Nicht Scheinehen, sondern «Naivehen»

Binationale Ehen zerbrechen häufig nach fünf bis sechs Jahren. Viele Leser von Tagesanzeiger.ch glauben, dass es sich stets um Verbindungen zwischen einem Schweizer und einer Ausländerin handelt. Ein Irrtum.

Anzahl Ehescheidu...

Quelle:Statistik Stadt Zürich


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Von 829 binationalen Paaren, die im Jahr 2010 geschieden worden sind, waren 278 fünf oder sechs Jahre verheiratet. Ein möglicher Grund: Nach fünf Ehejahren erhält der ausländische Partner einer binationalen Ehe die Niederlassungsbewilligung C. Der Bericht dazu auf Tagesanzeiger.ch führte zu einer heftigen Debatte in der Kommentarspalte.

Leser Rolf Schrader ist überzeugt, dass «die mittlere Dauer einer Liebesbeziehung zwischen fünf und sieben Jahren liegt». Tatsächlich lag die durchschnittliche Ehedauer von Schweizer Ehepaaren, die 2010 geschieden wurden, bei 15,6 Jahren. Jene von binationalen Paaren nur bei 7,5 Jahren. Dies zeigen Daten von Statistik Stadt Zürich. Das liege aber auch daran, dass binationale Partnerschaften früh heiraten müssten, um überhaupt zusammen sein zu können, schreibt Dominik Bucheli. «Schweizer sind oft schon mehrere Jahre in einer Partnerschaft, bevor sie heiraten, und wissen deshalb sehr gut, ob die Beziehung funktioniert. Bei binationalen Ehen muss dies in der Ehe ausprobiert werden.»

Schein oder Sein?

Für viele ist die zentrale Frage: Sind solche Ehen Scheinehen oder nicht? Astrid Meier bezeichnet eine Vermählung zwischen «einer hübschen, jungen Thai» mit einem «mässig attraktiven, mässig verdienenden, nicht so charmanten älteren Herrn» als Optimierung der Lebensverhältnisse, aber nicht als Scheinehe. Auch Stefan Jost findet, es handle sich dabei eher um «Naivehen» als um Scheinehen.

Und Dominik Bucheli präzisiert: «Eine Scheinehe ist nur dann eine Scheinehe, wenn bei der Eheschliessung keine Liebesbeziehung zwischen den Ehepartnern besteht.» Das bestätigt auch der Scheidungsanwalt Roger Groner gegenüber Tagesanzeiger.ch: «Von einer Scheinehe kann man nur dann sprechen, wenn von Anfang an kein Ehewille vorhanden war. Viele der Scheidungen binationaler Ehen, die ich betreue, haben sicher mit einer echten Beziehung begonnen.»

Woher kommen die ausländischen Ehepartner?

Viele Leser sind überzeugt, dass eine binationale Ehe typischerweise aus einem Schweizer Mann und einer ausländischen Frau besteht, welche vorwiegend aus Thailand, Russland oder Brasilien stammt. Teilweise stimmt das sogar. Brasilien stand 2010 als Herkunftsland der frisch vermählten ausländischen Frauen an zweiter Stelle, Thailand an vierter und Russland an siebter. Doch waren es mit 17,8 Prozent fast gleich viele Schweizerinnen, die einen Ausländer geheiratet haben, wie Schweizer, die eine Frau aus dem Ausland ehelichten (19,6 Prozent). Und: Die ausländischen Ehepartner von Schweizern – Männer wie Frauen – stammen in erster Linie aus Deutschland, viele auch aus Italien und den USA.

Schliesslich berichten viele Leser auch von eigenen Erfahrungen: «Meine Frau und ich feiern dieses Jahr das Zehnjährige!», schreibt Marcel Zufferey, der mit einer Philippinerin verheiratet ist. Das Paar überlege sich, die Frühpensionierung im Heimatland der Frau zu verbringen. Und Marcel Zürcher schreibt, es gäbe genügend Fälle, bei denen der ausländische Partner ein gutes Leben aufgebe, um mit einem Schweizer zusammen zu sein. Er selbst befinde sich gerade mit seiner Frau in einem Einbürgerungsprozess, der anspruchsvoll und beschwerlich sei. (fsc)

Erstellt: 30.06.2011, 12:26 Uhr

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