika Hug an, wie sehr sie die Situation belastet. Und sie muss sich räuspern, bevor sie das Wort «Massenentlassung» sagt. Letzten Monat wurde bekannt, dass Musik Hug drei der neun Filialen schliessen wird. Und voraussichtlich 85 von 230 Stellen gestrichen werden. Im Raum Zürich wird das Musikhaus Jecklin, das seit 2003 zu Musik Hug gehört, vom Pfauen ins Stammhaus ans Limmatquai zügeln, der Flügelsaal in Bülach bleibt. «Es ist keine schöne Zeit», sagt die Chefin des Familienunternehmens.

Die Musikbranche ist in der Krise, obwohl noch kaum je so viel Musik gehört wurde wie heute. Auch zeigt die Statistik, dass im Kanton Zürich die Zahl der Kinder, die Musik machen oder in einem Chor mitsingen, stetig zunimmt: Vor fünfzehn Jahren besuchten 63'000 Kinder einen Kurs an einer Musikschule, letztes Jahr waren es über 70'000.

Tablets auf dem Notenpult

Wie passt das zusammen? Erika Hug verweist auf die Familiengeschichte. 1807 gilt als Gründungsdatum des Unternehmens, das als Musiknoten-Verleihanstalt begann. «Gerade die Noten verschwinden in rasantem Tempo als physisch vorhandene Blätter», sagt sie. Im Schweizer Markt geht man von einem Einbruch um 35 Prozent in den letzten zehn Jahren aus. Das bedeutet für Musik Hug eine Einbusse von rund acht Millionen im gleichen Zeitraum. Erika Hug erzählt von einem Hauskonzert, dem sie kürzlich beigewohnt hat. Die beiden Pianisten hatten ihre Tablets auf dem Notenpult stehen. Ihr Kopfschütteln drückt zweierlei aus: Konsternation und Faszination.

Es war Erika Hug, die in den 1980er-Jahren von einer Japanreise die Idee heimbrachte, die Musiknoten wie Bücher aufzureihen und so den Kunden die Möglichkeit zu geben, selbst darin zu stöbern. Zuvor waren die Partituren und Notenblätter auf drei Stockwerke des Hauptgeschäfts verteilt und auf Brettchen gestapelt, zu denen nur das Per­sonal Zugriff hatte. Noten werden künftig bei Hug nur noch im Stammhaus am Limmatquai und im eigenen Webshop verkauft – und dort muss man sich gegen den Marktleader Amazon durchsetzen.

Das CD-Geschäft implodierte

Es war auch Erika Hug, die weit herum als Erste das Potenzial des neuen Ton­trägers Compact Disc erkannte und CD-Shops eröffnete. «Der Boom war gewaltig», erinnert sie sich. Anfang der 1990er-Jahre gehörte Musik Hug an der Bahnhofstrasse zu den grössten CD-Geschäften Europas. «Der Verkauf ist aber in den letzten Jahren noch viel schneller eingebrochen, als er einst aufkam.» Hug spricht von einer «Implosion». Vor fünfzehn Jahren errechnete die Branche für die Schweiz noch einen Umsatz von über 500 Millionen Franken aus dem CD-Geschäft, er liegt heute bei gerade noch 40 Millionen Franken, der zu einem grossen Teil über den Versand erzielt wird.

Auch die CDs wandern deshalb bei Musik Hug aus den Gestellen weg und in den eigenen Onlinehandel. Was wird denn im Ladengeschäft überhaupt noch zu sehen sein? «Ganz genau wissen wir das noch nicht», sagt Erika Hug. Und als sie zu erzählen beginnt, wie sie das Familienunternehmen in die Zukunft führen will, rückt sie ihren Stuhl zurecht, und ihre Miene hellt sich auf. Gegen Schluss des Gesprächs wird sie sagen: «Ich packe gerne neue Sachen an.»

Das Mädchen in der Chefetage

Erika Hug war 28 Jahre alt und hatte nach dem Handelsdiplom eine Ausbildung zur Werbefachfrau absolviert, als ihr Vater, ein ausgebildeter Klavier­pädagoge, ihr eröffnete, dass er das Geschäft verkaufen wolle. Dass die Tochter dort einsteigen könnte, war ihm gar nie in den Sinn gekommen. Ein Mädchen! Dieses «Mädchen» war damals drauf und dran, die Kunst zu ihrem Beruf zu machen, hatten doch bereits Bilder von ihr im Helmhaus in der Ausstellung prämierter junger Zürcher Künstlerinnen und Künstler gehangen. «Ich übernehme das Geschäft», sagte sie ihrem Vater. Das war im September 1973. Und sie führte es gegen die Widerstände der Herren der Chefetage, die auf dem beharrten, «wie es schon immer war», in die ­Moderne.

Dass es schwierig und manchmal schmerzhaft ist, alte Zöpfe abzuschneiden, hat Erika Hug noch nie abgeschreckt. Dass man die Entwicklung, die eine Sache nimmt, nicht immer gut findet und trotzdem mit der Zeit gehen muss – in der Lage befindet sie sich im Moment. «Wir sind ein kommerzielles Unternehmen», sagt sie. «Einfach so weitermachen, ist keine Option.» Und das Geschäft zu schliessen, sei ohnehin die teuerste Lösung.

Ihre Strategie heisst: «Piano plus». «Wir konzentrieren uns auf unsere Stärke, die Tasteninstrumente.» Musik Hug hat die Generalvertretung für Steinway in der Schweiz. Und das «plus» meint vor allem Saiteninstrumente – Geigen und Gitarren. Beim Handel mit Musikinstrumenten zähle die Beratung und das Probespielen. Auch schon mässig Ambitionierte ordern daher ihr Instrument selten per Versand im Ausland. «Abgesehen davon, dass in dem Bereich die Preisunterschiede gar nicht so gross sind.» Hug wird also Tasten- und Saiteninstrumente vermieten und verkaufen, reparieren und restaurieren.

Stille Geigen aus Karbon

Im Laden werde man daher vor allem Instrumente sehen – «zum Anfassen und Ausprobieren». Und dann wolle man auf die neuen Trends reagieren: Im Moment sind Plug-in-Instrumente, computerunterstützte Instrumente wie elektronische Pianos oder Silent-Geigen stark im Kommen. «Da kann man bis zehn Uhr ganz normal spielen, und auf Knopfdruck hört man die Musik nur noch im Kopfhörer.» – Wieder diese Mischung zwischen Konsternation und Faszination.

Auch gebe es neue Instrumente aus Kohlenstofffasern: «Diese sind nicht zu töten.» Nach kurzem Zögern sagt sie lachend: «Das ist allerdings nicht gerade geschäftsfördernd.»

«Ich finde, jedes Kind sollte einmal die Möglichkeit bekommen, ein Instrument in die Hand zu nehmen»

Und was geschieht mit dem Kindermusikladen? Der ist – abgesehen von ihrem Sohn – Erika Hugs Lieblingskind. Der Laden wurde von ihr in den 1990er-Jahren aufgebaut. Bereits 1982 hatte sie die Stiftung «Kind und Musik» gegründet, welche viel bewegt hat. Die Stiftung begann damit, Kinderkonzerte zu organisieren – ein Novum damals, das schnell Schule machte. Das jüngste Projekt heisst «Klassenmusizieren».

«Ich finde, jedes Kind sollte einmal die Möglichkeit bekommen, ein Instrument in die Hand zu nehmen», sagt sie. Und nein, das sei nicht allein die Aufgabe der Eltern, sondern der Schule. Und nein, dabei habe sie nicht nur die zukünftigen Kunden vor Augen. «Musik ist einfach gut für die Seele.»

Sohn Julian ist 27 Jahre alt, hat schon in Mutters Firma gejobbt und kann sich vorstellen, dass er in einiger Zeit das Familienunternehmen übernehmen wird. Er wäre dann die siebte Generation. Natürlich würde das seine Mutter freuen. Aber Eile hat es nicht. Sie arbeite gerne, sagt Erika Hug. Und das ist der Moment, in dem sie sagt: «Ich packe gerne neue Sachen an.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.11.2016, 20:18 Uhr

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