Neuer oder alter Kindergarten?

Die Stimmberechtigten entscheiden am 25. November, ob im Kanton Zürich anstelle des heutigen Kindergartens die Grundstufe eingeführt werden soll – entweder freiwillig oder obligatorisch.

Gemischte Klasse in Hütten ZH: Die Kinder werden ihrem Entwicklungsstand entsprechend gefördert.

Gemischte Klasse in Hütten ZH: Die Kinder werden ihrem Entwicklungsstand entsprechend gefördert. Bild: Nicola Pitaro

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Am nächsten Abstimmungssonntag werden es fast exakt zehn Jahre her sein, dass der damalige Bildungsdirektor Ernst Buschor (CVP) mit einer Mega-Schulreform gescheitert ist. Er sprach damals von «einem schwarzen Tag für die Zürcher Jugend». Die Stimmberechtigten hatten am 24. November 2002 mit 53 Prozent Nein-Stimmen ein Volksschulgesetz abgelehnt, mit dem unter anderem die Grundstufe eingeführt worden wäre – eine neue, damals noch wenig bekannte Art der Einschulung, in der Kindergarten und Schule verschmolzen werden. Ängste vor der Grundstufe hatten den Ausschlag für das Volks-Nein gegeben.

Jahrelang erprobt

Nun dürfen Zürcherinnen und Zürcher am 25. November erneut über die Grundstufe abstimmen. Diesmal müssen sie aber nicht mehr die Katze im Sack kaufen. In 87 Schulklassen – viele auf dem Land, aber auch in Zürich und Winterthur – wird die Grundstufe teilweise schon seit acht Jahren erprobt. Im Unterschied zum Kindergarten kommen die Kinder in der Grundstufe nicht mehr in herkömmliche Gruppen von Gleichaltrigen, sondern in gemischte Klassen. Dort werden sie so gefördert, wie es ihrem Entwicklungsstand entspricht, der im Einschulungsalter von vier Jahren enorm unterschiedlich ist. Die Grundstufe dauert in der Regel drei Jahre.

Am Ende müssen die Kinder die Lernziele der ersten Klasse erreicht haben und treten dann in die zweite Klasse der Primarschule über. Besonders aufgeweckte Kinder können die Grundstufe schon nach zwei Jahren verlassen, Spätzünder können sich vier Jahre Zeit nehmen. Weil in der Grundstufe oft in unterschiedlichen Leistungsgruppen gelernt und gespielt wird, unterrichten in mindestens der Hälfte der Zeit zwei Lehrerinnen im sogenannten Teamteaching.

Kosten von 62 Millionen Franken

Die wissenschaftliche Überprüfung hat ergeben, dass in der Grundstufe alle Ziele erreicht werden und dass Eltern und Lehrpersonen zufrieden sind. Alle Versuchsgemeinden konnten auf Einschulungsklassen verzichten. In solche Sonderklassen kommen Kinder, die nach dem Kindergarten noch nicht «schulreif» sind. In der Grundstufe machen die Kinder auch schnellere Lernfortschritte, allerdings holen Kindergärtler ihren Rückstand auf und sind Ende der ersten Klasse gleich weit.

Wesentliche Unterschiede zwischen den Schulmodellen gibt es bei den Kosten. Der Regierungsrat rechnet bei einer flächendeckenden Einführung der Grundstufe mit jährlichen Mehrkosten von 62 Millionen Franken. Dies ist vor allem aufs Teamteaching zurückzuführen. Bei einer flächendeckenden Einführung müssten 350 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen werden.

Weiter sorgen die höheren Löhne für Mehrkosten; Grundstufenlehrerinnen verdienen im Unterschied zu den Kindergärtnerinnen gleich viel wie Primarlehrpersonen. Kleine Gemeinden können mit dem neuen Modell unter Umständen aber sparen. Im herkömmlichen Modell müssen sie heute teilweise zwei kleine Klassen bilden, während sie in der Grundstufe drei Jahrgänge zusammenlegen könnten.

«Prima» gegen Rückschritt

Dass es zur Abstimmung kommt, ist dem überparteilichen Verein «Chance Volksschule» zu verdanken, der mit seiner Prima-Initiative die Einführung der Grundstufe verlangt. Im Beirat des Vereins sitzen unter anderen die Unternehmer Anton Schrafl, David Syz, Carolina Müller-Möhl und auch Alt-Regierungsrat Buschor. Der Verein ist überzeugt von der Grundstufe und will verhindern, dass die Versuchsgemeinden zum Kindergarten zurückkehren müssen.

Der Kantonsrat lehnt mit der Regierung die flächendeckende Einführung ab – hauptsächlich aus finanziellen Gründen. Allerdings kommt diesmal noch ein Gegenvorschlag zur Abstimmung, der die freiwillige Einführung der Grundstufe vorsieht. Er wird sowohl von Regierung wie vom Parlament befürwortet.

Die Parteiparolen sind erst teilweise bekannt. Für ein doppeltes Nein ist die EVP, für den Gegenvorschlag die FDP. Auch der Zürcher Lehrerverband will die freiwillige Einführung, der VPOD steht für ein doppeltes Ja, bevorzugt aber die flächendeckende Einführung. Der Verband der Kindergärtnerinnen steht der Grundstufe skeptisch gegenüber, ist derzeit aber noch mit einer Mitgliederumfrage beschäftigt.

Noch kein grosser Durchbruch

Die Grundstufe ist nicht nur im Kanton Zürich ein Thema, sondern in der ganzen Deutschschweiz. In elf Deutschschweizer Kantonen laufen oder liefen Schulversuche. Die meisten erprobten aber das Modell Basisstufe, in dem zwei Kindergartenjahre und zwei Schuljahre vereint werden. Die Evaluation der Versuche hat ähnliche oder gleiche Resultate ergeben wie die Zürcher Studie: Pädagogische und schulische Ziele werden erreicht. Dennoch ist der grosse Durchbruch von Grund- und Basisstufe ausgeblieben, wie Christoph Mylaeus, Geschäftsführer der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren, erklärt. «Teilweise ist der politische Gegenwind beträchtlich», sagt er. Hauptargument der Gegner seien überall die höheren Kosten und die angeblich drohende «Verschulung des Kindergartens».

Auch Kindergarten entwickelt sich weiter

In den letzten zehn Jahren hat sich im Windschatten der Grundstufe auch der Kindergarten weiterentwickelt. Praktisch überall gibt es für den Kindergarten Lehrpläne, und er ist organisatorisch der Schule angegliedert. Der Graben zwischen Kindergarten und Schule blieb gleichwohl bestehen. So kommt es etwa bei jedem achten Kind zu einem Bruch der Schullaufbahn beim Übertritt in die Schule. Die Kinder werden etwa zurückgestellt oder in Einschulungsklassen eingeteilt. Weil Grund- und Basisstufe mit flexiblerer Klassenbildung organisatorische Vorteile bringen, haben etliche Kantone die freiwillige Einführung beschlossen. So etwa Luzern und Bern. Flächendeckend hat sich noch kein Kanton für das neue Modell ausgesprochen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2012, 10:44 Uhr

Unterrichtssprache

Ist die Mundart in Gefahr, wenn Kindergärtler und Erstklässler gemeinsam unterrichtet werden?

Die Stimmberechtigten haben vor einem Jahr bestimmt, dass im Kindergarten Mundart gesprochen wird. Viele Schulen gehen die Umsetzung jedoch gelassen an. Vor allem im Umgang mit Lehrpersonen, die nicht Schweizerdeutsch reden: Schulleiter wehren sich, ihre deutschen Kollegen in Mundartkurse zu schicken. Und Experten halten es für wenig förderlich, wenn Kindergärtler in fehlerhaftem Zürichdeutsch unterrichtet werden.

Das ärgert die Winterthurer EVP-Kantonsrätin Ruth Kleiber. Zusammen mit den Kantonsräten Anita Borer (SVP) und Hans Egli (EDU) will sie sicherstellen, dass die Initiative «Mundart im Kindergarten» umgesetzt und in den Kindergärten auch Mundart gesprochen wird. «Speziell wichtig ist uns die Frage, wie das Anliegen bei Einführung der Grundstufe umgesetzt wird», sagt Kleiber. So werde heute in vielen Grundstufenklassen Hochdeutsch gesprochen, weil dort Erstklässler und Kindergärtler gemeinsam unterrichtet würden. Mit ihrer dringlichen Anfrage will Kleiber wissen, wie eine solche Missachtung des Volkswillens verhindert werden könnte. Im 1. und 2. Grundstufenjahr sollte nach Kleiber Mundart Unterrichtssprache sein. Erst im dritten Jahr wäre der Wechsel zum Hochdeutschen angesagt.

Grundsätzlich vertrage sich der Wille der Initiative mit der Grundstufe, sagt Martin Wendelspiess, Chef des Volksschulamts. Sowohl Mundart als auch Hochsprache sind im Unterricht vorgesehen. «Beim Lesenlernen aber kommt man um die Hochsprache nicht herum.»

Initiative nur zum Teil umsetzbar

So strikt, wie Kleiber das gerne hätte, lässt sich der Initiativtext also nicht umsetzen. Kommt hinzu, dass in der Grundstufe altersdurchmischt gelernt wird. Mundart werde beim Zusammensitzen im Kreis oder beim Singen gesprochen, so Wendelspiess. «Immer dann, wenn das Soziale gepflegt wird.» Genau festgelegt werde dies aber erst im Lehrplan.

Kleiber will von einem Anstellungsverbot für deutsche Lehrer nichts wissen. «Die Mitarbeiter sollten aber ermutigt werden, Mundartkurse zu besuchen.» Dort würden sie auch das Schweizer Brauchtum kennen lernen. Im Kanton Zürich haben 2,2 Prozent der Lehrer ein ausländisches Diplom. Bei den 1700 Kindergärtnerinnen schätzt Wendelspiess deren Anzahl auf maximal 30. (lop)

Pro und Kontra
Podiumsdiskussionen

Montag, 29. Oktober, 19.30 Uhr. Dietikon, Restaurant Sommerau Ticino.

Dienstag, 30. Oktober, 19.30 Uhr. Zürich, Schulhaus Gabler.

Mittwoch, 31. Oktober, 20 Uhr. Wetzikon, Restaurant Drei Linden.

Donnerstag, 1. November, 19.30 Uhr, Winterthur, Restaurant Wartmann.

Dienstag, 6. November, 19.30 Uhr, Zürich,
Aula Schulhaus Ämtler A

Montag, 29. Oktober, 19.30 Uhr. Dietikon, Restaurant Sommerau Ticino.

Dienstag, 30. Oktober, 19.30 Uhr. Zürich, Schulhaus Gabler.

Mittwoch, 31. Oktober, 20 Uhr. Wetzikon, Restaurant Drei Linden.

Donnerstag, 1. November, 19.30 Uhr, Winterthur, Restaurant Wartmann.

Dienstag, 6. November, 19.30 Uhr, Zürich, Aula Schulhaus Ämtler A.

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