Muslim-Mädchen schneiden in Sporttest am schlechtesten ab

Eine ETH-Studie bei 600 Winterthurer Primarschülern zeigt: Kinder aus Südosteuropa sind im Durchschnitt weniger geschickt und weniger beweglich als ihre Schweizer Schulkollegen.

Gefälle nach Religionen: Reformierte, katholische oder konfessionslose Mädchen haben beim Sporttest der ETH die Nase vorn.

Gefälle nach Religionen: Reformierte, katholische oder konfessionslose Mädchen haben beim Sporttest der ETH die Nase vorn.

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Das bosnische Mädchen ist weniger geschickt und weniger sportlich als der Schweizer Junge, mit dem es in die gleiche Klasse geht. Und der albanische Junge zeigt tendenziell weniger Leistung im Turnunterricht als sein Kollege aus Deutschland. So lassen sich die Ergebnisse einer Studie deuten, die das Institut für Bewegungswissenschaften der ETH Zürich durchgeführt hat. Das Institut hat in Winterthur 600 Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse in ihrer Entwicklung begleitet. Jedes Jahr haben die Buben und Mädchen dieselben Tests absolviert, die Aufschluss über Kraft, Koordination und Beweglichkeit geben. Nun sind die Ergebnisse nach Herkunft der Eltern, Muttersprache und Religion der Kinder ausgewertet worden.

Dabei schnitten die Kinder aus Südosteuropa markant schlechter ab als ihre Schweizer Kolleginnen und Kollegen. Noch ausgeprägter ist das Gefälle, wenn die Testresultate nach Muttersprache ausgewertet werden. Deutschsprachige Kinder weisen die viel besseren Resultate aus als fremdsprachige. Auch bei der Analyse nach Religionszugehörigkeit haben mitteleuropäische Kinder, die in der Regel reformiert, katholisch oder konfessionslos sind, die Nase vorn. Islamische Kinder sind im Durchschnitt weit weniger sportlich. Besonders ausgeprägt ist dies bei den Muslim-Mädchen. Ihre Resultate verschlechterten sich über vier Jahre sogar, während die Knaben eher besser abschnitten.

Andere Schönheitsideale

Die Abweichungen von bis zu 0,2 gegenüber dem Mittelwert 0 sind laut Studienleiter Andreas Krebs «beträchtlich, aber nicht weiter erstaunlich». Sie seien teilweise auf den kulturellen Hintergrund dieser Kinder zurückzuführen. «Eltern aus südosteuropäischen Ländern haben oft einen anderen Zugang zum Sport. Und es herrschen dort auch andere Schönheitsideale», sagt er. Winterthurs Schulvorsteher Stadtrat Stefan Fritschi (FDP) stellt eine gewisse Berührungsangst fest. Mädchen aus praktizierenden islamischen Familien erlebt er als «oft zurückhaltender, wenn es um körperbetonte Sportarten geht». Zum Ausdruck komme dies etwa in Dispensationsgesuchen vom Schwimmunterricht. Für Fritschi deuten die Resultate auf mangelnde Emanzipation in diesen Kulturen hin. Auch im Vereinssport seien junge Ausländerinnen untervertreten.

Studienleiter Krebs führt die Unterschiede indes weniger auf die Religion als vielmehr auf den sozialen Status der Familien zurück. Aus einer Untersuchung in der Stadt Zürich mit den gleichen Tests weiss er: Je reicher und gebildeter die Eltern sind, desto besser schneiden die Mädchen und Buben in den Sporttests ab.

Mehr Bewegung für weniger privilegierte Kinder

Zusätzlich zur Längsschnittstudie mit den 600 Primarschülern führen die ETH-Fachleute in Winterthur jedes Jahr mit den neuen Erstklässlern die gleiche Testreihe durch. Dabei zeigt sich, dass im Durchschnitt knapp 16 Prozent der Kinder übergewichtig sind. Ein Viertel von ihnen gelten als adipös, also stark bis sehr stark übergewichtig. Die Quote blieb über die vergangenen vier Jahre stabil. Doch zeigte sich, dass die ohnehin übergewichtigen Kinder über die Jahre am meisten von allen zunehmen.

Stadtrat Stefan Fritschi will erreichen, dass sich übergewichtige, weniger privilegierte Kinder und vor allem Mädchen mehr bewegen. Dabei setzt er schon früh an. Bereits beteiligt sich rund ein Drittel der Winterthurer Kindergärten am Bewegungsförderungsprojekt Purzelbaum. Sie haben Sportgeräte installiert und animieren die Kinder zur körperlichen Aktivität – auch in der Freizeit.

Auch soziale Aspekte im Zentrum

Ebenfalls bereits etabliert haben sich die Schulsportkurse «Move». Diese richten sich an «Kinder mit motorischem Förderungsbedarf». Für übergewichtige Kinder wird der Kurs «Rund und bewegt» angeboten. Bei der Vergabe der Sportförderungsbeiträge will Fritschi künftig noch besser darauf achten, dass Sport- und Freizeitangebote für Mädchen gefördert und propagiert werden. Zum Beispiel Tanz-, Turn- und Reitangebote. Nachholbedarf bestehe auch bei der Infrastruktur auf Fussballplätzen, die oft kein Nebeneinander von Mädchen- und Knabenmannschaften erlaube.

Bei der Bewegungsförderung gehe es ihm nicht nur um Sport und Gesundheit, sondern auch um soziale Aspekte, sagt Fritschi. «Unsportliche Kinder werden oft von ihren Kollegen ausgegrenzt.» So gesehen sei Sportpolitik auch ein Stück weit Integrationspolitik. Auch Studienleiter Krebs betont, das Ziel sei nicht, dass «plötzlich alle schlank und rank sind». Die Testreihe in Winterthur wird nächstes Jahr weitergeführt.

Erstellt: 29.11.2011, 10:32 Uhr

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