Nisthilfe für Höngger Sommerboten

Für die einheimischen Mehlschwalben wird das Leben immer schwieriger. In Höngg, wo die grösste städtische Kolonie brütet, will man den akrobatischen Flugkünstlern mit einem Projekt zu Hilfe kommen.

Künstliche Nester: Weil Nahrung und geeignetes Material fehlen, wurde ein Projekt ins Leben gerufen. (Video: Schweizer Vogelschutz SVS/Birdlife Schweiz)

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«Es grünte allenthalben. Der Frühling wurde wach. Bald flogen auch die Schwalben. Hell zwitschernd um das Dach. Sie sangen unermüdlich. Und bauten ausserdem, ihr Nest aus feuchtem Lehm.»

Als der deutsche Dichter Wilhelm Busch diese Zeilen vor über hundert Jahren niederschrieb, zimmerten im Zürcher Quartier Höngg die heimischen Mehlschwalben ihre Nester noch selbst. Bis in die Fünfzigerjahre kitteten die kleinen Singvögel ihre Brutschalen unter den Dachvorsprung von Arthur Zwickys Garage an der Riedhofstrasse. «Wo die Schwalbe nistet am Haus, ist das Glück zu Haus», dachte sich wohl der Höngger «Schwalben-Vater» und liess sie gewähren. Drinnen in der Garage, einem ehemaligen Pferdestall, hatten sich zudem Rauchschwalben eingenistet. Zwickys Söhne sind mit Schwalben aufgewachsen. «Wir konnten schleifen, schweissen und hämmern, das störte die nicht», erinnern sie sich. Beim Einnachten hätten die Vögel jeweils scharenweise ihre Flugkünste vorgeführt und Insekten im Flug erbeutet.

Heute finden die Höngger Flugakrobaten mit der glänzend blauschwarzen Oberseite und den weissen Bäuchen, die aussehen, als wären sie im Mehl gesessen, kaum mehr Nistmaterial. Unter Zwickys Dachvorsprung hängen zwar 31 Schwalbennester – allerdings künstliche. Zwickys haben sie geputzt und gestriegelt, sodass sie bereit sind für die Hotelgäste. Am Riegelhaus an der nahen Singlistrasse gibts nochmals 18. Nur in den 25 Kunstnestern in der Bombachhalde haben sich Spatzen eingenistet. Eine einzige Mehlschwalbe ist dort letzten Sommer gesichtet worden.

Die künstlichen Nester sollen helfen, die in Höngg brütende Population – die grösste in Zürich – zu erhalten. «Es fehlen Insekten, gute Nistmöglichkeiten an Gebäuden und Pfützen, in denen die Vögel Lehm für die Nester finden können», sagt Verena Steinmann Manz, Hobby-Ornithologin und Vorstandsmitglied des Natur- und Vogelschutzvereins (NVV) Höngg, einer Sektion von SVS/Birdlife Schweiz. Diese hat deshalb das Projekt Mehlschwalbenförderung ins Leben gerufen. «Klar hätten wir es gerne, wenn unsere Schwalbenpopulation wachsen könnte», sagt die engagierte Vogelkundlerin. «Aber wir sind schon froh, wenn wir den Istzustand erhalten können.»

Nestzerstörung ist strafbar

Der NVV Höngg will die Brutbedingungen dieser Piepmätze im Quartier verbessern. Vereinsmitglieder begradigen und reparieren schiefe Nester, damit diese für die bald einfliegenden Luftikusse bereit sind. Und sie reinigen die Kotbretter, die man unter den Nestern aufhängt, damit die Hauswände sauber bleiben. Kotverschmutzung ist oft der Grund, weshalb Hausbesitzer Schwalbennester trotz Schutz durch das Jagdgesetz mutwillig zerstören. Doch wer das Brutgeschäft stört, macht sich strafbar. Ist eine Entfernung unumgänglich, darf dies nur im Winterhalbjahr geschehen.

Nachdem die Höngger Mehlschwalben im Herbst ihre über 6000 Kilometer lange Reise in ihre Winterquartiere zwischen Sahelzone und Südafrika in Angriff genommen haben, steht für die Vogelschützer die grösste Arbeit, das Platzieren der neuen Nester, bevor. Manchenorts ist eine teure Hebebühne nötig. «Das kostet einiges», sagt Steinmann. Der Verein freut sich deshalb über Zuwendungen.

Das Engagement in Höngg scheint sich zu lohnen. Letztes Jahr sind 30 der 31 künstlichen Nistplätze bei Zwickys besetzt gewesen. Auch die Brutplätze an der Singlistrasse waren ausgebucht. Wenn die Männchen am Nistplatz balzen, weiss Verena Steinmann, zwitschern sie und bewegen ihre weissen Bürzel. «Fast wie Turnübungen» mute das an. Zwar gelten Schwalben als monogam, doch «Fremdgehen in den frühen Morgenstunden» sei keine Seltenheit, sagt die Expertin. Und es gebe deswegen auch ab und an Krach in der Kolonie.

Viel mehr als direkte Hilfe beim Nistplatzbau ist bei den Mehlschwalben kaum möglich. Denn das Wichtigste sind ausreichend Insekten. Pro Brut verfüttern die Eltern ihren Jungen bis zu 150'000 Mücken – rund ein Kilogramm. Sie fangen die kleinen Biester in der Luft und kneten sie im Schnabel zu Bällchen à 380 Stück für ihren Nachwuchs.

22 bis 32 Tage füttert das Paar die Jungvögel abwechselnd, bis sie flügge sind. Ausgewachsen sind die Mehlschwalben so schwer wie das Viertel einer Schokoladentafel und ein bisschen kleiner als ein Spatz. Ihre Flügelspannweite ist mit 26 bis 29 Zentimetern umso imposanter. Für seine Brut macht das Schwalbenpaar alles. Gut 6000-mal fliegt es ans Nest, bis seine Pflicht getan ist.

1500 Lehmkügelchen fürs Nest

Die Kunstnester haben die Höngger Schwalben, die im Schnitt zwei Jahre alt werden, dankbar angenommen. Sie ersparen ihnen gut zwei Wochen Arbeit. Eine Mehlschwalbe, die selber Baumeister spielt, muss 700 bis 1500 Lehmkügelchen formen, bis ihr Nistplatz hängt. Wer die geschwätzigen Vögel als Gäste hat, kennt keine Mückenplage. Sie bringen eben doch Glück, diese Mehlschwalben.

Soll die Population nachhaltig geschützt werden, reichen künstliche Nester nicht. Auch das Futterangebot muss stimmen. Dazu müssten Brachflächen erhalten werden, genauso wie Teich- und Feuchtflächen, sagt Verena Steinmann. Alle Gartenbesitzer könnten dazu beitragen, indem sie einheimische Pflanzen bevorzugten. «Wir müssen diese Vögel erhalten», sagt Steinmann und schwärmt von den Sommerabenden im Gezwitscher der fliegenden Künstler. Auch wenn sie im Herbst dann sentimental wird, «weil man nie weiss, wer wieder zurückkehrt». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2015, 15:18 Uhr

Eine Mehlschwalbe sammelt Material für ihr Nest. Wer die geschwätzigen Vögel als Gäste hat, kennt keine Mückenplage. Foto: Alamy

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