Notfalls hätte sie sich angekettet

SP-Politikerin Jacqueline Badran setzte alles daran, das MFO-Gebäude vor dem Abbruch zu bewahren. Sie erhob den Bau bei der ABB zur Chefsache – und machte damit die Hausverschiebung erst möglich.

Das bewegte Haus: Vor der Verschiebung des MFO-Gebäudes in Oerlikon spielte sich ein Politkrimi ab. Foto: Reto Oeschger

Das bewegte Haus: Vor der Verschiebung des MFO-Gebäudes in Oerlikon spielte sich ein Politkrimi ab. Foto: Reto Oeschger

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Totgesagte leben länger. Das gilt auch für Häuser, wie der Fall MFO zeigt. Gleich mehrmals war das ehemalige Verwaltungsgebäude der Maschinenfabrik Oerlikon dem Untergang geweiht – und hat überlebt. Heute ab 11 Uhr soll es in einer spektakulären Aktion verschoben werden. «Wenn es ideal läuft, schaffen wir die 60 Meter in 15 Stunden», sagt Ingenieur Rolf Iten (TA von gestern).

Bis dessen Künste überhaupt gefragt waren, spielte sich hinter den Kulissen zwischen der Stadt Zürich, SBB, ABB und der Immobilienfirma Swiss Prime Site ein jahrelanges Seilziehen ab. Und die Verhandlungen standen unter keinem guten Stern: «Backsteinhaus in Oerlikon droht der Abbruch», titelte im April 2009 der «Tages-Anzeiger».

Eine Machbarkeitsstudie hatte gezeigt, dass der 6200 Tonnen schwere Bau zu retten wäre, wenn man ihn um 63 Meter nach Westen verschiebt. Doch die Swiss Prime Site hatte etwas dagegen – weil das bewegte Haus genau vor den eigenen Bürokomplex verpflanzt würde. «Dann ist unser Gebäude nicht mehr richtig sichtbar. Dadurch lässt sich dieser Gebäudeteil, der zurzeit leer steht, schlechter vermieten» , liess sich damals ein Firmenvertreter zitieren. Nicht einmal die Aussicht, dass es das Gebäude und ein städtisches Landstück geschenkt bekommt, konnte das Oltner Unternehmen umstimmen. Zu gross war auch die Angst, dass das Haus bei der Verschiebung Schaden nehmen könnte.

«Das Gebäude ist verloren»

Fünf Monate später kippte die Stimmung. Die Swiss Prime Site bot Hand zur Verschiebung. Sie war sogar bereit, 11 Millionen «für die Verpackung und den Versand des Gebäudes zu übernehmen», wie der CEO Markus Graf später stolz vor seinen Aktionären verkündete. Dafür stellte sich plötzlich der Industriekonzern ABB quer. Als Besitzer des MFO-Gebäudes verlangte er 8,5 Millionen Franken von den SBB. Als Entschädigung dafür, dass das Gebäude den neuen Gleisen 7 und 8 weichen muss. Die Bahn berief sich dagegen auf die Sonderbauvorschriften für Neu-Oerlikon, die von der ABB einen Abriss und eine Altlastensanierung auf eigene Kosten vorsahen. Der Streit beschäftigte diverse Stellen; gleich mehrere Stadträte und hohe Beamte versuchten zu vermitteln – ohne Erfolg. Ende Juli 2010 teilte das Hochbaudepartement entnervt mit: «Das MFO-Gebäude ist verloren.» Die Zeit sei zu knapp für eine Verschiebung.

Damit fanden sich alle zähneknirschend ab – nur eine nicht. Die damalige SP-Gemeinderätin Jacqueline Badran wollte das «einzige Neu-Oerliker Gebäude mit einer Seele» unbedingt bewahren. «Alle sagten zu mir: Vergiss es. Und es schien tatsächlich gelaufen, weil sich die Juristen komplett in den Fall verbissen hatten und nur ums Geld stritten.» Dabei wären es nicht sie, sondern ABB-Schweiz-Chefin Jasmin Staiblin gewesen, die bei einem Abriss die Wut der Bevölkerung auf sich gezogen hätte.

Aus diesem Grund machte Badran das Schicksal des MFO-Gebäudes bei der ABB zur Chefsache. Sie trommelte am 1. September 2010 die Fraktionschefs im Gemeinderat zusammen und liess sie einen offenen Brief an Staiblin unterschreiben. Darin appellierte die Politik an deren Verantwortung für das geschichtsträchtige Gebäude, wies sie auf den kostspieligen Abriss hin – und bat sie, auf ihren Entscheid zurückzukommen. «Von AL bis FDP machten alle mit. Nur die SVP fand, man könne doch der ABB-Chefin nicht dreinreden.» Um zusätzlich Druck zu machen, brachte Badran eine NZZ-Journalistin dazu, tags darauf bei der ABB nachzuhaken.

Badrans stiller Erfolg

Der «Vorstoss auf dem nicht ganz korrekten Dienstweg», wie ihn die Politikerin selber nennt, verfehlte seine Wirkung nicht: Am Mittwoch wurde unterschrieben, am Donnerstag ging der Brief raus, am Freitag entschied die ABB einzulenken. «Wir sind ein Unternehmen, das sowohl seine unternehmerische als auch seine gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt», liess sich ABB-Chefin Staiblin zitieren. Später einigte sich die Firma mit den SBB auf eine Entschädigung. Es soll weit weniger als die zunächst verlangten 8,5 Millionen sein.

Badran hängte ihren Erfolg nicht an die grosse Glocke. Sie hat den Appell nicht einmal selber unterschrieben – und erwähnte die Episode nur in ihrem Blog. So richtig ausgepackt hat die Nationalrätin erst im letzten «Sonn Talk», weil sie in letzter Minute offiziell zur Hausverschiebung eingeladen worden war.

Und was wäre passiert, wenn die ABB nicht nachgegeben hätte? «Dann hätte ich weiter Druck gemacht und mich notfalls sogar ans Gebäude gekettet, um den Abriss zu verhindern.»

Tagesanzeiger.ch/Newsnet ist beim Start der Hausverschiebung vor Ort und wird ab 11 Uhr laufend berichten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.05.2012, 08:24 Uhr

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