Niemand ist sicher vor den Smartphone-Sheriffs

Wenn auf der Strasse etwas schiefläuft, filmen alle mit. Dies vergiftet das soziale Klima.

Nichts passiert, ohne dokumentiert zu werden. Foto: Oleg Nikishin Bild: Keystone

Nichts passiert, ohne dokumentiert zu werden. Foto: Oleg Nikishin Bild: Keystone

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Ein Smartphone, ein Film, ein Beweis. Das Handy ist der Revolver des modernen Hilfssheriffs. Nur wenige Sekunden eines verwackelten Handyfilms oder ein paar verschwommene Fotos reichen, um das Leben eines anderen Menschen komplett zu verändern. Das mussten jüngst drei VBZ-Chauffeure erleben. Laut SRF wurden sie von Passagieren gefilmt, wie sie während der Fahrt ihr Handy bedienten. Die VBZ haben den Chauffeuren fristlos gekündigt. Dass solche Vergehen keine Bagatelle sind und angemessene Konsequenzen haben müssen, bestreitet nicht einmal die Gewerkschaft. Streitbar ist hingegen, wie man mit den modernen Beweisfängern umgehen soll.

Das Smartphone verleiht den Bürgerinnen und Bürgern eine enorme Macht. Sie können Fehler der anderen nicht mehr nur beobachten, sondern sofort festhalten, gezielt versenden und in den sozialen Medien publizieren. Hilfreich ist das dann, wenn sie damit gravierende und systematische Missbräuche einfangen, die ansonsten nicht zur Rechenschaft gezogen würden. Die verwackelten Bilder und Videos aus Barcelona sind ein Beispiel dafür. Sie haben die teils massive Gewalt der Polizisten während des katalanischen Unabhängigkeitsreferendums dokumentiert und damit die internationale Aufmerksamkeit auf diesen Missstand gelenkt.

Die Amtsstelle rät zur Überwachung

In vielen Fällen besteht aber die Gefahr, dass die Smartphones ein kleinliches Denunziantentum fördern. Das bekam kürzlich ein Zürcher Alt-Stadtrat zu spüren. Wenig vorbildlich ist er mit seinem Auto bei einer Glassammelstelle vorgefahren, überquerte dabei einen Fussgänger- und einen Veloweg. Ein moderner Hilfssheriff schoss pflichtbewusst Bilder davon. Laut «Lokalinfo» hat ihm Entsorgung + Recycling Zürich dazu geraten: Wenn er solche Vergehen an der Entsorgungsstelle beobachte, soll er sie doch aufzeichnen.

«Die Bürger überwachen sich 
selbst – freiwillig.»

Beginnen wir, mit unseren Smartphones gegenseitig die Fehler der anderen systematisch zu dokumentieren, birgt das eine beträchtliche Gefahr, und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Eine Ironie deshalb, weil sich vor allem linke Kreise über jede neue Überwachungskamera empören. Und was den Linken die Überwachungskamera ist, ist den Bürgerlichen der Blitzkasten an der Strasse, der sie angeblich ihrer Freiheit beraubt. Dabei hat das Ausmass der freiwilligen Überwachung bereits eine Dimension angenommen, welche die staatliche um ein Vielfaches übertrumpft. Was sich der Staat früher viel Geld kosten liess, erledigen die Bürgerinnen und Bürger heute für ihn, gratis und freiwillig.

Filmen braucht weniger Mut

Gefährlich ist die Entwicklung deshalb, weil sie das Klima unter den Menschen vergiftet. Sie nährt eine Empörungskultur und schwächt die Fehlertoleranz bei alltäglichen Verfehlungen, die wir alle begehen. Der moderne Denunziant sieht es als seine hochheilige Bürgerpflicht an, ein beobachtetes Vergehen zu melden. Darin unterscheidet er sich nicht von der altmodischen «Täderlichatz». Doch die gespeicherten Bilder haben seine Erwartungen verändert.

Videos und Fotos vergrössern das Ausmass eines Fehlers nicht, aber sie machen diesen indiskutabler. Der Spielraum für Verständnis schrumpft, damit steigt die Erwartungshaltung desjenigen, der auf das Vergehen aufmerksam wurde: «Jetzt muss doch etwas geschehen, die Beweise liegen vor.» Passiert dennoch nichts, kann er Empörung und Applaus in den sozialen Medien suchen. Auch die klassischen Medien fördern diese Entwicklung, indem sie «Leserreporter» zum Einschicken von Bildern aufrufen.

Dem modernen Hilfssheriff reicht es nicht mehr aus, seine Mitmenschen lautstark auf ihr Vergehen hinzuweisen und zum Beispiel dem Tramchauffeur ins Gesicht zu rufen, was ihm eigentlich einfalle, während der Fahrt mit seinem Smartphone herumzuspielen. Es genügt ihm nicht mehr, den Alt-Stadtrat persönlich zu konfrontieren. Nein. Er zieht das Smartphone und schiesst drauflos. Ein Film, ein Beweis, ein persönlicher Erfolg.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2017, 20:26 Uhr

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